höchstens von irgend einer missverstehenden und tactlosen Voreiligkeit herrührt. Ich werde der Sache nachfragen. Im Uebrigen wissen Sie, Herr Baron, dass bei uns die Presse selbstständig ist und wir mit Absicht ein anerkanntes Regierungsorgan vermeiden. Sie werden daher auch Ihre Vertretung in der Presse selbst suchen müssen."
"Wir überlassen dies dem Gefühl für das Recht. Leben Sie wohl, Excellenz, und nehmen Sie meinen Dank für die freundliche Aufnahme, die Sie mir diesen Abend gewährt haben. Wem auch nicht mit Erfüllung meiner Wünsche, so doch über Vieles beruhigt, verlasse ich Sie."
"Auf officielles Wiedersehen morgen, Herr Baron," sagte lächelnd der höfliche Wirt, "und einen freundlichen Rat noch: lassen sie nie Worte meines verstorbenen Kollegen, des Fürsten Schwarzenberg, aus dem Gedächtniss. Sie werden wissen, welche ich meine. Ich empfehle mich."
Die Tür des Vorzimmers, bis zu welcher er seinen Besuch begleitet, schloss sich. ––––––––––––––––––––––––––––
Fussnoten
1 Die zweite russische Depesche vom 7. September, welche eine ziemlich weit gehende Auslegung und Deutung der Stipulationen der wiener Note in Form einer Kritik der türkischen Amendationen entält, wurde der preussischen Regierung erst später, am 20. oder 21. September, offiziell bekannt.
II. Petersburg.
In einem mittelgrossen halb gewölbten Zimmer des kaiserlichen Winterpalastes, jenes erhabenen Prachtbaues, den der Befehl eines unumschränkten Gebieters in Jahresfrist aus der Asche neu hervorzauberte, brannte hinter einem hohen Schirm eine kleine Lampe, das Gemach notdürftig erhellend. Die Ausstattung desselben war eine ziemlich einfache. Vor den beiden grossen Fenstern, die nach der Newa hinausgingen, hingen schwere grün wollene Vorhänge, eben so vor den beiden Türen. Zwei grosse Arbeitstische standen, der eine mitten im Zimmer. Dieser war mit Papieren und Mappen bedeckt, ein Seitenrepositorium entielt eben dergleichen. Der zweite Tisch zeigte auf seiner breiten Platte ein kunstvoll gearbeitetes Schreibgerät von occidyrtem Silber, Petschafte, Briefbeschwerer von seltsamem Material und ungewöhnlichen Formen, Einzelnes offenbar von grossem historischem oder Kunstwert, dazwischen ein Lesepult mit einer einfachen Perlenstickerei und eine kleine Standuhr. Ein Termometer und ein Doppelkalender nach alter und neuer Rechnung hingen an dem vorspringenden Pfeiler neben einigen Papptafeln mit Listen und Notizen. Zwei offene Bücherschränke rechts und links zeigten eine Auswahl von Werken in französischer, englischer, deutscher, russischer und italienischer Sprache. Der Inhalt des ersten Schrankes gehörte der militairischen Literatur an, namentlich waren es Werke über das Geniewesen. Auch befanden sich darunter die Jahrgänge der preussischen Wehrzeitung, von der die beiden neuesten Nummern offen auf dem Tische lagen. Den zweiten Schrank füllten ernste und schönwissenschaftliche Schriften und einige lexicographische Werke.
Neben dem zweiten Tisch stand ein langes, niederes, eisernes Rollbett von höchst einfacher Construction. Die Unterlage bildete eine Matratze von Maroquin mit Seegras gestopft, ein eben solches Kissen den Kopfpfühl.
An den Wänden hingen einige schöne grosse Gemälde geistlichen Inhalts, darunter eine Madonna von Murillo, und Portraits; auch zwei kleine Bleistiftzeichnungen in einfachen Rähmchen. Neben dem schriftenbedeckten Arbeitstisch befand sich an der Wand mir grosse Karte des russischen Reiches, gegenüber die von Europa. Eine grosse Ordnung und Regelmässigkeit herrschte in der ganzen Einrichtung des Gemachs und verlieh ihr einen gewissen militairischen Charakter.
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Auf dem Rollbett, nur von einer wollenen Decke und einem Militairmantel verhüllt, lag ein Schlafender von fast riesiger Körperform.
Die breite kolossale Brust hob und senkte sich ruhig, das Antlitz war nach aufwärts gekehrt, ein Arm unter den Kopf gelegt. Eine hohe, glänzende, eherne Stirn, in der Mitte zwischen den Augenbrauen über der langen geraden Nase in einer ernsten halb drohenden Falte zusammengezogen. Das Gesicht lang und in vollem Oval, das Kinn stark und von grosser Willenskraft, fest gerundet, der regelmässige Mund, von einem militairischen Schnurrbart überschattet, ernst geschlossen. Die ganze Figur des Schlafenden schien wie aus Granit gehauen, so fest und straff war Alles daran. Es lag etwas Soldatisches, Starres, Titanenhaftes in ihr.
Der Zeiger der kleinen Uhr auf dem Tische wies auf 5 Uhr und zugleich liess sich das scharfe kurze Rasseln eines Weckers hören. Bei dem ersten Tone desselben öffnete der Schlafende maschinenmässig die Augen.
Diese Augen entsprachen dem Körper, dem ehernen Antlitz. Sie waren ruhig, fest, klar, gross und von jener Eigentümlichkeit, dass, ohne einen bestimmten Ausdruck zu haben, ihr blick doch durchdringend, durchbohrend, niederdrückend war, wie z.B. das Auge Friedrich's des Grossen von Preussen.
Die Augen waren echt kaiserlich!
Es war auch der K a i s e r , der eben erwachte.
Europa hat diesem erhabenen Charakter, diesem ehernen Bilde unter den lebenden Herrschern, an dessen Sterblichkeit zu glauben man sich entwöhnt hatte, – viele nur schwere Vorwürfe an der Schwelle seines Jenseits gemacht; es ist viel Hass, viel Blut und viel Leiden auf diesen Hünen gewälzt worden. Der da Oden die Waagschale hält, richtet auch über die Könige und Kaiser der Erde, wie über den Paria, den Lepero und den Muschik. Aber das Gewicht, womit die Gewaltigen der Erde gewogen werden, ist ein a n d e res.
Wer viel gehabt und viel verleumdet wird, wird auch viel geliebt.
Kaiser Nicolaus ist geliebt worden, geliebt, wie man das Erhabene liebt.
Er war eine einsame mächtige natur auf seinem Piedestal, und dieses Piedestal war der Tron des grössten Reiches der civilisirten Erde. – –
Der Kaiser warf rasch Decke und Mantel von sich und kleidete sich an ohne Hilfe mit