Sein blick fiel aus den Brief und auf seinen Namen. Er nahm vorsichtig das Blatt in die Hand und las.
Der Brief war an die Mutter des jungen Mannes gerichtet, die in dem Gouvernement Nischnei-Nowgorod wohnte und die witwe eines früheren Offiziers war. Der Sohn, in dem Kadettenhause erzogen, schrieb ihr, wie er hoffe, dass der Krieg ihm gelegenheit zur Auszeichnung geben werde, mit der er dem geliebten Kaiser für die Wohltaten danken könne, die er ihm durch seine Erziehung erzeigt habe. Er beklagte kindlich, dass er sie, die er seit zehn Jahren nicht wiedergesehen habe, nicht zuvor noch ein Mal umarmen dürfe, aber selbst wenn er – was sehr unwahrscheinlich, – Urlaub erhalten könne, sei es unmöglich, da die Entfernung so weit und er ohne Vermögen nur durch die strengste Sparsamkeit die kostspielige Stellung bei der Garde bewahren könne, in die ihn der Zufall und die guten Zeugnisse im Cadettenhause gebracht.
Das Adlerauge des Monarchen hatte in wenigen Augenblicken den Brief überflogen und ruhte wie nachdenkend auf dem Schläfer. Dann nahm er vorsichtig die Feder, schrieb einige Worte unter den Brief und legte denselben wieder an seine vorige Stelle.
Mit leichten Schritten, ohne dass der Schläfer erwachte, verliess er das Gemach. Draussen auf dem Corridor standen zwei Grenadiere des Regiments gleich Statuen auf ihrem Posten. Der Kaiser nickte ihnen zu und schritt die breite Treppe hinab, die in den Vorhof führt. Einen Augenblick blieb er sinnend an der grossen, mit drei Kreuzen geschmückten Steinplatte stehen, welche die Stelle bezeichnet, auf der er an jenem blutigen 26. December den Grenadieren den Naslednik (Tronfolger) übergab. Dann hüllte er sich in den Mantel und verliess den Bereich des Palastes.
Es war noch zu früh, als dass die Isworstschiks (Droschkenführer), deren sich der Kaiser bei seinen Besuchen häufig bediente, bereits auf den Halteplätzen sein konnten, und der Monarch ging daher rasch zu Fuss weiter, die Alexander-Newskoi-Perspective hinauf. Es war sechs Uhr, als er das Corps – wie die Cadettenhäuser und Militair-Erziehungs-Anstalten genannt werden – erreichte, dessen Besuch er beabsichtigt hatte, die Zeit, um welche die jungen Soldaten regelmässig Winter und Sommer aufstehen müssen. Die Wache schlug eben die Reveille, als der Kaiser das Tor passirte und sofort nach einem der grossen Speisesäle sich begab. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Ankunft des Kaisers durch alle Gänge des weitläufigen Gebäudes, und ehe die fünf Minuten, welche er bei solchen Gelegenheiten, wie bei Audienzen der Verspätung einräumte, vergangen waren, wirbelten im Hofraum die Trommeln zum Antreten, und der Gouverneur der Anstalt, Obristlieutenant Moradowitsch, begrüsste den Monarchen in dem Saal.
"Die Offiziere, welche vor drei Tagen das Examen bestanden haben, sollen heute das Corps verlassen und in die Garnisonen abgehen?"
"Zu Befehl, Sire."
"Gut. Ich will sie vorher sehen. Später habe ich keine Zeit. Komm."
Er ging voran nach dem Hof. Der Gouverneur und die den Unterricht erteilenden Offiziere, welche sich vor dem saal aufgestellt hatten, folgten ihm.
Auf dem hof standen compagnieenweise in ihren Hausuniformen die jungen Leute, welche ihre Erziehung in der kaiserlichen Anstalt genossen, um von dieser aus in die Armee zu treten. Da der Kaiser auf eine möglichst gründliche Ausbildung für den Dienst und hohe Klassen hielt, in denen das Avancement bis zum Lieutenant erfolgen konnte, auch den allzu frühen Eintritt in den activen Dienst nicht liebte, so war das Alter der Cadetten sehr verschieden.
Die Offiziere traten an ihre Abteilungen, der Kaiser ging musternd an den Fronten vorüber. Das Tageslicht war bereits vollständig eingetreten.
"Lass die neuen Offiziere und Fähnriche vortreten."
Der Gouverneur erteilte den Befehl; einundzwanzig Jünglinge traten aus den Reihen und stellten sich vor dem Monarchen auf. Zwei derselben, die an der Spitze standen, waren die Aeltesten und schienen bereits das zwanzigste Jahr erreicht oder überschritten zu haben.
"Die Zeugnisse!"
Der Obristlieutenant präsentirte sie und der Kaiser nahm sie ihm einzeln ab, wie er nach der Reihe die jungen Leute musterte. Gleich bei dem ersten blieb er stehen und betrachtete ihn mit durchdringendem blick, den der Jüngling fest und unverrückt aushielt.
Es war ein junger Mann von hoher, schlanker Figur, mit blassem, klassisch geschnittenem Gesicht von energischem Ausdruck; das Auge dunkel und feurig, sonst in seinem Wesen einfach und anspruchslos.
"Wir kennen uns. Du bist D j e m a l a - D i n , der Sohn des Imam Schamyl?"
"Ja, Sire!"1
"Dein Vater hat mir in diesem Sommer viel zu schaffen gemacht. Ich wünschte, er wäre so gut russisch wie Du Ich habe Dich lange warten lassen mit einer Offizierstelle, aber ich wollte, dass Du tüchtig ausgebildet würdest, damit es hafte, was Du gelernt hast. Es freut mich, dass Deine Zeugnisse sämtlich gut lauten. Du hast Dir, wie ich sehe, selbst das Uhlanencorps gewählt und gehst nach Polen?"
"Mit Ihrer erlaubnis, Sire!"
"Schön. Du wirst immer an mir einen Freund finden und ich habe für Deine Ausrüstung bereits gesorgt. In Warschau melde Dich sogleich beim Fürsten Stattalter, er wird Dir das Nötige mitteilen. Nimm die beiden Pferde, die Du dort findest, als Geschenk von mir und halte Dich brav. Ich habe die Augen auf Dich gerichtet."