über die schöne Donaubrücke durch die Jägerzeile, aus der des Banus Croaten vor fünf Jahren die Rebellen Haus um Haus schlugen, nach dem Praterstern. Als sie am Neubau des Renz'schen Circus vorüber in's Freie gekommen, legte die Gräfin die Hand auf den Arm ihres Cavaliers.
"Halt da, Herr kapitän, hier endet Ihr Amt. Ist es Ihnen wirklich Ernst, meinen Jockei zu spielen, ei, so nehmen Sie seinen Platz ein und lassen Sie meinen Joan Ihr Pferd besteigen, der kleine Bursche reitet vortrefflich. Ich muss Raum haben für meine Zügelkünste."
Der kapitän hielt an und schaute ihr einen Augenblick in die dunklen Augen, auf deren zauberhaftem Grund ihm hinter dem leichten Ton des Scherzes eine ernstere, verhaltene Stimmung zu begegnen schien. Dann übergab er galant Zügel und Peitsche, schwang sich auf den Hintersitz und schickte den Jockei zu seinem nachfolgenden Reitknecht.
Die Peitsche pfiff durch die Luft, die mutigen Rosse schlugen aus, und im Galop bog das leichte Fuhrwerk in die grosse Prater-Allee.
Obschon in diesem Augenblick der Hof, alle höheren Militairs und ein grosser teil des vornehmen Adels und der Diplomatie sich im Lager von Olmütz befanden, wo eben der Besuch des Kaiser Nicolaus stattgefunden, – war doch, aus den Bädern zurückgekehrt, vornehme und reiche Welt genug in Wien, um die tägliche Praterfahrt glänzend zu machen. Es war der erste October, ein prachtvoller Herbsttag, und Equipagen aller Art, besetzt von Damen in jener elegant harmonischen Toilette, durch welche die Schönen Wiens berühmt sind, kreuzten sich in der breiten vierten Allee, die dem Corso der vornehmen Welt vorbehalten scheint. Dazwischen Reitergruppen oder einzelne Reiter auf schönen Pferden, durch die sich Wien gleichfalls auszeichnet. Während der Tilbury der Magyarin in raschem Trab oder im Galop des Gespanns dahin flog und die geschickte Hand der Führerin nach rechts und links ausbog oder im wilden Lauf die Vorfahrenden überholte, erwiderte sie zahlreiche Grüsse, die ihr von allen Seiten wurden, und mancher den kapitän um die schöne Nachbarschaft beneidende blick folgte dem Gefähr.
Unter den Begegnenden befand sich ein grosser schöner Mann von militairischem Aussehen, in eleganter Civilkleidung, der den feurigen Rappen, den er ritt, kräftig im Zügel hielt. Das Gesicht trug die fest geschnittenen, italienischen Formen, mit dem wachsartigen Teint; um Mund und Nasenflügel lag ein eigentümlich scharfer Zug. Er verbeugte sich tief vor der Gräfin, die sehr freundlich, aber mit einiger Verwirrung den Gruss erwiderte und zugleich die Pferde zu noch rascherem Laufe anfeuerte.
Der kapitän lehnte über die Wand des Vordersitzes.
"Sie treiben die Pferde zu stark, Gräfin; es ist Gefahr, dass sie durchgehen."
Sie lächelte spöttisch.
"Wie kann der tapfere Besieger des Ungarnvolkes von Gefahr sprechen? – Doch Sie haben Recht, Ali und Baba haben ihre Schuldigkeit getan und uns aus diesem Gassen und Begegnen geführt. Jetzt mögen sie Ruhe haben."
Damit bog sie in eine Seitenallee, die fast leer war.
Indem sie das schöne Gespann nachlässig im leichten Trabe voran gehen liess, setzte sie sich bequem in die Ecke des Sitzes zurück.
"Darf man fragen, warum kapitän M e y e n d o r f nicht, wie halb Wien, mit seinem Onkel, dein Ambassadeur, in dem glänzenden Lager von Olmütz sich befindet?"
Der kapitän errötete leicht.
"Ausser Ihrem demütigen Diener scheinen doch auch andere Militairs und Verehrer der Schönheit in den Ringmauern Wiens zurückgeblieben, so dass mein Verweilen wohl nicht auffallen kann. Graf P i s a n i zum Beispiel, von der sardinischen Gesandtschaft, dem wir eben begegneten."
Die Dame lächelte.
"Sie sind eifersüchtig, kapitän?"
"Nein – aber ich fürchte!"
"Für mich?"
"Ja!"
"Und was könnte wohl Ihre Besorgniss für die Gräfin Laszlo, die Nichte eines Esterhazy, rechtfertigen?"
Der Offizier bog sich noch weiter vor, gleich als sollten selbst die Bäume umher seine leisen Worte nicht hören.
"Gräfin Helene besucht häufig die Gesellschaften der Frau von Czezani – die auch Oberst Pisani frequentirt!"
"Was mehr, mein Herr?"
"Die wiener Polizei ist berühmt, doch, Gräfin, entgeht auch ihr so mancherlei. Warum soll ich nicht aussprechen, was doch stadtbekannt ist, – dass man in unserm Gesandtschaftshotel besser unterrichtet ist, als selbst Herr von Bach. – Ich kenne die Berichte über jene Cirkel."
"Ich hätte nie geglaubt, dass kapitän von Meiendorf sich mit politischer Spionerie beschäftigen könnte."
Der Offizier schwieg tief verletzt und lehnte sich zurück. Sie sah, dass sie zu weit sich hatte hinreissen lassen und legte mit bezaubernder Freundlichkeit die Hand auf seinen Arm.
"Ich habe Unrecht – aber bedenken Sie selbst, welche tiefe Erbitterung diese fortwährende geheime Polizei unter meiner Nation erregen muss. Frau von Czezani ist meine Jugendfreundin."
"Ich weiss es, und deshalb warne ich so dringend. Ich weiss, dass unter der Maske von Soiréen der eleganten Welt sich dort offen und geheim zusammenfindet, was die Hauptstadt an unruhigen revolutionairen Geistern in ihren höheren Schichten birgt. Die glänzenden geselligen Unterhaltungen, unbeargwohnt von ganz Wien, decken geheime Zusammenkünfte in entlegenen Zimmern, und Pläne, die ihre Fäden nach Pest, wie nach Prag und Mailand senden und ihren Ausgangspunkt in London, Turin und Paris haben. Von hier aus datirte das geheimnissvolle Komplot im Juni mit dem Vergiftungsversuch und den Verhaftungen