die Flotten die Dardanellen passiren sollten, während öffentlich beide Kabinete ihren Gesandten in Constantinopel schreiben, dass sie die Erwiderung der Pforte nur mit grösster Missbilligung hätten aufnehmen können und Alles aufzubieten sei, dass die einfache Annahme der Note erfolge. Auf der anderen Seite verlangt man in Petersburg die Annahme der Abänderungen. Dies ist kein redliches Verfahren und kann nur neue Verwikkelungen herbeiführen."
"So weit ich übersehe, Herr Baron, sind wir jetzt auf dem Punkt angelangt, in dem sich die Verhandlungen befinden und auf dem ich Ihre neueren Eröffnungen erwarten darf."
"So ist es. Ich mag Euer Excellenz nicht verhehlen, dass der Kaiser, mein Herr, keineswegs gewillt ist, auch nur einen Schritt über die Position hinauszugehen, die er durch wahrhaft erhabene Nachgiebigkeit in der Annahme der wiener Note eingenommen. Jede weitere Concession wäre eine Schwäche. Die an Baron Meiendorf in Wien gerichtete Depesche vom 7. September, die ich morgen die Ehre haben werde, Euer Excellenz in Abschrift zu überreichen, erklärt ganz bestimmt, dass Russland es mit seiner Würde unvereinbar halten müsse, nachdem es ohne Veränderung und Zusätze den Vorschlag der vier Mächte acceptirt, nunmehr den Forderungen der Pforte sich fügen zu sollen. Das Kabinet von St. Petersburg verharrt übrigens bei seiner früheren Zusage, dass wenn ein türkischer Gesandter die unveränderte Note überbringt, die Donaufürstentümer alsbald geräumt werden sollen."
"Ich fürchtete das."
"Die Interpretation meiner Regierung ist, wie ich wiederhole, folgende. Die wiener Note ist nicht Russlands Werk, sondern das Werk der vier Mächte England, Frankreich, Preussen und Oesterreich. An ihnen ist es nicht allein, in Constantinopel ihrem Werke, das sie mit der Unabhängigkeit und Souverainetät der Pforte vereinbar gefunden, achtung, oder besser gesagt, Gehorsam zu verschaffen, sondern auch Sache jeder einzelnen Macht ist es, die Mitcontrahenten zur Erfüllung dieses Vertrages anzuhalten und sich im Weigerungsfall auf die Seite Russland's zu stellen."
"Ich muss gestehen, Herr Baron, dass bis hierhin Ihre Regierung in vollem Recht ist und ich zweifle nicht, dass in Folge der Antwort Seiner Majestät des Kaisers mein königlicher Gebieter mir ganz bestimmte Erklärungen in Constantinopel, Paris und London befehlen wird."
"So dürfen wir nötigenfalls auf ein DefensivBündniss mit Preussen und Oesterreich rechnen und die weiteren Einleitungen dazu treffen?"
"Einen Augenblick, Herr Baron. Ist die kaiserliche Ablehnung der türkischen Amendationen Alles, was Sie mir morgen zu übergeben haben?"
Der Diplomat stutzte.
"Zu dienen, Excellenz; wie meinen Sie das?"
Der Minister legte schwer und ernst seine Hand auf das Memoire, in dem er vorher gelesen, und das noch umgekehrt auf dem Tische lag.
"Es ist mir da von unbekannter Hand ein Schriftstück zugegangen, das die Abschrift einer zweiten Depesche vom 7. September an Herrn von Meiendorf entalten soll, in welcher Graf Nesselrode diesem eine genaue Kritik der Amendationen der Pforte und die Auslegung des russischen Kabinets zu jedem streitigen Passus gibt. Ich weiss nicht, Herr Baron, ob das Aktenstück echt und ob es Ihnen bekannt ist?" Er reichte ihm das Memoire1.
Das blasse Gesicht des Russen wurde womöglich noch durchsichtiger, er sprang, wie von einem elektrischen Funken getroffen, empor.
"Ein Verräter unter meinen Secretairen?"
Der Minister lud ihn mit einer vornehmen Handbewegung ein, sich wieder niederzulassen.
"Ich achte zu sehr die Rechte der fremden Gesandtschaften, mein Herr, um mich auf eine unpassende Weise in ihre Geheimnisse zu drängen. Diese Papiere sind mir vor zwei Stunden anonym zugegangen und ich stelle sie Ihnen zur Disposition, um zu beurteilen, ob sie von einem Ihrer Untergebenen herrühren können, was ich jedoch bezweifle, da in letzterer Zeit mir mehrfach Winke und Mitteilungen von derselben Handschrift von ganz andern Orten aus zugekommen sind."
"Ich kann," fuhr er nach kurzer Pause fort, während welcher sein Besuch die äussere Ruhe wieder gewonnen hatte und in dem Manuscript blätterte, "von diesem, jedes officiellen Characters entbehrenden Schriftstück natürlich auch keine amtliche Notiz nehmen und es auch nicht Seiner Majestät dem König vorlegen, um auf die Allerhöchsten Entschliessungen einzuwirken. Privatim aber gestehe ich Ihnen, Herr Baron, dass ich es allerdings für ächt, und sein Bekanntwerden ganz für geeignet halte, die bereits zweifelhafte Haltung der Kabinete von London und Paris in eine offene Lossagung von den wiener Beschlüssen zu verwandeln, wenigstens – ich will offen mit Ihnen übereinstimmen – die gelegenheit dazu zu geben."
"Und Preussen? – Wir sind der österreichischen Zustimmung sicher auch nach der Ueberreichung dieser zweiten Note."
Wieder überflog ein leichter Zug von Spott das Gesicht des Kleineren.
"Dann gratulire ich Ihnen. – Preussen, Herr Baron, wird so lange i c h die Ehre habe, an der Spitze seiner Verwaltung zu stehen, und so lange Seine Majestät der König mich würdigt, meinen Rat entgegen zu nehmen, – sich und Deutschland von einer tatsächlichen Beteiligung an der orientalischen Verwickelung und dem – ich glaube kaum noch zu vermeidenden – Kriege frei halten und nur eine zuratende, vermittelnde und abwartende Stellung einnehmen. Es ist mein festes Bestreben, uns durch kein temporäres Bündniss in dieser Frage nach irgend einer Seite hin zu verpflichten."
"Da wir auf diesen Punkt der Offenheit gekommen sind, Excellenz, so erlauben Sie, dass ich unverhohlen meine Meinung über die Zukunft sage. Es liegt in den ganzen Ereignissen ein gewisser geheimnissvoller Faden, dessen Ursprung und Lauf ich nicht