geschenkt. Das Salische Gesetz hat in der Türkei volle Geltung, denn die Tronfolge erbt nie auf die Töchter fort und nur in der männlichen Linie weiter. Ein furchtbarer Gebrauch in der regierenden Familie vom Stamme Osmans und ein Regierungsprincip ist es, dass weder die Brüder noch die Söhne des Sultans überhaupt Nachkommenschaft, ihre Schwestern aber mir weibliche haben dürfen. Die Söhne derselben werden sofort nach der Geburt erdrosselt.
Das ist auch eines der dunklen Geheimnisse der Harems!
Die Kadinen eines verstorbenen Sultans dürfen nicht wieder heiraten und werden nach dem EskiSerai – dem alten Serail, in der Mitte von Stambul belegen, – gebracht; der Harem des regierenden Sultans bewohnt gegenwärtig den nördlichen Flügel des Palastes von Tschiragan und folgt seinem Herrn ganz oder zum teil nach den verschiedenen Schlössern; in welchen er seinen Aufentalt nimmt. Derselbe wird bei Weitem strenger überwacht, als der Harem eines Privatmannes. Die grosse Zahl von jugendlich kräftigen Frauen bleibt fortwährend in den Gemächern eingeschlossen und ihre einzige Erholung in frischer Luft ist, wenn – was höchstens drei bis vier Mal im Jahre geschieht – der Sultan die erlaubnis gibt, dass sie die kaiserlichen Gärten von Dolmabagdsche betreten dürfen.
Diese – von hohen Mauern umgeben und jedem Auge, als dem der Eunuchen versperrt – sind dann der Schauplatz einer solchen Ausgelassenheit und eines so unbeschränkten tobenden Genusses der kurzen Freiheit, dass die europäischen Gärtner des Grossherrn, wenn ihnen ein solcher Besuch angekündigt wird, sorgfältig alle Früchte und Blumen vorher entfernen, denn kaum ein Blatt bleibt ungebrochen von dem Mutwillen der entfesselten Lebenskraft. Ausserdem besuchen zuweilen unter strenger und zahlreicher Bewachung der Eunuchen die Kadinen und Odalisken in kleinerer Zahl die süssen Gewässer von Asien und Europa, diese Lieblingsorte der Frauen von Stambul. ––––––––––––––––––––––––––––
Nenn man das erste der sieben Vorgebirge, die auf jedem Ufer mit entsprechenden Buchten den Lauf des Bosporus bilden, auf der europäischen Seite – Tophana – das alte Metopon, hinter sich hat, fährt der Kaïk in die schöne Bucht von Dolmabagdsche ein, an dem Ufer entlang, an dem früher ein Altar des Ajax und der Tempel des Ptolemäus Philadelphus stand, dem die Lateiner göttliche Ehre erwiesen. Auf dieser Rhede, dem Pentecontoricon: der Rhede für die fünfzigruderigen Schiffe, liess der Scyte Taurus auf dem Wege nach Creta seine Fahrzeuge ankern. Am Ufer liegt die Moschee Anni-Effendi und weiter hinauf am Ufer gegenüber der Stelle, wo er seine Flotten zu sammeln pflegte, um den Schrecken an die Küsten des mittelländischen Meeres zu tragen, steht das einfach malerische Denkmal Hairaddins Barbarossa's, des berühmtesten türkischen Seehelden.
Am Ufer streckt hier der Palast Tschiragan seine lange Fronte von Stein- und Holzbau mit Arabesken und Stuckaturen hin. An den höhern Mittelbau schliessen sich zwei Flügel, die wiederum von vorspringenden Seitengebäuden flankirt werden. Ein schmaler Quai von schönen Marmorquadern, in den das Wassertor für die Kaïks des Grossherrn einmündet, scheidet das Palais von dem Spiegel des Bosporus, auf den nach beiden Seiten hin die Fenster und Erker des Gebäudes eine prächtige Aussicht haben. Der nördliche Seitenflügel entält das Haremlik des Padischah; vergoldete Fenstergitter scheiden es von der Aussenwelt und schützen es gegen zudringliche Blicke, während sie den neugierigen Augen der Frauen volle Freiheit lassen, umherzuschweifen. – –
Die Sonne neigte sich zum Untergang und der kühle Seewind strich vom Pontus her durch die Eugen des Bosporus. Die Fenster des Kiosks5 im zweiten Stockwerk des Haremlik waren geöffnet und liessen die trotz der Herbstzeit warme angenehme Luft in das Gemach. Dasselbe bildete ein grosses Quadrat, dem sich am untern Ende den Fenstern gegenüber ein ähnliches anschloss, dessen von feinen Hölzern getäfelter Fussboden jedoch eine Stufe tiefer lag, als der des obern Zimmers, und von diesem ausserdem durch ein Geländer von Cedernholz geschieden war, das in der Mitte einen Durchgang liess. Das obere Ende des so entstandenen grossen Oblongums entielt die Fenster, und zwar vier dicht an einanderschliessende auf jeder der drei Seiten, so dass eine Art von Glaspavillon gebildet wurde, aus welchem die Aussicht nach allen Seiten unbehindert war. Der erhöhte Oberteil des Raumes entielt rund um die drei Wände einen etwa andertalb Fuss hohen und vier Fuss breiten Divan von rotem Tuch, dessen Goldfransen auf den Boden niederhingen. über den Fenstern lief durch das ganze Gemach ein Karnies, von dem faltenreiche Vorhänge von grüner, golddurchwirkter Seide, durch vergoldete Broncehalter aufgenommen, niederfielen. über diesem Karnies lag eine zweite Reihe von Fenstern mit doppelten Scheiben von gefärbtem Glase und zwischen diesen und der Decke war die sonst einfach in weissgrauer Farbe gestrichene Wand mit Blumen, Früchten und Waffenarabesken gemalt. Die gleichfalls schön gemalte und verzierte Decke war in zwei Teile gesondert, von denen der über dem untern Raum niedriger und flacher war, als der erste. Einzelne Koffer und schön gemalte, vergoldete und ausgelegte Kisten von wohlriechendem Holz standen an den Seitenwänden des Unterteils, oder an dem Geländer, welches die beiden Räume schied. Im der Mitte des Vorgemachs sprudelte aus einem Marmorbecken fortwährend ein Fontainenstrahl, zuweilen von den Sclavinnen mit Rosen- oder Orangenwasser vermischt und einen starken Duft verbreitend. In der Ecke befand sich das Tandur, der in der Türkei gebräuchliche tragbare Heerd, aus einem Holzrahmen bestehend, in dem sich ein kupfernes Gefäss mit Holzkohlen befindet, teils für die alle Augenblicke sich wiederholende Kaffeebereitung, teils für das Anzünden der Schibuks und Nargilehs bestimmt.
Vor dem rechten Ecksitz an den Fenstern, dem Ehrenplatz in türkischen Gemächern, lag der Schilteh, – das dünne, viereckige Kissen, welches das Schaaffell des Turkomanenzeltes vorstellen soll, dem