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soll? Eine Macht wie Russland konnte sich doch von einem so untergeordneten lebensunfähigen Staat wie die Türkei in ihren gerechten Forderungen nicht Trotz bieten und die gemachte Androhung unausgeführt lassen? Und nun, da die Besetzung geschehen, wird der Kaiser, mein Herr, doch unmöglich seiner politischen Ehre so viel vergeben, um seine Truppen den Rückzug antreten zu lassen, ohne dass die Gewähr seiner Forderungen gesichert ist? – Die geringe Zahl der Truppen, welche den Prut überschritten haben, bürgt Europa dafür, dass es sich nur um eine Pfandnahme, nicht um ein militairisches Vorgehen gegen die Türkei handelt."

"Sie vergessen, Herr Baron, dass die politische Ehre eine Sache ist, die sehr vielfacher Deutung unterliegt. Vielleicht erinnern Sie sich, dass Preussen, von dem Sie jetzt die Unmöglichkeit einer solchen Anschauung verlangen, vor nicht langer Zeit in der Lage war, auf den d r i n g e n d e n Rat einer befreundeten Macht, – ich will es nicht anders nennenin, seine inneren deutschen Interessen betreffenden, Streitigkeiten z w e i M a l einen militairischen Rückzug aus seinen avancirten Stellungen nehmen zu müssen. Ich meine Schleswig-Holstein und Cassel, und wenn ich nicht sehr irre, wurde uns hier auf der nämlichen Stelle klar gemacht, dass die politische Ehre durch ein solches Rückgehen keineswegs eine Einbusse erleiden könne."

Der Baron errötete stark, antwortete jedoch nicht auf den Fechterstreich, den er erlitten, sondern nahm sofort die Darstellung der diplomatischen Verhandlungen auf.

"Die Pfandnahme der Donaufürstentümer hatte in Constantinopel einen Aufstand der Kriegspartei und die kurze Aenderung des Ministeriums Reschid zur Folge, ein Beweis, wie wenig die alttürkischeim Stillen immer herrschendePartei zu einer billigen Nachgiebigkeit geneigt ist. Die Vermittelung der Gesandten bei Seiner Hoheit dem Sultan hat zwar die sofortige Wiedereinsetzung des Grossveziers und Reschid Pascha's zur Folge gehabt, indess glaube ich, dass es den Vertretern von Frankreich und England mehr darum zu tun gewesen ist, den gesicherten Einfluss sich zu bewahren, als den Krieg zu verhindern; denn wir wissen sehr wohl, dass das Kabinet der Tuilerien bereits unterm 13. Juli das englische Gouvernement aufgefordert hat, sich über das weitere Agiren der Flotten zu verständigen, wenn die Vermittelung nicht zu stand käme. Dahin zielt auch die Note der französischen Regierung vom 15., welche uns das Recht der Besetzung streitig macht, und der Pforte daraus dasjenige vindicirt, den beiden Mächten die Passage der Dardanellen zu gestatten. Auch das englische Kabinet antwortete in gleicher Weise unserer Circular-Depesche vom 2. Juli. Während hierauf die Gesandten der vier Grossmächte in Constantinopel darüber verhandelten, den Protest der Pforte gegen unser Einrücken in die Fürstentümer uns mundrecht zu machen, und die Pforte den von Lord Stratfort redigirten Noten-Entwurf am 23. Juli annahm, hatte am selben Tage der Minister des Auswärtigen in Wien, Graf B u o l , die Repräsentanten Preussens, Englands und Frankreichs bei sich vereinigt, um in Wien selbst einen Ausgleichungsvorschlag zu vereinbaren, dem die frühere französische Note zur Grundlage diente."

"Es war ein unglückliches Zusammentreffen, dass beide Vorschläge gleichzeitig concurrirten."

"So sehe auch ich es an, Excellenz. Graf Buol fügte der französischen Note zwei Verbesserungen bei, deren eine die Erklärung der Pforte entält, den Vertrag von Kainardji treu beobachten zu wollen. Der englische Gesandte setzte hierbei die unnütze Aenderung durch, dass dem ganz klar lautenden Vertrage von Kainardji von uns nicht eine beliebige Auslegung gegeben werden dürfe."

"Ich weiss nicht, Herr Baron, ob diese Einschaltung so unnötig war," unterbrach ihn der Minister; "wenigstens hat die Folge gezeigt, dass gerade die Auslegung den streitigen Punkt abgab. Jedenfalls war das preussische Gouvernement ganz mit dem Vorschlage des Herrn Grafen Buol einverstanden, den unterdessen von Constantinopel eingegangenen Noten-Entwurf zurückzubehalten und den der wiener Konferenz zur Annahme zu empfehlen."

"Die Feststellung desselben erfolgte am 31.; Oberst von Ruff ging mit einem eigenhändigen Schreiben Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph nach Constantinopel, um dem Sultan die Annahme des Vermittelungsvorschlages auf das Dringendste zu empfehlen, und die Regierungen von England, Frankreich und Preussenwir wollen vorläufig an die Aufrichtigkeit der beiden ersten glaubeninstruirten ihre Gesandten bei beiden Kabineten, alle Bemühungen darauf zu richten, dass die Note acceptirt werde."

"Graf Nesselrode benachrichtigte bereits am 3. August unsern Gesandten in Wien, dass Seine Majestät der Kaiser die wiener Note angenommen habe, und die Depesche vom 6. brachte die ausführliche Erklärung über diese Annahme unter der Voraussetzung, dass die Pforte sie auch u n v e r ä n d e r t acceptire. Wenn nicht, konnte sich Russland, das sich der Annahme nur zur Beschwichtigung der Besorgnisse Europa's unterworfen hatte, nicht weiter für gebunden halten. Sie werden mir zugestehen, Exzellenz, dass hier die Sachlage und die Verpflichtung ganz einfach und klar ist. Die vier Grossmächte stellenunabhängig von den streitenden Parteiendie für den Frieden Europa's und die Lösung des Zwistes von ihnen notwendig gehaltenen Punkte eines Abkommens fest. Russland acceptirt dieselben ohne Abänderung und fügt sich dadurch dem Beschluss seiner bisherigen Verbündeten. Diesen fällt hierdurch die ganz natürliche Verpflichtung anheim, auch nach der andern Seite hin die Unveränderlichkeit ihres eigenen Werkes zu vertreten."

"Das ist richtig, Herr Baron; es ist nur zu bedauern, dass während der Verhandlungen Russland die Pforte auf's Neue durch