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die Freunde auf die umherliegenden Trümmer und harrten gespannt auf die entwicklung.

Lange sass ihr seltsamer Wirt auf dem Stein vor ihnen, die braunen schwieligen hände vor dem Gesicht, als zolle er mächtigen Erinnerungen seinen Tribut. Dann erhob er das Haupt, reichte dem jungen Griechen die Hand, und sagte: "Sei mir willkommen, Sohn des Michael Caraiskakis, meines unvergesslichen Herrn! Sage, ist Einem Deines Geschlechts der Name und das Antlitz J o h a n n e s des Ipsaroten denn so ganz fremd geworden, dass er ihn nicht mehr wiedererkennt?"

"J a n o s !" rief der Grieche, und sprang empor – "Janos, der Mutter und Kind in der Mordnacht aus den Flammen trug? Janos, unser Retter und Freund! Heilige des himmels, wo hatte ich meine Augen!" Er umschlang den Hals des Mannes, in dessen Augen Freudentränen glänzten, der aber freundlich ihn von sich drängte.

"Janos! Ja wohl!" sagte er, "und damit Ihr Alles wisst – J a n o s K a t a r c h i , Jan, der Kameeltreiber, Jan der R ä u b e r und Mörder, vor dessen Namen jene ungläubige Brut dort unten zittert. Jan Katarchi steht vor Dir und heisst Gregor, den Knaben, den er einst auf den Knieen trug, willkommen, wenn dieser ihn noch kennen will'"

Gregor warf sich noch einmal an die Brust des treuen Dieners seiner Familie. "Sage, Jan der P a l i k a r e , Jan der Rächer, wie Dich jedes wahre griechische Herz dort unten nennt. Was geht mich Dein Name an, Dein Tun, oder dass Du vogelfrei im Kampf mit den Unterdrückern unsers volkes bist, und an Deinen Händen Blut klebt! Ist es nicht auch das Blut, das Du vor einunddreissig Jahren zu unserer Verteidigung vergossen, bist Du nicht der Waffendiener meines Vaters, der mit ihm das Schiff des blutigen Wütrichs gegen die Wolken sprengte, als diese ihre Blitze vergessen hatten gegen die tausendfachen Greuel! Es ist wahrlich eine Segnung der Heiligen in meinem Kummer, dass ich in diesem Augenblick einen Mann finde, der der Freund meiner Kindheit war, wie ich den Freund meiner Jünglingsjahre wieder gefunden!" Er reichte Beiden die Hand, die der Bandit trotz der Abwehr Gregor's leidenschaftlich küsste. Dann zog der Mann des Bluts und der Verbrechen den Wiedergefundenen zu sich nieder an's Feuer und begann mit einer Hast und Unermüdlichkeit der Zunge, die dem Griechen, namentlich der untern Klassen eigen ist, ihm hundert fragen über das Schicksal der Familie vorzulegen, während der Deutsche ein stummer, aber aufmerksamer Zuhörer der unerwarteten Scene blieb.

"Aber sage mir, Janos," unterbrach endlich Caraiskakis den Strom der fragen, – "wie kommst Du hierher? Wir glaubten Dich tot nach der letzten Nachricht, die wir von Dir erhalten, und betrauerten Dein Andenken."

"Du weisst, Herr," erzählte der Räuber, "dass ich an der Seite Deines tapfern Vaters am Piräus fiel, als wir fünf Jahre nach dem Blutbad von Chios unter Richard Church den Ersatz der Akropolis versuchten. Mein Leib deckte den teuren Leichnam und zeigte noch die Spuren der drei tiefen Wunden, die ich erhielt. Wie ich gehört habe, ziert ein Denkmal die Stelle, wo mein Herr für die Freiheit und das Kreuz am 4. Mai blutete. Mögen die Heiligen ihm im Paradiese gnädig sein! Als ich erwachte, lag ich nackt und bloss auf dem Schlachtfeld. Ein fränkischer Arzt erbarmte sich meiner, – schon damals im heiligen Kampf des Kreuzes gegen den Halbmond hatten sich ja Christen unsern Feinden verkauft! – und verband meine Wunden. Wider das eigene Hoffen genas ich, und mit hundert anderen Unglücklichen schickte mich Ibrahim Pascha als Siegesbeute seinem Vater nach Egypten. Dort litt ich fünf Jahre, was ein Sclave leiden kann, bis ich im Krieg des Vicekönigs gegen den Sultan mit nach Syrien geschleppt wurde. In dem Gewühl des Sieges von Konieh gegen Reschid Pascha gelang es mir, zu entkommen, – ich bettelte und schlug mich durch, bis ich die blauen Ufer unsers schönen Meeres mit seinen grünen Inselsternen wieder sah, und kam nach Chios. Zehn lange Jahre hatten nicht gereicht, die Spuren jener schrecklichen Verwüstung zu verwischen. Die herrliche Insel, des grossen Homer Geburtsstätte, hatte man in den Händen der Ungläubigen gelassen, die Inglesi tragen die Schuld daran, wie ich mir sagen liess, jenes Volk von Kaufleuten, das jetzt wieder auf der Seite unserer Unterdrücker steht, jetzt, wo der grosse Czaar im Norden das ganze Griechenland frei machen will von der herrschaft der Ungläubigen. Deshalb hasse ich die Nation, ich speie auf die Gräber ihrer Väter; denn Nichts sind sie besser, als die Moslems selber."

"Hier hören Sie eine stimme des volkes," winkte Caraiskakis dem Freunde. "Wie aus dem mund dieses Verbannten und Geächteten, so tönt es überall, wo Hellenen wohnen und Jeder träumt von einer neuen Aera des byzantinischen Reichs."

"Auf Chios," fuhr der Räuber fort, "war meines Bleibens nicht mehr. Vergeblich forschte ich nach der Familie meines Herrn. Der neue Name Deiner Mutter verbarg mir die Spur. So ging ich auf's Festland zurück und gewann mein Brot in Smyrna als Kameeltreiber bei den Karavanen, die aus dem inneren von Syrien und Turkomannien die Früchte