Er reichte ihm die Hand, und als der junge Mann sich tief gerührt darüber beugte, küsste er ihn auf die Stirn.
"Sire! welche auch meine Zukunft sein möge, ich werde nie Ihrer Güte vergessen."
Er trat zurück in die Reihe seiner gefährten. Der forschende blick des Kaisers traf seinen Nachbar und er sah aufmerksam das zeugnis durch, das der Gouverneur ihm reichte.
Der junge Mann war eine mittelgrosse gedrungene Gestalt mit intelligentem Gesicht, aber einem starken Zug von Trotz und Eigenwillen um den Mund.
"Ein Ocholskoi? ein guter Name, aber viel schlimmes Blut in dem Geschlecht. Du bist zwei Jahre länger in dem Corps geblieben, junger Mensch, als Deine Fähigkeiten nötig machten. Warum?"
"Man hat mir die erlaubnis zum Examen verweigert, Euer Majestät."
"Ich sehe es. Du bist zehn Mal in einem Jahre wegen Ungehorsam und Widerspenstigkeit bestraft. Wie ist's mit ihm, Moradowitsch?"
"Er ist einer der besten Zöglinge des Corps, Majestät," sagte der Gouverneur entschuldigend, "aber er ist schwer zu bändigen."
"Ich werde es übernehmen," entgegnete der Czar. "Gehorsam, unbedingter Gehorsam ist das Erste, was ein Soldat lernen muss. Ohne blindes Gehorchen kein Befehl. Ich habe gehört, Du machst Verse, freie Verse, die Du drucken lässt. Das ist keine Beschäftigung für einen Soldaten. Denke an Lermontof2. Ist bereits über um verfügt?"
"Er wird bei den Felddragonern eintreten."
"Halt da. Lassen Sie die Bestimmung andern. Er soll zu Bodisco gehen nach Bomarsund, und wenn er dort zwei Jahre sich tadelfrei geführt und Gehorsam gelernt hat, mag er in das bestimmte Corps eintreten."
Eine fahle Blässe überzog das Gesicht des jungen Mannes. Die Alandsinseln gelten in der russischen Armee für eine Strafcolonie, gefürchteter als die Verbannung nach dem Kaukasus. Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück in die Reihe.
"Halt!"
Der Verbannte stand wie eine Mauer.
Der Kaiser küsste auch ihn auf die Stirn.
"So, – nun tritt zurück und lerne gehorchen!"
Er controllirte eben so sorgfältig die Zeugnisse der übrigen Neunzehn, lobte und tadelte. Als er dann an der Colonne der Cadetten vorüberging, trat plötzlich einer derselben, fast noch ein Knabe, mit schönem, blondgelocktem Haar und offenem, Zutrauen erregendem Gesicht vor und beugte ein Knie. Der Kaiser blieb freundlich stehen und sagte zu dem jungen Mann:
"Steh' auf, Kind; was willst Du von mir?"
"Euer Majestät danken für das Glück, dass ich meinen Grossvater umarmen durfte, und ..."
"Wie heissest Du, mein Sohn? wer ist Dein Grossvater?"
"Graf L u b o m i r s k i , Euer Majestät. Euer Majestät haben den alten Mann begnadigt und er befindet sich hier."
Der Czar runzelte leicht die Stirn; er liebte es nicht, an Verurteilungen oder Begnadigungen erinnert zu werden.
"Es ist brav von Dir, dass Du die Deinen liebst. – Aber Du wolltest noch Etwas?"
"Ich wollte Euer Majestät um die Gnade bitten, dass ich den Feldzug gegen die Türken mitmachen darf. Ich möchte Euer Majestät so gern meine Dankbarkeit und meine Treue bezeigen."
Der Kaiser lächelte, so weit in dies eherne Gesicht Lächeln treten konnte, und klopfte den Knaben auf den Kopf.
"Wie steht's mit ihm, Moradowilsch?"
"Er ist ein fleissiger und talentvoller Schüler, Sire, aber erst sechszehn Jahre."
"Nun, so warte noch ein Jahr, die Sache ist noch lange nicht zu Ende für Dich und mich. Dann sollst Du als Junker eintreten. – Adieu, Kinder, gehabt Euch wohl, es wird Zeit für mich."
Die Trommeln rasselten, der Kaiser salutirte und verliess den Hof. Am Ausgang lehnte er mit einer strengen Handbewegung jede weitere Begleitung ab und schritt allein auf die Strasse hinaus eine kurze Strecke, bis ihm ein Isworstschick mit dem leeren Gespann entgegenkam. Er winkte ihm, umzukehren und warf sich in das offene Gefähr.
"Na domo!" (Nach haus!) sagte er zerstreut.
Die Droschke flog davon und hielt in der Nähe des Winterpalastes. Befremdet stieg der Kaiser, der es ungern sah, wenn man ihn auf seinen frühen Ausgängen erkannte, aus und fragte den Kutscher:
"Kennst Du mich denn?"
Ein schlaues: "Nein, Väterchen!" war die Antwort.
"Aber ich habe meinen Geldbeutel vergessen!"
"Tut Nichts, Väterchen, Du bezahlst mich ein ander Mal!"
"Nein," sagte der Kaiser, "ich mache keine Schulden. Warte hier."
Er verschwand in dem hof des Palastes und der Kutscher, der den Kaiser sehr wohl erkannt hatte, hielt geduldig sein Pferd an. Eine kurze Weile darauf brachte ihm ein Offizier aus dem Palaste drei Imperials. Das Gesicht des Kutschers, als er mit dem reichen Fahrgeld davongaloppirte, konnte nicht froher und glücklicher sein, als das des Offiziers, welcher ihm das Gold gebracht. Es war derselbe, welcher im Vorzimmer des Kaisers über dem Briefe eingeschlafen war. Als er erschrocken durch die zufallende Tür aufwachte, fand er unter demselben die Worte3:
"Vorzeiger hat zwei monat Urlaub und aus der
Kaiserlichen Chatoullen-Kasse 500 Silberrubel
zu erheben.
Nicolaus."
Als der Czar zurückkehrte