besten Willen, mit der grössten Aufopferung jedoch können auch diese den Zweck nicht genügend erfüllen.
Auch wenn die eigenen häuslichen Pflichten die fortwährende Controlle erlauben, liegt in dieser selbst schon die Veranlassung, dagegen zu kämpfen. Wer die menschliche natur kennt, wird wissen, dass der Niedere jede Aufsicht, die der Höhere über ihn übt, als ein Misstrauen, als einen Eingriff in seine natürlichen Rechte, als eine Feindseligkeit betrachtet, geeignet, ihn zu verderben. Er wird sie erschweren, sich ihr entziehen auf jede mögliche Weise und geht dies nicht, sie täuschen. Wir brauchen die Nutzanwendung nicht zu machen.
Trotz aller Vorsicht der Obrigkeit, trotz aller privaten Wohltätigkeit und Menschenliebe, sind bei den gegenwärtigen Einrichtungen in Betreff der Aufziehung verlassener und hilfsbedürftiger Säuglinge und Kinder Scheusslichkeiten in Menge vorgekommen und kommen noch vor, die das Blut im Herzen erstarren machen!
Es ist bekannt in ganz Berlin, dass es unter den Frauen, die aus der Aufnahme dieser Kinder ein Gewerbe machen, viele gab, die den Namen "E n g e l m a c h e r i n " allgemein führten, weil – die Kinder, die ihnen übergeben wurden, nach kurzer Zeit zu Engeln wurden, das heisst starben. Man konnte mit positiver Gewissheit darauf rechnen, dass binnen kurzer Zeit die Kleinen tot waren. Diese Weiber hatten förmlichen Ruf da, wo man sich eines unglücklichen Kindes entledigen wollte.
Sollen wir zur Schmach der menschlichen Gesellschaft glauben, dass es wirklich Eltern gab, welche auf diesen Ruf speculirten? – – –
Wir wollen einen Schleier darüber ziehen, und dennoch klingen uns Reden in den Ohren, die – –
Wahr aber ist, dass solche Weiber jahrelang ungestört ihr schändliches Handwerk betrieben, dass sie sich – mit dem offenkundigen Ruf – jedem offiziellen Verdachte, jeder Untersuchung und Bestrafung zu entziehen wussten. Wer bringt Dergleichen zur Anzeige, wer beschwert sich über den Hungertod eines armen namenlosen Kindes? – Die Eltern, denen es eine Last, die es zu der Engelmacherin brachten?
ärzte und Sachverständige haben uns schaurige Fälle in die ser Beziehung mitgeteilt. – Eine einzige dieser grauen machte in nicht vollen neun Monaten "sieben Engel."
In neuester Zeit ist die Sache vielfach von den Aerzten wieder angeregt worden, ihr Einschreiten, ihre Denunciationen haben die Teilnahme auf's Neue darauf hingewandt und gezeigt, dass eben noch immer Entsetzliches auf diesem Gebiete zu beklagen ist.
Ein Criminalprozess, der ganz kürzlich gegen eine dieser Haltefrauen verhandelt worden, hat einen tiefen schrecklichen Einblick in die Rohheit solcher Charactere, in das furchtbare Elend und die entsetzlichen Qualen gewährt, denen mitunter die armen hilflosen Wesen ausgesetzt sind. Das Obductionsprotokoll über den Befund einer solchen ausgegrabenen Kinderleiche war wahrhaft haarsträubend. Zu den äusseren Misshandlungen, die den zum Scelett abgemagerten Körper in ihren Spuren bedeckten, war der förmliche Hungertod, der Tod wegen Entziehung der nötigen Nahrung und ungenügender Beschaffenheit derselben constatirt.
Welche Leiden muss das arme kleine hilflose Wesen ausgestanden haben? Wie viele mögen ihm vorangegangen sein?
Die Kindesmörderin, welche die unglückliche Tat im Wahnsinn der Erregung, der Angst, im unzurechnungsfähigen Augenblick vollbracht, muss sie büssen mit langjähriger schwerer Zuchtausstrafe.
Für den überlegten langsamen Mord der Engelmacherinnen hat das Gesetz nur verhältnismässig eine sehr geringe Strafe.
Wir schreiben diese Betrachtung in einer Zeit, wo die Teurung überhand genommen, wo die Preise fast aller Lebensmittel sich verdoppelt haben. Die Pflegegelder sind dieselben niedern geblieben – muss da nicht selbst bei redlichem Willen die eigene Not den Pfleglingen das Nötigste beschneiden? Wie viel mehr wird es von den Herzlosen geschehen, die kein Gewissen haben für die, deren einzige Klage nur das dumpfe Wimmern des Elends, des Hungers ist!
Wäre es nicht möglich, diese armen, von ihrer Geburt verstossenen hilflosen Geschöpfe zu schützen, ihre Mütter in eine Lage zu bringen, in der sie den begangenen Fehltritt leichter verbergen, in der sie die Existenz ihres Kindes sichern können?
Die Säuglingskrippen tun unendlich viel Gutes und sind schützende Engel für viele Kinder. Aber sie schlitzen eben nur das eheliche Kind des Armen vor den Gefahren, denen es die Verhältnisse der Familie aussetzen.
Wir meinen das: F i n d e l h a u s !
Warum scheut man sich in Berlin so vor diesem Wort und vor dieser offenbar menschenfreundlichen Einrichtung?
Wir haben gehört, dass bedeutende Summen und Vermächtnisse für die Gründung einer solchen Einrichtung seit vielen Jahren vorhanden sind, dass aber deren Ausführung an einer gegengefassten Meinung noch immer gescheitert ist. Man glaubt in der Gründung des Findelhauses eine Beförderung der Unmoralität zu sehen, die einer christlichen Regierung nicht geziemt.
Es ist dies ein tiefer und hoher Grund, und wir verkennen keineswegs seine religiöse Bedeutung, wie seine materielle Wahrheit.
Die Leichtigkeit, sich der Last des Kindes zu entledigen, wird Viele dazu führen, sich der heiligen Pflicht zu entziehen.
Aber ist bei solchen Müttern das Findelhaus für die Neugebornen nicht die Rettung?
gibt es nicht das Gewissen?
gibt es nicht die öffentliche Meinung, die selbst in ihrer Ausartung, in der Klatschsucht, den nächsten und seine Handlungen bewacht?
Man hat sich zu etwas weit weniger Gerechtfertigtem, weit Unmoralischerem, Unchristlicherem entschliessen müssen. Man hat dem Tierischen in der menschlichen natur die Concession gemacht, die Bordelle wieder zu eröffnen. Nach unserer Meinung sind diese in ihrer jetzigen Einrichtung nur Beförderungsmittel der Liederlichkeit und der Vergeudung und stiften keineswegs den sanitätlichen Nutzen, den man von ihnen erwartet und rühmt. Der bessere Gesundheitszustand der Hauptstadt,