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an dem Aufstand keinen teil nahm und jeden Verkehr mit den Führern so viel als möglich vermied. Aber m e i n Herz flog mit unsern Fahnen, m e i n e Seele war in den Schlachten, die mein Volk kämpfte, meine Tränen flossen mit seinem Blut und meine Pulse jubelten mit seinen Siegen!"

"Und ich, Ihr Feind!"

"Da kommen Sie, mit den Armeen des Czaren, die Ungarn auf's Neue in Fesseln schlugen. Sie, die fremde Nation brachten die Ketten, die den erwachten Riesen zu Boden warfen. Welche Gefühle meinen Sie, müsste die Tochter Ungarns für den fremden Unterdrücker haben?"

Er schwieg.

"Doch Sie sind Soldat, Sie der Einzelne, Willenlose. Als solcher waren Sie edel und gut, – ich danke Ihnen viel, vielleicht Ehre und Leben, als Sie die Marodeurs unserer eigenen Armee, – den Auswurf der Zerstreuten, Geschlagenen, bei der Plünderung unseres Schlosses überraschten und zurückschlugen. Sie schützten uns gegen alle weiteren Gefahren."

"Auch das war Soldatenpflicht."

"Es waren zwei Bilder, die in meiner Erinnerung blieben, derselbe Gegenstand und doch so verschieden, der Feind und der Freund."

"Und welchen von beiden sehen Sie jetzt?"

"Es wird darauf ankommen. – Ich werde meine Hand nur einem Freunde Ungarns geben, nie seinem Feinde."

Wiederum unterbrach ein längeres Schweigen das Gespräch. Dann sprach er mit tiefem schwerem Ton:

"Ich bin Soldataber ich bin auch Royalist aus fester innerer überzeugung. Ich werde stets dahin gehen, wohin mein Kaiser befiehlt."

Sie atmete schwer, ihre stimme zitterte.

"Die drohenden politischen Stürme werden, auch ohne unser Zutun, in vielen Ländern Veränderungen hervorbringen, – wie ich hoffe, auch in meinem vaterland."

"Täuschen Sie sich nicht mit solchen Erwartungen und, ich beschwöre Sie und will für diese Bitte jede Hoffnung opfern, – denken Sie an das Schicksal der Gräfin Teleky. Bricht der Krieg aus, so wird Oesterreich sicher mobil machen und seine flavischen Provinzen besetzen und niederhalten; denn es weiss sehr wohl, dass ihm hier die nächste Gefahr droht. geben Sie einen Traum auf, der nur zum Verderben führt."

Die hände ruhten gefalten in ihrem Schooss, – so jagten die Pferde, die Zügel am Boden schleifendsie merkte nicht, – er merkte nicht auf die Gefahr. –

"So leben Sie wohlmeine Gebete geleiten Sie in den Sturm der Schlacht!"

"Helene!"

Sie reichte ihm stumm die Hand, die er an seine Lippen presste. – – –

Aus einem Seitenweg brachen im Galop drei Reiter, Graf P i s a n i unter ihnen. Die Pferde vor dem Tilbury der Gräfin scheuten zurück, – die haltende Hand fehlte, im rasenden Lauf brausten sie dahin.

"Um Gottdie Zügel!"

Die Gräfin sass bleich, ratlos in der Ecke ihres Sitzes. Tief von dem seinen bog sich der Offizier und versuchte vergeblich die Zügel zu haschen, die unter den Rädern dahin schleiften, und sich in die Füsse der Pferde schlingend, diese nur noch scheuer machten.

Der leichte Wagen flog von einer Seite zur andernjeder Augenblick drohte ihn zu zerschellen. Gräfin Helene hielt sich mit Mühe fest auf dem Sitz. Die plötzliche Todesgefahr hatte die Schwäche des Weibes in ihre volle Macht eingesetzt.

"Allmächtiger Gottwer hilft?"

"Halten Sie fest, Gräfin, – ich versuche Alles!"

Während des rasenden Laufes, doch mit besonnener Vorsicht, schwang sich der Offizier, nachdem er seinen Degen von sich geworfen, von seinem Platz an die Teile des Wagens nach dem Auftritt zum vordern Sitz, darauf Fuss fassend. Der Auftritt war kaum andertalb Fuss hoch vom Boden, und so, mit der Hand sich am Wagen selbst festaltend, versuchte er die Leine zu haschen. Die ersten Versuche missglückten, dann gelang es ihm, die Zügel zu erfassen, aber verwickelt in das Geschirr, wie sie waren, und durch das Anspringen der Pferde erhielt er von ihnen einen so gewaltigen Ruck, dass er die Balance und den leichten Halt verlor und schwer zu Boden stürzte. Ein lauter Aufschrei der Gräfin gellte in seine Ohren, – einen dunklen Schatten sah er vorüberfliegen, während er, die Zügel nicht loslassend, mehrere Schritte fortgeschleift wurde, dann ein plötzlicher Ruck, dass der Wagen erzitterte, und die wilden Renner standen wie eine Mauer. Als er sich aus der augenblicklichen Betäubung emporraffte, hielt Graf Pisani auf seinem schäumenden Renner vor dem Gespann und dessen Kinnketten in seiner kräftigen Faust. Dann den herbeispringenden Gesellschaftern die weitere Bändigung der Pferde überlassend, sprang der Graf aus dem Sattel und eilte, die halb ohnmächtige Dame von ihrem Sitz zu erheben, worauf er sie halb schwebend zu einem nahen Ruhesitz unter den Bäumen der Allee trug.

"Gerettet, und durch mich!" sagte der Italiener mit Bedeutung. "Ein glücklicher Tag, der mir zugleich die Hoffnung gibt, Sie nochmals zu sehen, Gräfin. Es sind vor einer Stunde höchst wichtige Nachrichten eingegangenalle Vertrauten versammeln sich bei der Czezani."

Sie vermochte, erregt, alle Pulse fliegend, ihm nicht zu antworten, kaum zu stammeln:

"Mein Begleiterder kapitän" – –

"Ah, sorgen Sie nicht," lachte spöttisch der Graf. "Ein Bischen Schmuzdas ist ja ihr Element. Ein