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auf diese Weise den äussern Zugang.

Die Gesellschaft war an diesem Abend bereits ziemlich zahlreich anwesend und hatte sich im Garten um eine fremde Schönheit gruppirt, deren Ruf ihr voran gegangen und die vor einigen Tagen in Wien eingetroffen und durch einen Empfehlungsbrief bei Frau von Czezani eingeführt war.

Es war die spanische Tänzerin, der wir bereits in Paris und Berlin begegnet sind.

Während ein Kreis von Verehrern um die Spanierin eine lebhafte Conversation unterhielt, promenirten einzelne Gruppen im Garten und Salon. Graf Pisani suchte die Dame des Hauses auf, der er laut seinen Begleiter als den Marchese Lucaboni präsentirte, worauf er es diesem überliess, sich so gut wie möglich zu unterhalten oder durchzuhelfen, und sich in der Gesellschaft verlor.

Er selbst ging durch den Salon nach dem hintern Garten, in dem verschiedene Paare promenirten. Sein scharfer blick fand bald Personen heraus, die er suchte und er folgte zweien, die im eifrigen halbleisen Gespräch vertieft waren. Die eine war ein kleiner magerer Abbé mit fuchsartigem Gesicht und scharfen, stechenden Augen, Italiener wie der Graf; die andere war der Banquier, dessen Mission nach Wien im Rat der "Unsichtbaren" der Leser beigewohnt hat.

Als der Graf zu ihnen trat, geschah es an einer Stelle des Gartens, an der sie durch die freie Umgebung vor jedem Lauscherehre gesichert waren.

"Ich erwartete kaum, Sie schon hier zu finden, Baron," sagte der Graf, "und glaubte Sie noch mit der Flut der Geschäfte überhäuft, die diese wichtige Nachricht mit sich bringen musste. Wie haben Sie Ihre Dispositionen getroffen?"

"Der Herr Abbé war so gütig, mir zu helfen, überdies waren alle Vorbereitungen getroffen. Um 7 Uhr ist mein erster Commis mit der Eisenbahn abgegangen und gibt in Brünn die Depeschen nach Berlin, Paris und London zur telegraphischen Beförderung auf. Man wird sie an allen drei Orten morgen mindestens zwei bis drei Stunden vor Eröffnung der Börsen haben, und die Geschäfte können vollständig vor deren Beginn abgemacht sein. Ein Milliönchen, Herr Graf, ein Milliönchen mindestens muss selbst der Schlag eintragen, abgesehen von den Vorteilen für die Verbindung."

Er rieb sich vergnügt die hände.

"Aber warum gingen Sie nicht lieber selbst bis Brünn? Es wäre weit sicherer gewesen."

"Der Baron," meinte der Abbé, "muss notwendig in Wien bleiben, seine Abreise hätte Verdacht erregen können, und er allein konnte die Speculation hier ausführen."

"Glauben Sie hier noch zu reüssiren? Wie hoch rechnen Sie genau den Vorsprung unserer Nachricht?"

"Die Depesche ist darüber natürlich sehr unklar, indem sie ihren wahren Inhalt unter einer gleichgültigen Mitteilung verbergen musste. Danach ist am 26. die Kriegserklärung im grossen Rate beschlossen worden. Nehmen wir an, dass der Tartar am 26. Mittags Constantinopel verlassen hat. Fünf bis sechs Tage braucht die Botschaft bis Belgrad. Der Pascha wird sie demnach heute Morgen erhalten und unserm Agenten ausgehändigt haben, der uns von Semlin aus die verabredete Actienzeichnung telegraphirt hat. Nach dem Uebereinkommen gibt Hussein Pascha die Depesche erst zwölf oder achtzehn Stunden nach der Ueberlieferung an uns an den österreichischen Consul ab, dies wird also erst morgen früh geschehen, und die offizielle Nachricht, die verschiedenen Verzögerungen mitgerechnet, nicht vor morgen Mittag hier eintreffen, wenigstens nicht bekannt werden. In jedem Fall haben wir an den drei andern Börsen die Avance, wahrscheinlich auch hier; denn man wird sie nicht eher veröffentlichen, als bis Bescheid von Olmütz eingetroffen1."

"Die Berechnung scheint mir allerdings richtig. Sind Ihre Depeschen nach auswärts auch der Art abgefasst gewesen, lieber Baron, dass sie den Telegraphenbeamten unverständlich bleiben und arglos weiter befördert werden?"

"Vollständig. Als ich vor vierzehn Tagen zuletzt in Paris war, ist die genaue Verabredung getroffen. Die Zahlen der Course bilden die geheime Chiffre der Worte."

"So müssen wir den Erfolg abwarten. Ich werde Sie jetzt verlassen, um durch unser Zusammenbleiben keinen Verdacht zu erregen. Sobald die Gesellschaft sich etwas gelichtet und Sie die Zurückgebliebenen beschäftigt sehen, treffen wir uns wie gewöhnlich im Pavillon."

Während er zurückkehrte in den Gesellschaftskreis, wandelte das Paar noch einige Male in den Gängen auf und ab.

"Wir wurden unterbrochen durch Pisani," sagte der Abbé; "der Gewinn, die Habsucht regiert und füllt die Seele dieses Mannes. Auf die Befriedigung dieser leidenschaft zielen alle seine Pläne. Nebenbei ist er ehrgeizig, schlau und namentlich kühn, – man muss dies anerkennen. – Der Plan also, den Sie mir entwarfen hat bereits die Zustimmungen in Paris erhalten?"

"Er ist in der vollen Ausführung begriffen. Gedenken Sie wohl. Der Credit und das baare Vermögen Europa's sind offenbar gegenwärtig in den Händen des Hauses Rotschild. Abgesehen davon, dass die Mitglieder desselben dem ortodoxen Judentum angehören, also schon dadurch Feinde aller revolutionairen Prinzipien sind, dringt es die eigentümliche Stellung, die sie in Europa einnehmen und welche die einer souverainen erblichen Macht ist, mit sich, dass sie nur in der Aufrechtaltung des monarchischen Systems ihre Sicherung und ihren Vorteil sehen."

"Aber sie haben eben so gut mit Karl X. wie mit Louis Philipp und Louis Napoleon Geschäfte gemacht."

"Ich sage auch, wohl zu merken, in der Aufrechtaltung des monarchischen Systems, nicht der Dynastieen. Diese sind ihnen gleichgültig. Die Monarchen aber sind ihr persönlicher Schutz, ausserdem bietet das Königtum immer mehr gelegenheit zur Influirung und Dominirung. Eine