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o l d e n e H o r n .

Auf dem Ufervorsprung zwischen diesem und der Buchtung des Marmorameeres liegt die SiebenHügel-Stadt des Ostens, B y z a n z , – C o n s t a n t i n o p e l – S t a m b u l ! – Die drei Namen umfassen ihre geschichte.

Gegenüber auf der nördlichen Seite des goldenen

Hornes, dessen Ufer sich hier schroffer und steiler emporheben und als die westliche Felswand des Bosporus zum schwarzen Meere fortlaufen, liegen die neueren, zum teil von den Genuesen und Venetianern gegründeten Stadtteile: um die äussere Spitze T o p h a n a , daran stossend am inneren Ufer des Hornes G a l a t a , über beiden terrassenförmig auf der Berghöhe P e r a , die Frankenstadt. An Galata schliesst sich T e r s h a n a , mit dem grossen Schiffsarsenal und den Werften, C h a s k i ö i , P i r i - B a s c h a und S i d l i s c h e , bis am Ende der Meeresbuchtung, den sogenannten süssen Wassern von Europa, wo sich einzelne Binnenflüsschen in den Meeresarm ergiessen, die Vorstadt K a r a A g a t s c h die Verbindung mit Stambul, der Türkenstadt, bildet.

Auf der Höhe des berges umziehen die Vorstädte

C a s s i m - P a s c h a und S t . D e m e t r i die Frankenstadt Pera. Stambul selbst wird ausserhalb der grossen verfallenen Ringmauer, die es noch aus der Griechenzeit her einschliesst, von den Vorstädten E j o u b (zunächst am goldenen Horn) und D a o u d - P a s c h a umgeben. Gegenüber dem Eingang des goldenen Horns auf dem asiatischen Ufer liegt in prächtiger, sanft ansteigender Terrasse S c u t a r i , das gleichfalls als Vorstadt Constantinopels gilt. Als solche werden auch die fortlaufenden zusammenhängenden Ortschaften entlang der beiden Seiten des Bosporus angesehen, welche hauptsächlich durch die Paläste und Villen der vornehmen Türken und Europäer gebildet werden, zunächst auf dem europäischen Ufer: Funduklu, Dolmabaghdsche, Orta-Koi, Kura-Tschesme, Arnaud-Koi, Rumili-Hissar das berühmte Schloss von Europa, Baltaliman, Jeni-Kioi, Terapia und Buyukdere, während auf der asiatischen Seite an Scutari sich Beglerbeg, Koi, Kandili, Anatoli-Hissar das Schloss von Asien, Kandtische, Beikos und Unkiar-iskelessi anreihen.

Das ist die allgemeine Topographie jener Stätte auf Erden, die ein Paradies erscheint von Aussen, Moder und Verwesung im inneren.

Doch das ist nur das Menschenwerk! Was Gott auf jenem Fleck seiner schönen Welt geschaffen, das ist ein unvergänglicher, strahlender Diamant im Kranz ihrer Herrlichkeiten.

Ein blauer durchsichtiger Himmel wölbt seinen ewig heiteren Bogen über die leicht bewegte Flut, deren Ultramarin die Orientalen mit dem Namen Giök-sudas ist: H i m m e l s w a s s e r – getauft haben. Auf mehrere Meilen weit durchdringt das Auge diese klare, reine Luft so deutlich und sicher, wie in nordischen Landen kaum auf die Entfernung einer Viertelstunde die Gegenstände sich ihm zeigen. Am leicht aufsteigenden Berghange, der sich in sieben Hügel gruppirt, hebt sich die riesige Stadt, ein Meer von achtzigtausend HäusernByzanzConstantinopelStambulmit jenen tausendjähriqen Erinnerungen des alten Traciens, des mächtigen Römerreichesder Kreuzzügedes Jahrhunderte langen Kampfes der Komnenen und Paläologen gegen die asiatischen Horden, des Kreuzes gegen den Halbmond, des Christenreiches gegen die Moslems, für dessen Hilferuf das kirchenprahlerische Europa kein Ohr hatte; – mit jenen Erinnerungen an Ströme von Blut, an jene Siege des Halbmondes, der von hier aus Europa bedrängte und seine Nossschweife bis vor die Tore Wiens trug.

Welche Weltgeschichte türmt sich vor der Phantasie mit jenen Häusermassen in den blauen Himmelsdom!

Und da linksüber die Kiosks und Bleidächer von seltsamer Form, die zwischen Platanen und dunklen Cypressen von der Landspitze des Horns das Auge fesseln, über das S e r a i l – eine Stadt in der Stadthinweg hebt sich auch ein Dom, riesig und mächtig, ein Meisterwerk von Menschenhänden, wie die Erde kein zweites hat: – des grossen Justinian heiliger Gedanke an Gott, – die S o p h i e n - K i r c h e – jetzt die Aja Sophia, eine türkische Moschee, über deren Gigantenkuppel von 180 Fuss Höhe und 115 Fuss Spannung hoch in die Luft ein riesiger Halbmond sich streckt, als Wahrzeichen, dass Europa ja nicht vergessen möge seiner feigen Herzlosigkeit, ja nicht vergessen möge, dass es hier den Christenglauben von dem Moslem mit Füssen treten liess!

Aus dem Meer von Häusern, alle klein, alle eintönig in ihrer rotbraunen Farbe, tauchen Paläste und die bleiglänzenden Kuppeln der beiden Bazars und zahlloser Moscheen empor, schiessen die schlanken säulengleichen Minarets in die Höhe, mit den schmalen Rundgängen und den grünen hohen Spitzen, wie tausend Fingerzeige nach Oben. Dazwischen wechselt das Grün der Platanen, das dunklere der Cypressen von den Gärten und weiten Kirchhöfen auf der Höhe der Berge: der riesige Palast der Hohen Pforte streckt seine lange Front auf dem einzigen freien Platz zwischen den Häuserreihen, der Turm des Seraskiers, der Feuerturm, von dessen Höhe Tag und Nacht Wächter die weite Stadt überschauen, um alsbald den Ausbruch der gefährdenden Flamme