1855_Goedsche_156_224.txt

die Beschränkung der Syphilis ist durch die zugleich eingetretene schärfere Aufsicht der Behörde auf gewisse Zustände der bürgerlichen Gesellschaft, durch die Aufhebung der Kneipenmamsells, der zuchtlosesten Prostitution, durch die Beschränkung der vagabondirenden Liederlichkeit, keinesweges durch die Bordelle herbeigeführt, über deren Verwerflichkeit wir mit den stärksten Eiferern vollkommen einverstanden sind.

Welche Aehnlichkeit aber hat das Findelhaus mit diesen Oertern der Schande, die man doch geglaubt hat, den Uebelständen einer grossen Stadt schuldig zu sein?

Das F i n d e l h a u s ist eine Anstalt der Barmherzigkeit, die die Schuldlosen vor den Folgen der Schuld rettet.

Sollte man deswegen die Rettungseinrichtungen gegen Feuersgefahr nicht schaffen und vervollkommnen, Versicherungsanstalten nicht gründen, weil man fürchtet, die Leute werden nun weit weniger vorsichtig mit Feuer und Licht umgehen, indem sie wissen, dass bei einem Unglück sie doch nicht so leicht verloren sind?

Die hundert wohltätigen und barmherzigen Anstalten der Versorgung von Kranken, Schwachen, Greisen und Armen, die Waisenhäuser und Erziehungsinstitute für die der Eltern Beraubtensind sie etwas Anderes als Findelhäuser für die Unglücklichen und Hilfsbedürftigen?

Das Findelhaus ist die Waisenanstalt der Säuglinge!

Wir wollen die endliche Einrichtung nicht im Interesse der Mütter für ein gutes erhabenes Werk empfehlenobschon auch hier die Schwäche der menschlichen natur viel Berechtigung hätte, obschon gar manche Rettung damit vollbracht, gar manches Verbrechen verhindert würde; neinwir mahnen daran im Interesse der unschuldigen hilflosen Kinder, für die keine andere noch so sorgsame Einrichtung diese Anstalt der Barmherzigkeit und des S c h u t z e s ersetzen kann.

In Paris, Wien, London, fast in allen grossen Städten bestehen längst solche Anstalten und haben sich überall als segensreich und gut bewährt. Auch Berlin zählt seit Kurzem eine ähnliche, private, und die Unterstützung der Behörden, deren sie sich zu erfreuen hat, zeigt, wie sehr man die Zweckmässigkeit derselben anerkennt. Aber sie ist eben nur für die Fehler der Wohlhabenden und kann nicht den erhabenen Charakter tragen, den ein öffentliches Institut der Barmherzigkeit haben würde. –

Berlin besitzt gegenwärtig an der Spitze der entsprechenden Behörde einen Mann von scharfer durchdringender Einsicht für gesellschaftliche Uebelstände und einem Organisationstalent, wie uns kein zweites je bekannt geworden. Energie vereint sich in ihm mit Eifer und Hingebung, und er besitzt die Macht in dem höchsten Vertrauen, das ihm geworden. Berlin und der Staat verdanken ihm bereite Einrichtungen, die seinem Wirken dauernde Anerkennung sichern werden, welche Hindernisse auch Unverstand und philiströser Schlendrian seinem Schaffen entgegenstellen. Das Gute und Zweckmässige bricht sich noch immer seine Bahn. Sollte der hohe Beamte, den wir meinen, nicht auch seinen scharfen blick, seine Tatkraft auf diese Einrichtung wenden wollen? Indem er die Gründung eines solchen Hauses der Barmherzigkeit gegen die seit langen Jahren ihm entgegenstehenden Hindernisse durchsetzte, würde er sich ein Denkmal schaffen, das seinem Namen hundertfachen Segen gebeugter Herzen und jener Hilflosen sichern würde, von denen Christus gesagt hat: Lasset sie zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich! ––––––––––––––––––––––––––––

Die Dame hob behutsam das schlafende Kind aus dem Bettchen und presste es an ihre Brust.

"Sehen Sie nur, Gnädige, was der Kleine für Bäkkschen hat, rot wie Aepfelchen. Ja, ja, die Kinder haben's bei der Müllerdorfern gut. Schöne Nahrung und Reinlichkeit. Ick sage Ihnen, es geht Nichts über die Reinlichkeit."

Sie hätschelte mit widerlicher Freundlichkeit das Kind, obschon die Mutter, die sich damit auf einen Stuhl gesetzt, sich ekelnd vor dem Branntweinodem abwandte, den das Weib ausströmte. Davon erwachte das Kind, schlug die Augen auf und fing an zu schreien. Nach wenigen Minuten antworteten im Chor die andern, die unter den Lumpen des allgemeinen Bettes zusammengepackt lagen.

"Werdet Ihr still sein, Ihr Bälger! Wart', das ist der Schreihals, die Minedas Ding ist drei Jahr und wie ein Einjähriges. Na wart', lasst mich hinkommen. – Entschuldigen Sie, Gnädige, es sind nur gewöhnlicher Leute Kinder und eene Magistrats-Waisenkrabbe. Ick werde sie aber gleich zur Ruhe bringen."

Damit nahm sie vom Tisch eine grosse Saugflasche, die mit Milch gefüllt schien, und hielt sie den jüngsten Kindern vor, die begierig daran sogen und sogleich wieder in tiefen Schlaf verfielen. Weder der Major, noch die mit ihrem kind zärtlich beschäftigte Dame bemerkten die Stösse und Knüffe, welche die beiden grösseren der erwachten Kinder von dem weib erhielten und wie sie sich heimlich wieder in Schlaf weinten.

Die junge Mutter ging mit dem beruhigten Kleinen durch die stube auf und nieder und legte es dann zurück in sein Bettechen. Zufällig siel ihr Auge auf die Milchflasche, und ehe es noch die Frau hindern konnte, nahm sie dieselbe in die Hand, zog den Pfropfen heraus und goss einige Tropfen aus die Hand. Ein widerwärtiger Dunst quoll ihr aus der geöffneten Flasche entgegen, wie von saurer verdorbener Milch, mit scharfem Alkohol geschwängert.

"Um Gott, Frau, was haben Sie da? was ist das für Milch? Ferdinand, ich bitte Dich!"

Der Major nahm ihr die Flasche aus der Hand und probirte einige Tropfen.

"Da ist ja Branntwein darunter, Frau!?"

"Nu freilich, een Tröpschen; was schad'ts denn? die Kinder schlafen dann desto besser. Es ist halt nur für die Nachtruh'."

"Aber Frau, Sie werden doch einem kaum entwöhnten Säugling nicht das schändliche Getränk geben?"

"I Gott bewahre,