, warf sich der junge Offizier ihm zu Füssen. Der hohe Herr aber sandte ihn mit jenem Geschenk zu dem Isworstschick. –
Es war fünf Minuten vor 7 Uhr, als der Kaiser sein Kabinet wieder betrat und Helm und Mantel ablegte. Der Kammerdiener brachte ihm das bereit gehaltene Frühstück. Während er dasselbe genoss, schlug die Uhr Sieben und zugleich wurde der Reichskanzler gemeldet.
Der Eintretende hat in der neuesten Zeitgeschichte eine so wichtige Rolle gespielt, dass wir seiner Persönlichkeit einige Zeilen widmen müssen.
Es war ein Greis von 75 Jahren, denn der Graf ist 1780 – als Kosmopolit auf einem englischen Schiff aus der Rhede von Lissabon – geboren, während sein Vater, aus der rheinisch-bergischen Familie der Grafen von Nesselrode-Ehreshoven stammend, dort russischer Gesandter war. Bei dem wiener Congress machte sich der Graf zuerst in der politischen Welt bemerklich und galt auch für einen der schönsten Männer jener zahlreichen und glänzenden Versammlung. Noch zeigen sich die Spuren der ehemaligen Schönheit in dem ruhigen feinen Gesicht mit der hohen Greisenstirn. Selbst die hohe Gestalt war nur wenig gebeugt.
Der Kaiser bewies stets grosse achtung und Rücksicht für den alten Staatsmann und legte sehr bedeutendes Gewicht auf seine Meinung. Er kam ihm auch diesmal beim Eintritt einige Schritte entgegen und lud ihn ein, sich an dem zweiten Tisch niederzulassen, aus dessen Platte der Minister das mitgebrachte, ziemlich umfangreiche Portefeuille öffnete.
"Ich bitte, Graf, gieb mir zuerst die auswärtigen Tagesberichte; welche Neuigkeiten? ich bin seit einiger Zeit begieriger darauf, als es sonst der Fall war."
"Baron von Brunnow, Sire, hat auf meine Anweisung durch den Telegraphen am 15. Lord Clarendon officiell angefragt, welchen Weg die englische Regierung nun einschlagen werde, nachdem ihr bekannt geworden, dass Euer Majestät die Vorschläge der Pforte abgelehnt haben. Am 16. sind dem englischen und dem französischen Kabinet durch unsere Gesandten unsere beiden Depeschen vom 7. mitgeteilt worden."
"Und die Antwort?"
"Es liegt erst die des Herrn von Kisseleff vor, die gestern Abend eingetroffen. Der Gesandte hat von Brüssel aus in der geheimen Chiffre telegraphirt, also das Resultat nur im Geheimen erfahren. Hier ist die Depesche."
"Lesen Sie, Graf."
"Herr von Kisseleff meldet: Am 17. Depesche nach Wien, dass Frankreich nicht weiter zur Annahme der Note rate, da unsere Kritik vom 7. anderen Sinn als die Westmächte unterlege."
"Ein leerer Vorwand, nach dem man gesucht hat."
"Der Gesandte meldet weiter: Vorschlag des Herrn Drouin nach London, wegen der Unruhen die Flotten nach Constantinopel zu berufen."
"Wieder ein willkommener Vorwand! Und wie lauten die Nachrichten aus London?"
"Sire, es fehlen noch die Depeschen."
"Sie könnten längst hier sein, wenn man eine Antwort gegeben hätte. Lord Clarendon wird sich besinnen, auf die neuen Wühlereien des Herrn Drouin de L'huys einzugehen."
Der greise Staatsmann zuckte leicht die Achseln.
"Was denken Sie davon, Herr Graf?"
"Sire, Eurer Majestät Vorliebe für England behindert Ihren sonst so klaren politischen blick. Wenn auch im Augenblick der Einfluss unseres Gegners Lord Palmerston beseitigt ist, bleibt England doch unverändert der geheime und bittere Gegner Russlands und wird die Lockung nie vorbeigehen lassen, unsere Suprematie im Orient zu brechen."
Der Kaiser schritt einige Male ungeduldig im Zimmer auf und ab.
"Dieses England! dieses England! – ich meinte es so aufrichtig mit ihm. Der Osten und das Meer gehörten uns Beiden ohne Eroberung, wenn es ehrlich gehandelt hätte."
"Sire, ich habe Ihnen immer gesagt, Russlands natürlicher Verbündeter ist Amerika. Ein Reich, das noch eine Zukunft hat, muss sich nie mit einer Macht alliiren, die bereits auf dem Gipfel steht und nach den Gesetzen der geschichte und der natur nur die absteigende Linie vor sich hat."
"Das hiesse aber, sich mit der Revolution, mit der Demokratie verbinden, die ich hasse und bekämpfe."
"Sire, der Constitutionalismus von England ist die permanente gefährliche Revolution, nicht Amerika, das nur damit kokettirt. Nach Euer Majestät Princip gäbe es dann kein loyaleres Bündniss als Frankreich."
Der Kaiser schwieg einige Augenblicke.
"Was schreibt man aus Constantinopel?"
"Staatsrat P i s a n i berichtet über die revolutionaire Bewegung der Kriegspartei am 10.4. Was er mitteilt, ist von Wichtigkeit und bestätigt meine Ansichten."
"geben Sie mir einen Auszug!"
"Schon seit Beginn des Monats machten sich in Constantinopel die Bewegungen der Kriegspartei auffallend bemerkbar. Die zweimalige Verwerfung der Wiener Note in dem Divan vom 14. und 15. August war offenbar ihr Werk. Euer Majestät wissen, dass der Schwager des Sultans, Mehemed Ali, an der Spitze dieser Partei steht und unser gefährlichster Gegner ist. Mehemed Ruschdi Pascha5, Mahmud Pascha6 und Hamik Pascha7 sind seine Anhänger. Wenn auch bei Mehemed nicht, der offenbar von ehrgeizigen Spekulationen getrieben wird, so doch bei mehreren anderen Persönlichkeiten, hätte meiner Ansicht nach Fürst Mentschikoff die zwei Millionen Silberrubel, die er für dergleichen Zwecke mitnahm, weit nützlicher für die Interessen Eurer Majestät verwenden können, als dass er sie unberührt nach Odessa wieder zurückgebracht hat. Der tiefe Verfall der Türkei bedingt, dass in Constantinopel Alles für Geld feil ist."
"Er ist ein Eisenkopf," sagte der Kaiser, "und hasst die Türken."