durchschauen kann, der aber offenbar consequent alle Vermittelungen und Ausgleichungen hindert und beide Teile immer weiter treibt. Dass die Absichten von England und Frankreich ganz wo anders hin zielen, als auf einen Schutz der Türkei gegen etwaige Uebergriffe unsererseits, ist wohl ganz Europa klar. Ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang die beiden neuen Beschützer der Türkei um der öffentlichen Meinung willen von ihr ganz andere Concessionen für die christlichen Untertanen und die zivilisation werden erzwingen müssen, als Russland jetzt verlangt. Dass die Türkei einer vollständigen Reorganisation bedarf, um im europäischen Staatenbund fortbestehen zu können, ist von allen Seiten anerkannt. Man sucht uns nur das natürliche Recht der Avance streitig zu machen. Der sich vorbereitende Zusammenstoss ist ein Kampf des Westens gegen den Osten, wie er bereits mit einigen Variationen unter dem ersten Napoleon sich ereignet hat, und um so mehr dürfte es die Aufgabe der alten heiligen Alliance sein, fest auf der alten Basis zusammenzuhalten. Dies ist der Wunsch und die Erwartung meines kaiserlichen Herrn."
Der Minister schwieg nachdenkend einige Augenblicke, dann sagte er ernst und würdig:
"Die Zukunft der Reiche und der Ausgang der Kämpfe, die sich vorbereiten, liegt in der Hand des allmächtigen Gottes. Jeder Staat hat seine erhabene Aufgabe, und der König, mein Herr, erkennt die Seine aus vollem christlichem Herzen und wohlgeprüftem Sinn. Die heilige Alliance ist eine mit dem Heldenblut der Völker besiegelte und erworbene Erbschaft, die durch Preussen nicht leichtsinnig gebrochen werden soll. Die persönliche Liebe des Königs, die Sympatieen eines grossen Teils der besten Männer Preussens gehört Ihrem erhabenen Monarchen. Aber das Wohl und die Blüte Preussens, seine eigentümliche, selbst territoriale Stellung im europäischen Staatenbund, an der zum teil Russland selbst die Verschuldung trägt, müssen den Gedanken jeder Beteiligung an einem Kriege uns fern sein lassen, der – gerade heraus gesagt – nur um fremde, uns nicht direct berührende Interessen geführt wird. Seine Majestät der Kaiser hat Unrecht gehabt in dem Hervorruf, er wird das Recht aus seiner Seite haben in der Fortführung. Preussen und Deutschland werden ihm den besten Dienst erweisen durch eine unbedingte Neutralität."
"Russland würde bedeutende Vorteile für ein Offensivbündniss gewähren. Die vollständige Oeffnung seiner grenzen ..."
"Das ist ein Recht, das Deutschland ohnehin aus dem wiener Vertrage her beanspruchen könnte, wenn sich auch vom russischen Standpunkt die Vorteile der uns schädigenden Absperrung nicht verkennen lassen. Wenn für Preussen die Oeffnung der Ostgränzen einen Krieg aufgewogen hätte, würde es denselben früher begonnen haben."
"Wir dürfen also wenigstens auf eine bewaffnete Neutralität im Fall eines Krieges rechnen? Bedenken Euer Excellenz, dass die westlichen grenzen nicht gesichert sein würden. Der Kaiser Napoleon ist Ihr heimlicher Gegner so gut wie der unsere, und das Rheinland ist eine sehr zugängliche Position."
"Wir werden uns die Rheinprovinz zu schützen wissen, Herr Baron, gegen etwaige Gelüste danach. Es ist vollkommen Zeit, dass Deutschland sich von jedem äussern Einfluss, jeder äussern Bedrohung emancipirt und endlich seine grenzen festält gegen alle fremden Dispositionen darüber. Das ist der ernste deutsche Wille Seiner Majestät des Königs und Seines erhabenen Verbündeten des Kaisers Franz Joseph."
"Euer Excellenz werden doch nicht an die törichten Behauptungen der französischen Zeitungen glauben ...?"
"Ich glaube in der Politik an Wenig, Herr Baron, am wenigsten an die Zeitungen. Ich w e i ss , dass das Kabinet von St. Petersburg unmöglich den Tuilerieen für die Zustimmung zu den russisch-türkischen Arrangements das linke Rheinufer zugesagt haben k a n n , wie es England Cypern und Egypten versprochen haben soll, – denn Kaiser Nicolaus ist ein Ehrenmann und die Sache wäre nicht nur moralisch schlecht, sondern auch politisch töricht. Ich wiederhole Ihnen, dergleichen Geschwätz kümmert mich nicht."
Der Diplomat kniff leicht die schmalen Lippen.
"Also eine bewaffnete Neutralität, wie Oesterreich sie bereits so gut wie zugesagt hat? Es könnte leicht geschehen, ja es ist wahrscheinlich, dass man die Revolution zu Hilfe ruft. In London wird bekanntlich bereits ganz offen von den Flüchtlingscomité's gegen uns propagandirt. Polen und Ungarn sind noch immer offene Heerde, darum wäre es gut, im Vereine mit Oesterreich ..."
"Oesterreich, Herr Baron, ist nicht Deutschland. Oesterreich hat seine slavischen Staaten und Italien zu wahren. Es würde ein grosser Missgriff sein, uns durch eine Demonstration in Verwickelungen zu bringen und in grosse Kosten zu stürzen. Was die Revolution betrifft, so sein Sie unbesorgt, wir haben Lehrgeld gegeben, und Preussen wird sie auch an seinen polnischen grenzen nicht dulden. Im Uebrigen: Neutralität, Herr Baron, Neutralität, begnügen Sie sich damit."
Der Diplomat erhob sich.
"In jeder Beziehung. Excellenz, auch in der Presse?"
"Auch in der Presse, so viel es in der Macht der Regierung steht. Sie wissen, der König ist für eine anständig freie Discussion in den gesetzlichen grenzen."
"Ich fragte und bat nur darum," sagte der Diplomat mit feinem Lächeln, indem er ein Papier aus der Brusttasche zog, "weil auch mir da eine Art von Circular zugekommen, das an verschiedene Zeitungsredactionen die Freude ausspricht, mm endlich von dem Druck russischer Suprematie erlöst zu sein, und sie auffordert, ohne weitere Rücksicht der stimme der öffentlichen Meinung Raum zu geben."
Diesmal war es der Minister, welcher sich auf die Lippen biss.
"Das ist offenbar eine Dummheit, die