1855_Goedsche_156_226.txt

Haltung, in einem geschriebenen Memoire lesend und zuweilen mit dem Bleistift einzelne Stellen darin bezeichnend. In dem ziemlich faltenreichen, fast viereckigen Gesicht lag eine gewisse Letargie, dabei ein Ausdruck von vieler Gutmütigkeit, doch zuweilen flog es über die Züge, als sässe leiser jovialer Spott darin, wie der Schalk im Nacken. Die hohe volle Stirn verkündete den ruhigen Denker und Beobachter. Das Merkwürdigste an dem Kopf waren die Augen eben in ihrer Verborgenheit. Unter matt, fast schläfrig gehobenen Augenlidern, mit häufigem Zwinkern, gleich als könnten sie das Licht nicht vertragen, oder wären angegriffen von dem Staub der Aktenstube, verschwänden sie fast ganz hinter der Brille, als wollten sie unter dem Schutz der Gläser nur beobachten und wieder beobachten. Es lag über der ganzen Persönlichkeit eine unendliche Ruhe, ein Zusehen, ein Abwarten, eine Zähigkeit, die einen vollendeten, in sich abgeschlossenen Charakter bildeten.

In der Tat entsprach das bedeutsame öffentliche Leben und in Preussens geschichte so wichtige Wirken des Mannes ganz seiner Persönlichkeit. Es war der Fabius cunctator der modernen Politik und Diplomatie, jener Staatsmann, dessen merkwürdigen zähen Eigenschaften und unverwüstlicher Ruhe unterm Schutz seines erhabenen Monarchen Preussen seit fünf Jahren die glückliche Leitung seines Staatsschiffes durch eine Unzahl von Klippen und Brandungen und die schwierigsten inneren und äussern Situationen verdankt. Nicht mit jener eisernen Consequenz erhabener Charactere, aber mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die zuletzt immer ihren Weg macht, wenn sie auch im Augenblick biegsam und nachgebend erscheint, verfolgte seine Politik ihr Ziel. Von a l l e n Parteien angefeindet, von Oben und Unten angegriffen, zahllose Anfeindungen und wenn nicht Niederlagen, so doch Triumphe seiner Gegner erleidend, ist er der Erste, welcher sie anerkennt und seinen Rückzug nimmt, und dennoch hat er am Schluss noch immer seine Zwecke erreicht, seine Feinde und Freunde aus dem feld gedrängt und seinewir wollen nicht sagen "Macht" – aber seine Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit befestigt. Wenn auch nicht ohne Vorurteile, so doch ohne Leidenschaften ist er unbedingt der glücklichste und an Erfolgen reichste Diplomat seiner Feit, und wäre wahrscheinlich ihr grösster Staatsmann, wenn er zu seinen Eigenschaften noch das eigentümliche Talent grosser Männer zählte: raschen und glücklichen Scharfblick in Beurteilung und Wahl der Personen und deshalb stets gut bedient zu sein.

Der im Vorzimmer Wache haltende alte Kanzleidiener öffnete jetzt die Tür und meldete leise einen Besuch. Der hohe Beamte verliess seinen Sessel, drehte vorsichtig die Lampe auf dem Tisch um, so dass ihr Licht jetzt nach dem Sopha fiel, und ging dem Eintretenden bis an die Tür entgegen, die er sorgfältig hinter ihm schloss.

"Nehmen Sie Platz Herr Baron! ich habe Ihr Billet heute Mittag erhalten und Sie erwartet. Wir werden ungestört sein."

Der Eingetretene war eine hohe schlanke Gestalt mit blassem feinem Gesicht und auffallend breitgewölbter Stirn, in der Mitte der dreissiger Jahre. Er sprach das Deutsch langsam, sein und ruhig, nur wenn die Unterhaltung lebhafter wurde oder es ihm auf eine subtile Wendung anzukommen schien, bediente er sich im Gespräch der französischen Sprache.

"Euer Excellenz sind sehr freundlich," sagte er, indem er auf die Einladung des Wirtes auf dem Sopha Platz nahm. "Erlauben Sie, dass ich nochmals erwähneum jeden Zweifel über den charakter unserer Unterredung zu beseitigen, – dass ich dieselbe von Euer Excellenz nur als eine private und persönliche erbeten habe, um Ihre Ansichten und Ihren Rat zu hören, bevor ich morgen die Ehre habe, Ihnen offiziell die neueste von meinem Kabinet eingetroffene Note zu überreichen."

"Unsere Unterredung soll also bloss eine rein private, bedeutungslose sein, von der ich Seiner Majestät dem Könige keinen Bericht zu erstatten brauche?"

Der Andere zögerte.

"Das nicht ganz, – Sie missverstehen mich, Exzellenz. Ich wünsche Ihnen auchnicht offiziellaber unter der Handeinige Mitteilungen und Vorschläge zu machen, deren weitere amtliche Kundgebung natürlich von Ihrem Entgegenkommen abhängen würde. Auch bin ich beauftragt, in gleicher Weise die Ansichten Ihres Gouvernements über gewisse Eventualitäten der Zukunst zu erfragen."

Ein leises diplomatisches Lächeln glitt über das Gesicht des Kleinen.

"Da Sie unserer Unterredung weder einen offiziellen, noch rein unterhaltenden charakter zugestehen wollen, Herr Baron, so müssen wir sie vielleicht eine 'offiziöse' nennen. Das ist ja wohl der Ausdruck, den die Neue Preussische Zeitung, Ihre Freundin, dafür erfunden hat."

Der Baron verbeugte sich zustimmend.

"Gestatten mir Euer Excellenz zunächst einen kurzen Rückblick auf die letzten diplomatischen Verhandlungen, der uns um so rascher auf den zu nehmenden Standpunkt führen wird, als Euer Excellenz gewiss bereits wissen oder vermutet haben, dass die Note, welche ich morgen die Ehre haben werde, Ihnen zu überreichen, die Antwort des Herrn Reichskanzlers auf die alle Chancen der friedlichen Ausgleichung auf's Neue bedrohenden Amendationen des Divans zu der vereinbarten und unsererseits angenommenen Note der wiener Conferenz entält."

"Ich bin mit dieser Art der Verhandlung ganz einverstanden, Herr Baron, und bitte Sie, bis auf den beklagenswerten, und auch von Seiner Majestät dem Könige tief bedauerten Schritt des Einmarsches Ihrer Armee in die Donaufürstentümer am 3. Juli zurückzugehen. Sie kennen bereits meine Ansicht, dass dieser Schritt, zu dem sich Ihre Regierung hat hinreissen lassen, mir keineswegs durch die bestehenden Verträge gerechtfertigt scheint, und dass ich in ihm das Hinderniss aller gütlichen Ausgleichung und die notwendige Ursache kriegerischer Verwickelungen sehe."

"Aber, mein Gott, was wollen Sie, das geschehen