den Kleidern, die auf einem stuhl vor seinem Bette lagen. Dann zündete er an der Lampe die Kerzen der silbernen Armleuchter an, deren je zwei auf jedem Tische standen.
Der Selbsterrscher des mächtigen Reiches tat das Alles allein; er bewahrte bis in das Kleinste herab, so viel es sich mit seinem erhabenen Range vertrug, die militairischen Gewohnheiten.
Dann trat er einige Augenblicke an das Fenster und schaute die weite Perspective hinab. Die frühe Morgenstunde des Spät-Septembers hüllte unter der nordischen Breite noch Alles in Dunkel, das an tausend Stellen durch die Gasflammen unterbrochen wurde, die sich in dem wasser des breiten Stromes spiegelten.
Der Kaiser setzte sich hierauf an den ersten Arbeitstisch und begann, einen Stoss Papiere durchzusehen. Diese mächtige natur bewahrte eine immense Arbeitskraft, die durch die strengste Regelung der Beschäftigung und der Zeit vermehrt wurde. Für gewöhnlich stand der Monarch um halb sieben Uhr auf, nahm schon während seiner kurzen Toilette verschiedene Meldungen und Rapporte an, machte dann einen gang durch das ganze Palais bis zur Wiege seiner Enkel und blieb bis um acht Uhr in seinem Kabinet. Von acht bis neun Uhr machte er stets, und wo er sich auch befand, Sommer und Winter, einen Spaziergang in freier Luft. Um neun Uhr empfing er regelmässig den Kriegsminister Fürst Dolgorucki, auf den er grosses Vertrauen setzte. Der Fürst ist derselbe, welcher bei der bekannten, durch fast komische Missverständnisse und Vorspiegelungen weniger Rädelsführer hervorgerufenen Militair-Emeute gleich nach der Tronbesteigung (am 24. December 1825) als kapitän die treue Wache im hof des Winterpalastes kommandirte, welcher der Kaiser den siebenjährigen Tronfolger anvertraute, ehe er kühn und allein den Rebellen entgegentrat.
Um zehn Uhr pflegte der Kaiser sich für kurze Zeit zur Kaiserin und seiner Familie zu begeben; nie liess er aber auch dort einen angemeldeten Minister oder eine befohlene person warten. Wenn gegen zwei Uhr alle Geschäfte im Palais beendet waren, fuhr er in seiner einspännigen Droschke oder im Schlitten aus und besuchte dabei drei bis vier Anstalten der verschiedensten Art. Um vier Uhr speiste er im kleinen Familienkreise, zu dem nur wenige Auserwählte zugezogen wurden. Der Kaiser ass stark, trank aber sehr mässig. Selbst die Abendstunden waren meist den Staatsgeschäften gewidmet; wenn er im Salon der Kaiserin oder der Grossfürstinnen erschien, sprach er wenig und nahm selten an der allgemeinen Unterhaltung teil. In sein Kabinet zurückgekehrt, arbeitete er wieder und begab sich selten zur Ruhe, wenn noch irgend ein Bericht zu erledigen war. Oft stand er des Nachts auf, verliess allein das Winterpalais und stattete irgend einem Institut, namentlich den Cadettenhäusern, einen Besuch ab. Sein erster blick galt dann stets dem Termometer, der die vorgeschriebenen 14 Grad zeigen musste, und seine Untersuchungen erstreckten sich bis in's Detail.
Der Kaiser hielt sich nach seinen eigenen Worten stets "im Dienst" und nur in Peterhof gestattete er sich auch in der Kleidung einige Abweichungen von der sonst streng ordonanzmässigen Uniform und Haltung. Auch im strengsten Winter trug der Monarch nur den einfachen Offiziermantel, nie einen Pelz.
Mit dem Beginn der orientalischen Verwickelungen vermehrte sich die Tätigkeit des Kaisers und er gönnte sich noch weniger Erholungen wie früher. Er stand fast zwei Stunden früher als sonst des Morgens auf, um zu arbeiten, und empfing von sechs Uhr ab die Vorträge der Minister und Adjutanten, um später für die militairischen Geschäfte, die Besichtigungen etc. frei zu sein. Eine auffallende Aufregung und Rastlosigkeit hatte sich seines ganzen Wesens bemächtigt und man sah, wie tief ihn der Gegenstand und das Scheitern vieler Erwartungen und gehegten Ansichten berührte.
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Nachdem der Monarch den Stoss von Papieren, welche vor ihm lagen, durchgesehen und die Unterschriften vollzogen hatte, sah er auf die Uhr, die halb sechs zeigte, und nach einer der Notiztafeln über dem Schreibtisch.
"Mittwoch – das ist Nesselrode's Tag, da habe ich noch Zeit, er kommt erst um sieben Uhr."
Damit erhob er sich, holte aus dem Ankleidekabinet, zu dem eine Tapetentür führte, Mantel und Helm und verliess leise das Zimmer.
Das Vorgemach war erhellt, zwei Pagen sassen dann und schliefen in den Lehnstühlen. Am Tisch wachte der dienstabende Kammerdiener und las; er erhob sich rasch, als er die Tür gehen hörte.
"Ei sieh, Menger," sagte der Kaiser, "bist Du wach? Geh' hinein und ordne das Kabinet; um Sieben bin ich zurück."
Er schritt hindurch nach dem äussern Vorzimmer, in welchem während der Nacht ein Offizier der Schlosswache seinen Aufentalt hatte, um aussergewöhnliche Meldungen entgegen zu nehmen.
Es war an dem Morgen ein Lieutenant von der Preobraczenski'schen Garde, diesem Lieblingscorps des Kaisers, das ihn einst gegen die Empörer verteidigt hatte. Der noch sehr junge Mann war auf dem Stuhl vor dem Tisch, an dem er die abendlichen Wachrapporte eingetragen, die der Kaiser sich alle Morgen vorlegen liess, eingeschlafen; sein Kopf ruhete auf dem aufgestützten Arm. Es musste erst spät geschehen sein, denn eine Depesche, die auf dem Tische lag, zeigte den Präsentationsvermerk einer späten Stunde. Vor ihm lag ein halb vollendeter Brief, über dem ihn offenbar die Müdigkeit überrascht hatte, – die Feder war seiner Hand entfallen.
Der Kaiser, dessen Schritt der dicke Teppich des Fussbodens unhörbar machte, nahete sich leise dem Tisch.
"Sie haben gestern Morgen scharf exercirt," sagte er wie entschuldigend und bog sich über den Schlafenden, die Depesche zu nehmen.