Gnädige, das ist nur da für die gemeinen Krabben, die sonst gar nicht stille zu kriegen sind. Das Engelchen schläft ganz von selber und kriegt die allerfrischeste Milch, wie sie nur der Charlottenburger Milchmann früh bringt. Der Kleine könnt's bei Ihnen selber nicht so gut haben, wie bei mir."
Die Verlegenheit des Weibes, das rote Gesicht des Kindes hätten freilich bei einer erfahrenen Mutter böse Zweifel gegen die Ableugnung erweckt. Die junge Dame warf sich in die arme des Mannes.
"Führe mich fort, Ferdinand; diese Lust, dies Alles erstickt mich. O, wie bin ich so gränzenlos unglücklich!"
Der Major gab der Frau Geld und befahl ihr auf das Strengste an, dem kind nur die reinste Nahrung zu reichen, und sagte, dass er alle Woche einen Arzt hierher senden werde, um sich von dem Zustande desselben zu überzeugen. Das Weib beteuerte und versprach alles Mögliche, und geleitete so das Paar durch den Hausflur zurück auf die Strasse. Dam – allein – schlug sie verächtlich ein Schnippchen hinter ihnen drein, steckte dem kind in der Wiege wie zum Trotz die entsetzliche Flasche in den Mund, und als sie den nächtlichen Besuch weit genug entfernt glaubte, löschte sie rasch die Lampe und eilte auf's Neue zu ihrem Gelage, ohne das kranke wimmernde Kind im Vorderkeller auch nur eines Gedankens zu würdigen. –
Leise weinend schritt indess die junge Mutter neben dem Major her, der vergeblich sie zu beruhigen und zu trösten suchte.
"Du hast es selbst gewollt, Marie; das Kind war auf dem land gut aufgehoben bei der armen Frau, aber Du bestandest darauf, es in Deiner Nähe zu haben, um es wenigstens hin und wieder sehen zu können. Ich habe mich nach verschiedenen Haltefrauen erkundigt, aber man rühmte mir diese immer noch als eine der zuverlässigeren. Bei vielen andern waren wir auch weniger vor Entdeckung sicher. Ueberdies bürgt uns der eigene Vorteil dieser person dafür, dass sie dem kind die möglichste Sorgfalt widmet; Du hörtest selbst, dass es ihr 'bestes' ist. An andern Orten ist es vielleicht noch schlimmer aufgehoben."
Aller Trost nutzte Nichts; er musste ihr versprechen, sobald als möglich für das Kind einen andern bessern Ort zu ermitteln, es wieder auf das Land zurückzubringen, indem sie lieber darauf verzichten wolle, es zu sehen. Der Major versprach Alles, nur um die Erregte zu beruhigen. So brachte er sie wieder zurück zu dem Garten und nach weiteren Verabredungen für die nächste Zusammenkunft, wozu gelegenheit ihnen durch die obwaltenden Verhältnisse nur sehr selten gegönnt war, bis zu dem haus.
"Und nun lebe' wohl, Marie, sei stark und mutig, wir werden sicher noch alle Hindernisse besiegen; vertraue auf meine Kraft, nur mache Dich los von den Vorurteilen, die Dich noch mit hundert Banden gefesselt halten. – Zum Henker," unterbrach er sich, indem er mit der Hand im Epheugeländer umhersuchte, "wo steckt denn die Leiter?"
"Sie wird nicht nötig sein," sagte eine tiefe stimme hinter ihnen; "ich werde die Comtesse, meine Tochter, auf einem passenderen Wege nach ihrem Zimmer geleiten."
Das Paar fuhr wie vom Blitzstrahl getroffen auseinander. Zwischen ihnen stand ruhig und gemessen ein grosser stattlicher Mann mit breiter Brust und grauen Haaren. Das Sternenlicht der Sommernacht liess freilich die Züge nicht erkennen, aber Jedes der Beiden wusste, wen es vor sich hatte.
Der Major fasste sich alsbald, während die junge Dame halb ohnmächtig an der Wand lehnte.
"Herr Graf," sagte er, "es ist eine peinliche Situation, in der ich Ihnen in diesem Augenblick gegenüberstehen muss. Erlauben Sie, dass ich Ihnen morgen früh eine Rechtfertigung gebe, wie sie unter Männern von Ehre nötig ist."
"Bemühen Sie sich nicht, mein Herr – der Zufall und Schlaflosigkeit haben mich hinter die nächtlichen Promenaden dieser jungen Dame gebracht, und ich werde sie künftig zu verhindern wissen, eben so wie alle unpassenden Liebschaften. Weiter weiss ich Nichts und will Nichts wissen. Gute Nacht, mein Herr."
"Herr Graf, ich bitte Sie – hören Sie mich an ..."
"Mein Herr, zwingen Sie mich nicht, die Bedienten durch meinen Ruf zu wecken. Mit Leuten Ihrer Art und Ihrer Gesinnung hat ein Edelmann von unbeflecktem Namen Nichts zu tun. Ich sollte meinen, zum galanten Verführer wären Sie doch schon zu alt. Es ist also die Speculation! – Dieser Garten aber und dieses leichtsinnige Mädchen sind noch mein Eigentum, und Gott sei Dank gelten hier noch nicht die gesetz der Herren Communisten und Weltverbesserer. – Entfernen Sie sich, ich befehle es, und lassen Sie sich nicht wieder in dieser Umgebung blicken."
Er fasste die Comtesse hart am Arm und führte sie fort nach dem Hofraum. – Der Major schlug sich wild vor die Stirn und drohete mit der Faust nach dem haus. Dann ging er rasch in die Büsche des Gartens.
Zur selben Zeit ungefähr, als der Fremde, den wir unter dem Titel "Major" nach der Bezeichnung auf seiner Visitenkarte eingeführt haben, die spanische Tänzerin verliess, fand eine andere für das Schicksal Europa's und den gang unserer Darstellung bedeutsamere Unterredung statt.
In dem grossen Empfangzimmer eines Hotels der sogenannten Diplomatenstrasse von Berlin sass an dem Tisch ein Mann von einigen fünfzig Jahren und ziemlich kleiner, wenig auffallender Statur mit legerer, leicht gebeugter