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laut zu dem Fremden, indem er sich vom Pferde schwang. "Kommen Sie mit hinauf zu mir, damit wir unsern Handel abschliessen." Damit klopfte er das treffliche Ross kosend auf den Nacken. "Du hast mir heute einen grossen Dienst erwiesen, Diavolo, der mich meinem Ziele um Vieles näher bringt, und sollst doppelte Ration haben zum Dank."

Er übergab es dem Stallknecht und befahl ihm besondere Sorgsalt für das schöne Tier, dann lud er den Fremden nochmals ein, ihm zu folgen und führte ihn hinauf in sein Zimmer.

Dort warf er sich auf's Sopha, winkte seinem Begleiter, sich niederzulassen und änderte sofort den Charakter der Anrede.

"Nun, S t a L u c i a ," sagte der Oberst, indem er ein Cigaretto nahm und dem Fremden die Büchse derselben zuschob, "ich habe, was Ihr braucht, ermittelt, und es wird gut sein, wenn Ihr Euch bereit haltet, morgen mit dem Frühzug nach Pest abzureisen."

"Warum, Signor Conte? – es gefällt mir recht gut hier, ich bin erst drei Tage in Wien und habe die Fahrt noch in den Knochen."

"Vorerst, mein Bester," entgegnete der Graf, behaglich die Dampfwolke verfolgend, die er von sich blies, "taugt die wiener Luft nicht besonders für Leute Eures Schlages, die unter Garribaldi gefochten und ausserdem so ein andertalb Dutzend Personen ohne Absolution und Vollmacht aus der Welt spedirt haben, die Andern nicht gerechnet, die nachgekommen und von denen ich Nichts weiss. Wien ist ein heisses Pflaster und man liebt uns Italiener nicht gar zu sehr hier."

"Ich bin Franzose, Signor!"

"Ah, ich vergass. Das liebe Corsika ist ein französisches Departement und liefert Frankreich seine Kaiser und seine Banditen. Aber abgesehen davon möchte die Rückreise Euch sonst Schwierigkeiten machen, das nächste Dampfschiff, welches die Donau hinabfährt, dürfte wahrscheinlich das letzte sein."

"Wie so?"

"Das werde ich Euch besser fünf Minuten vor der Abfahrt sagen. Genug, Eure Rückkehr nach Constantinopel hat Eile, denn es wird dort jetzt reichliche Beschäftigung geben. Hier ist zunächst die Auskunft, die das Comité in Constantinopel verlangt und wegen deren Ermittelung es Euch hierhersandte, da Ihr Euer Lebelang nicht hier gewesen, also kein Wiedererkennen zu fürchten hattet."

"Darf ich fragen, Signor Conte, ob sich der Verdacht bestätigt hat?"

"Das kann ich Euch so bestimmt nicht sagen, und müsst Ihr selbst an Ort und Stelle durch Vergleichung, des Signalements ermitteln. Dass der capitano tedesco Robert Blum in dem bezeichneten haus sich versteckt hielt und durch einen Bewohner desselben angezeigt wurde, steht fest. Der Mann ist später von Wien fortgezogen, weil er Verfolgungen fürchtete, und es ist richtig, dass er nach dem Orient gegangen sein soll. Der Name stimmt freilich nicht, aber das ist kein Hinderniss. Das möglichst genaue, hierbei befindliche Signalement wird entscheiden, ob die erhobene Anklage des Comité's begründet ist."

"gibt sie ein besonderes Kennzeichen an?"

"Eine starke Narbe an der linken Schläfe."

"Per bacco! es ist unser Mann!"

"So sind wir fertig. Seid Ihr mit einem Anzug versehen, um Euch in eine Gesellschaft einführen zu können?"

"Der Teufel hole die verwünschten Kleider, in denen man sich überall zu enge fühlt. Was ich auf dem leib trage ist Alles, was ich habe."

"So ist hier Geld, Ihr werdet in jedem Kleidermagazin das Nötige finden. Binnen einer Stunde müsst Ihr elegant equipirt bei mir sein, um mich an einen Ort zu begleiten, wo ich Euch als den Marchese Lucaboni vorstellen werde. Es ist möglich, dass man Eurer dort für Auskunft und Instruction in Betreff Constantinopels bedarf."

Der Corse steckte das Geld ruhig in die tasche, zündete sich ein neues Cigaretto an und empfahl sich. ––––––––––––––––––––––––––––

Ungefähr andertalb Stunden nach der vorerzählten Scene rollte ein elegantes Coupé auf der Strasse nach Hietzing, diesem von Villen und schönen Anlagen gebildeten, beliebten Sommeraufentalt der Wiener. Obschon die Jahreszeit weit vorgeschritten, wohnten doch viele vornehme Familien noch hier und die schöne Herbstwitterung erlaubte selbst noch einen grossen teil der Abende im Freien zuzubringen.

Der Cirkel, welcher sich an zwei Abenden in der Woche in dem eleganten Landhause versammelte, das Frau von Czezani, eine geborene Ungarin, in Hietzing bewohnte, bildete eine interessante Gesellschaft aus den verschiedensten Kreisen der lebenslustigen Residenz, und man fand hierso weit die Bäder- und Sommerreisen sie nicht entführtMitglieder der Aristokratie und Diplomatie, Koryphäen der Geschäftswelt, Fremde, Offiziere und Künstler. Ganz natürlich erschien es dabei, dass namentlich Ungarn das Haus ihrer Landsmännin besuchten. Ein Vorgarten schied die elegant erbaute Villa von der Strasse und diente mit dein offenen Vestibüle und dem die ganze Mitte des Gebäudes einnehmenden Salon gewöhnlich zum Aufentalt der Gesellschaft, so dass so zu sagen aller Verkehr öffentlich und vor den Augen des Publikums sich bewegte, und also um so weniger Aufmerksamkeit oder Verdacht erregen konnte. Rechts und links vom Salon befanden sich die Spielzimmer, hinter dem haus schloss sich, wie gewöhnlich bei den Villen, ein ziemlich grosser, mit modernen Anlagen gezierter Garten an. Einen Seitenflügel des Gebäudes bildete ein Gewächshaus, an dessen Ende ein grosser gemauerter Pavillon stiess, für Sommer und Winter zum Bewohnen geeignet. Die Laubgänge und dunklen Boskets des Gartens umschatteten ihn und verbargen