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schwarze SclavinnenBettler mit den widrigsten Gebrechen, die ihr "Allah il Allah" murmelnd an den Seiten der brücke sitzen und reichliche Gaben in ihr Schälchen empfangen; – die Saka's, die wasser- und Limonadenverkäufer; – Händler mit Zuckerwaaren; – die Hamals, die auf gekrümmtem rücken die schwersten Lasten befördern; – Eseltreiber mit ihren Tierendazwischen ein einzelner Reiter, ein Offizier oder Beamter der Pforte auf dem kleinen türkischen Pferde, die Pistolenhalftern und Schabracken mit breiten Goldborten überladen, rechts zur Seite des Pferdes der Träger der Waffen, der Mappe oder tasche, in welcher die Schriften aufbewahrt werden; links an den Schwanz des Pferdes sich haltend ein anderer Tschokadar mit dem Tabakksbeutel und Schibuck seines Herrn im langen blauen Sack; – alle Abstufungen von Farben in den Gesichtern, alle Pracht bunter Gewänder, reicher Gold- und Silberstickerei auf den Gestalten: – das ist das Bild dieses bunten Lebens, Treibens und Drängens.

Dennoch bewegt sich die ungeheure, ewig ab- und zuströmende Masse wenn auch nicht stillerdenn es herrscht durchgängig durch die zahlreichen Ausrufer und die Handelsleute ein betäubender Lärmen, – doch weit sicherer und geordneter als bei uns. Kein Wagen, keine Equipage sprengt den Strom der Fussgänger auseinander, nur selten fährt langsam ein von einem oder zwei vor einander gespannten Pferdenin den Umgebungen der Stadt auch von Ochsengezogener Araba daher. Es ist dies ein im Rococcostyl des Abendlandes gebauter Wagen mit rot angestrichenem und reich vergoldetem Kasten von fast dreieckiger Form, die Spitze nach unten, der in Riemen zwischen hohen Rädern hängt oder fest aufsitzt, und in dem die Frauen der reichen und vornehmen Türken mit einer oder zwei Sclavinnen durch die Strassen fahren, um ihrer Neugier zu fröhnen und die Läden zu beschauen. Ein Eunuch oder Sclave führt das Pferd und wahrt die ohnehin in den abscheulichen Jaschmal verhüllten Frauen vor jeder Berührung mit den Männern. –

Sobald man das Ufer betritt, schwindet alle Herrlichkeit des schönen Bildes und die Faulheit, Unordnung und der Schmuz des Orients bieten sich in ihrer vollen Widrigkeit dem blick des Europäers.

Diese ganze ungeheure Stadt müsste ein Flammenmeer gleich Moskau werden, um dann neu und herrlich aus den Händen des gebildeten Europa's an diesen paradiesischen Berghöhen emporzusteigen! – Die jetzigen systematischen Brandstiftungen, welche in bestimmten Perioden die türkische Regierung ausüben soll, um zu einem zweckmässigeren Neubau zu zwingen, genügen nicht und vermehren nur die traurige Unordnung durch den Anblick wüster Brandstätten, die Jahrzehende lang unbebaut bleiben.

Und dennoch fragen wir uns unwillkürlich, würde mit dieser Unordnung, diesem Gewirr, selbst diesem Schmuz im Eintausch gegen europäische Regelmässigkeit nicht auch jene Poesie des Orients schwinden, jener mährchenhafte Duft von Elend und Glanz, von Tod und Ueppigkeit, von Traum und Wahrheit, von Blut und Blumen, von Fanatismus und Letargie, Liebe und Sclaventum, Henkern und Houri's, Helden und Bettlern?

Würde die Newskoi-Perspective und der Winterpalast an die Felsenufer des Bosporus besser passen, als die schlanken Minarets, von deren Höhe der Muezzim zum Gebete ruft, oder als die geheimnissvollen Mauern und Kuppeln des Serails? – –

Dennoch lässt sich das Widrige, das Enttäuschende im Anblick dieses Schmuzes, dieser Vernachlässigung nicht hinwegläugnen. Ausser vor dem Arsenal Tershana und vor dem hof der Geschützgiesserei in Tophana gibt es um das ganze so trefflich geeignete Ufer des goldenen Horns keine Spur eines so notwendigen und schönen Quais, wie die europäischen Seestädte sie bieten. Wo das Schiff oder Boot an's Ufer legt, da tritt der Fuss in Schlamm oder Schmuz, jedes Gässchen, jedes Haus läuft unmittelbar auf den Meeresstrand aus und nicht hundert Schritt kann man auf demselben entlang gehen. Die Strassen sind, wie überall im Orient, eng und krumm und meistens Gässchen, in denen oft kaum ein Fussgänger dem andern ausweichen kann. Selbst in Pera und Galata herrscht diese Bauart und die grosse Perastrasse ist nur sechs Schritt breit. Die Strassen sind nur zun teil, und das so jämmerlich, gepflastert, dass es die Unbequemlichkeit erhöht. In der Mitte läuft die Gossewo eine solche existirt. Die Stadtteile an der nördlichen Bergwand, also Galata, Tophana, Pera etc., laufen so steil in die Höhe, dass der Weg ein blosses Steigen und Klimmen ist. Die Häuser sind hier meist von Stein gebaut, mit europäischen Einrichtungen, die indess wenig dem Klima entsprechen; die Hôtels der Gesandtschaften sind grosse prächtige Gebäude, ohne doch den Stadtteil zu zieren, da sie in hohe Mauern eingeschlossen oder durch enge und finstre Stiegen und Gässchen abgesondert sind. Die Perastrasse bietet eine Menge europäische Läden, mit dem Kram gefüllt, der in Europa als zurückgelegte Waare betrachtet wird. Galata ist der Hauptplatz des Verkehrs, halb türkisch, halb fränkisch. Die Kaufleute und zahlreichen Banquiers haben hier ihre Läden und Gewölbe, ebenso der türkische Handwerker, der in offener Bude an der Strasse sein Geschäft übt. Der Verkehr ist hier nach der Hornseite zu enorm.

Erreicht man über die erste Schiffbrücke das Ufer von Stambul, so tritt man alsbald in's volle türkische Leben. über niedere Häuser, deren Wände vom Boden bis zum Dach mit Hühnerkörben gefüllt sind, ragen die Kuppeln und Minarets der Moschee der Sultanin Valide empor, und man vertieft sich in die zahllosen Gassen und Gässchen, die zum grossen Bazar, zum alten Serail, zum Palast der Pforte, zum Hippodrom, zur Suleimania1 und der Zahl reicher Prachtbauten der andern Moscheen führen. Die Bauart