1855_Goedsche_156_246.txt

social revolutionaire Reform der Staaten würde auch sie sofort von ihrem goldenen Tron stossen. Selbst wenn die Prinzipien allgemeiner Gleichheit und Teilung, die doch nur der Köder für die einfältige Menge sind, glücklich an ihnen vorübergingen, wäre es aus mit ihrer herrschaft im Geschäftsleben."

"Die Speculation würde über die einzelne Gelbmacht siegen."

"So ist es. Die Rotschilds sind demnach streng conservativ und royalistisch, und werden dies Princip stets mit ihren colossalen Mitteln unterstützen. Es gilt nun, eine Macht ihnen gegenüber zu stellen, welche die ihre brechen kann. Das ist: das Kapital Aller gegen das Kapital des Einzelnen."

"Ich verstehe Sie noch nicht ganz."

"Die Staaten, die Privaten besitzen noch immer mehr als das Hundertfache in reellen Werten, was die Rotschilds doch zum grössten teil problematisch, das heisst im Credit der Papiere besitzen. Man versucht nun ein Unternehmen zu gründen, welches einen grossen teil dieser materiellen Werte concentrirt; der Credit und die problematischen Werte, die sich weiter daran knüpfen, werden dann ungeheuer sein. Mit diesen Mitteln in Händen wird man mit Erfolg gegen die Rotschilds kämpfen und sie endlich erdrücken."

"Ich begreife das."

"Man wird mit diesen beweglichen Mitteln, mit diesem Crédit mobilier, alle staatlichen und privaten Unternehmungen an sich bringen und sich zu deren Herren aufwerfen können. Die Eisenbahnen, die Banken, die Bergwerke müssen uns in die hände fallen. Sie haben die Anfänge bereits hier in Wien gesehen. Das Institut ist ein freies bewegliches, es kann überall in's Leben treten, überall seine Speculationen verbreiten. Wir richten unser Augenmerk zunächst auf Frankreich, – in weiterer Folge auf Oesterreich und Spanien, weil das die in ihren Finanzen bedrängtesten Staaten sind und jede herbeischaffende Speculation begünstigen werden. In Paris hat das Unternehmen bereits festen Fuss gefasst. Der Kaiser Napoleon hat viele tüchtige Regenteneigenschaften, aber er ist kein Finanzmann. Der beginnende Krieg wird enorme Summen und Anlehen absorbiren, die napoleonische Eitelkeit gegenüber dem andern Europa desgleichen."

"Aber der directe Zweck für uns, die Erfolge für die Revolution?"

"Sie liegen auf der Hand, Abbé, und ich begreife nicht, wie ein Mann von Ihrem Scharfsinn sie nicht sofort übersieht. Zunächst der bedeutende Gewinn, den die Verbindung aus allen diesen Geschäften ziehen muss. Geld ist Macht. Das Pfand- und Eigentumsrecht über die Institute und Nerven des öffentlichen Verkehrs ist von nicht zu übersehendem Einfluss. Das Wichtigste aber von Allem, was das Schicksal Europa's in die hände der 'höchsten Gewalt' legt, das ist –"

"Nun?"

"Das ist der S t a a t s b a n k e r u t t , der a l l g e m e i n e B a n k e r u t t der Nationen, der jeden Augenblick in der Macht der Unternehmer liegt. Denken Sie die kolossalen socialen Folgen, welche ein solcher unter den jetzigen Verhältnissen haben muss, selbst wenn er nur nach einer oder der andern Seite hin ausgeführt wird!" ––––––––––––––––––––––––––––

An dem Treppenaufgang der Villa traf Graf Pisani auf die Wirtin des Hauses, etwas erregt mit dem Kammerdiener und der Zofe scheltend.

"So geht es im häuslichen Leben, Graf, immer Aerger und Verdruss."

"Und was erzürnt Sie, schöne Frau?"

"Mein zweiter Diener ist schon vor mehr als zwei Stunden nach der Stadt geschickt, um Allerlei zu holen, und der Mensch lässt uns im Stich und kommt nicht wieder. Ich habe ihm heute Morgen den Dienst gekündigt, weil er mir ohnehin nicht gefällt, und nun trotzt er wahrscheinlich, weil ich auf seine dringenden Bitten und Vorstellungen nicht nachgab."

"Ei, gnädige Frau, das sind kleine Unannehmlichkeiten, wie sie jeder Haushalt mit sich führt. Darf ich das Vergnügen haben, Sie zu begleiten?"

Die Gesellschaft hatte sich mit dem Abend zum teil wieder entfernt, zum teil in den Salon und die Spielzimmer zurückgezogen. Der Graf sah sich mit Frau von Czezani einige Augenblicke allein.

"Ist die Gräfin gekommen?"

"Vor einer Viertelstunde. Ich glaube, sie befindet sich bereits im Pavillon und erwartet Sie."

"Ich darf doch sicher auf den versprochenen Beistand rechnen, schöne Frau? Die Ereignisse drängen sich jetzt, und ich habe heute Mittag einige Bemerkungen gemacht, die mir Besorgniss einflössen würden, wenn der Zufall mir nicht glücklich zu Hilfe gekommen wäre."

"Verlassen Sie sich ganz auf mich. Ich folge ihr nach Schloss Bisztra, und wenn Sie uns dort besuchen, werden Sie sie für Ihre Absichten möglichst vorbereitet finden. – Doch sagen Sie um des himmels willen, Graf, wer ist dieser Pseudo-Marchese, den Sie uns heute zugeführt? Denn dass Titel und Namen falsch sind, sieht man auf zehn Schritt, und ich fürchte mich wirklich stark zu compromittiren, so unheimlich scheint ihm in unserer Gesellschaft, und so unheimlich wird mir in der seinen."

Pisani lachte.

"Es ist ein gezähmter Wolf und nicht zu fürchten. Sie sehen in dem lieben Marchese ein vollkommenes Exemplar eines Corsen vor sich, der einige kleine Unannehmlichkeiten gehabt hat. Sta Lucia schwor, seinen unschuldig von den Geschworenen auf die Galeere geschickten Bruder an den a c h t z e h n falschen Zeugen zu rächen, die seine Verürteilung herbeiführten. Er hat Wort gehalten; dem Einen hat er, nachdem er sich mit