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alle Eroberungen zurückgegeben? Habe ich nicht die Beleidigung, die Persien mir angetan, mit dem Erlass der Kriegsentschädigung vergolten? Haben meine Schiffe und meine Armee nicht den Sultan zwei Mal vor seinem rebellischen Vasallen gerettet? Wer, frage ich, hinderte mich im Jahre 1848, als alle Welt die hände voll zu tun hatte, zu nehmen, was ich wollte? – Statt dessen brach ich die Revolution in Ungarn und rettete Oesterreich."

Der Reichskanzler beugte sich, ohne ein Wort zu entgegnen, auf seine Papiere nieder.

"Ich weiss, was Sie sagen wollen; man hat mich vielfach gewarnt. Fürst Schwarzenberg soll mit Bezug auf Russland noch kurz vor seinem tod gesagt haben: Europa würde binnen wenig Zeit über die Undankbarkeit Oesterreichs staunen, aber ich glaube daran nicht. Von Fritz, meinem Schwager, weiss ich, dass er es ehrlich meint mit Russland, wenn ich auch nur passiven Beistand von dort erwarte. Die heilige Alliance, die Sie selbst mit schliessen halfen, ist ein Erbe unserer Vorgänger, das uns heilig ist. Ich traue auf den Kaiser Franz Joseph, er ist ein junger Mann, der die Traditionen Oesterreichs nicht zu Schanden machen wird. Vertrauen erweckt Vertrauen! – Hier biete ich es!" – Der Kaiser nahm einen versiegelten Brief von seinem Tisch, der dort umgekehrt gelegen, und reichte ihn dem Kanzler. – "Ich schrieb um diese Nacht. Schicken Sie ihn sogleich mit einem Courier nach Olmütz ab, wo auch mein Schwager Wilhelm bereits eingetroffen sein wird. Es ist die Anzeige meines Besuchs im olmützer Lager. – Sie werden mich begleiten; wir reisen morgen nach Warschau ab."

Der Graf legte den Brief in sein Portefeuille.

"Und nun, Batuschka10," sagte der Kaiser freundlich nur lehnte ihm die Hand auf die Schulter, "wie denkst Du über den Erfolg? Werden England und Frankreich im Fall eines Krieges wirklich auf den Kampfplatz gegen mich treten, wenn man meine Westgränzen durch Deutschland gesichert sieht?"

"Sire, ich habe bereits Eurer Majestät wiederholt meine überzeugung ausgesprochen und durch Gründe belegt, dass die Verwickelung von Frankreich veranlasst ist und nicht so weit getrieben sein würde, wenn man nicht von vorn herein die Absicht eines Krieges zwischen Eurer Majestät und England gehabt hätte. Ich bin noch immer der Ansicht, dass unsere Zeit noch nicht gekommen war, unsere Einrichtungen und Transportmittel sind noch nicht vorgeschritten genug, – mit einem Wort, Sire, wir sind nicht vorbereitet."

"Dolgorucki steht für die Armee, ich kenne sie selbst genau und weiss, was Kronstadt und Sebastopol leisten können. Kleinmichel hat Zeit und Mittel gehabt, die Strassen im Süden genügend in Stand zu setzen, so dass der militairischen Communication kein Hinderniss im Wege steht, wenn wir auch noch keine Eisenbahn haben."

"Die geringe Anzahl unserer Truppen in den Fürstentümern beunruhigt mich, Sire. Ist der Krieg unvermeidlich, so musste man ihn mit voller Energie beginnen."

"Aber ich habe Dir gezeigt, man macht mir die Pfandnahme ohnehin schon zum Vorwurf, selbst mein Schwager in Berlin. Eine Operationsarme würde unseren Gegnern nur Waffen in die hände gegeben haben. Uebrigens ist Gortschakoff stark genug, dem Renegaten Omer die Spitze zu bieten."

"Die französische Armee ist in vorzüglichem Stand und disponible. Die verschiedenen Lager sind nicht ohne weitergreifende Absichten gebildet. Wenn auch die englische Landmacht nicht in's Gewicht fällt, so kann das Bündniss doch binnen kurzer Frist eine sehr bedeutende Macht an den Bosporus werfen, die entente cordiale wird sich ergänzen und hat die Mittel in Händen."

"Sie ist unerhört, diese unnatürliche Verbindung, gegen alle Tradition und Politik! Und es scheint Ernst damit zu werden."

"Sire, ich glaube, ganz Europa hat sich in Napoleon III. verrechnet. Es ist offenbar, dass England hierbei sein Werkzeug ist. Er hat eine Erbschaft angetreten, dessen erste Artikel der Hass gegen England und Russland sind, an denen sein Oheim unterging. Er hat vor diesem die Erfahrung und die Ruhe voraus. Ein einziges Wort, das ihm zur Zeit des Staatsstreiches entschlüpft ist, entüllt seine Pläne und seinen Charakter."

"Was meinen Sie?"

'Die Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muss.' "Die Verbindung mit England in einem Kriege wird und muss die Schwäche desselben vor der ganzen Welt entüllen. Frankreich, selbst geschlagen, wird der Sieger sein. Der Kampf zwischen England und Russland kann durch die Schwächung beider Gegner nur sein Vorteil werden. In einem einzigen Calcül wird sich hoffentlich der Kaiser Napoleon irren, in der Spekulation, dass Oesterreich und Preussen sich in einem Kriege durch Teilnahme gegen uns gleichfalls schwächen werden. Diese Beiden, wenn sie fest bleiben gegen die Verlockung, konnten einst das Paroli bieten; denn glauben Euer Majestät, man wird versuchen, halb Europa in eine Revolution gegen uns zu verwickeln."

"Wissen Sie, Nesselrode," sagte der Kaiser vertraulich, "dass ich anfange, gewisse Vorschläge an Frankreich zu bereuen?"

"Die von Euer Majestät grossem Ahnen überkommene Politik und das Interesse Russland's geboten den Versuch und gehen über jede andere Rücksicht."

"Sie überzeugen mich, und dennoch kann ich noch immer nicht glauben, dass man zu einem Angriff gegen mich schreiten wird."

"Ich wiederhole Eurer Majestät, der Angreifende hat den Vorteil. Es ist ein Krieg und eine Rache der Revolution gegen uns."