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diese Zeit wohl in ihrem Vergnügen störe.

Es war, wie erwähnt, eine Frau von grosser, ziemlich robuster Statur und wohlgenährt, etwa vierzig Jahre alt. Sie war mit einem grünen Merinokleide und darüber kreuzweis gebunden einem alten gelbseidenen Shawl, bekleidet, auf dem kopf trug sie stark in Unordnung und schief sitzend eine Tüllhaube mit hochrotem fliegendem Bande, doch hing das Haar unordentlich darunter her, überhaupt hatte der ganze Anzug ein wüstes zerzaustes Ansehen. Dieser Charakter sprach sich auch in dem Gesicht des Weibes aus, das gemein und sinnlich vom Tanz und starken Getränken erhitzt, eine fast kupferne Farbe zeigte.

"Tausend Schwerenot, wat is denn des für ene Jeschichte, des man nich e Mal in der Nacht sein Bisken Vergnügen haben kann," sagte das Weib in niederm Dialekt, sich von der Stirn den Schweiss trocknend, "schreien die verfl ..... Beesters schon wieder, dass die Nachbarschaft rebellersch wird! – Na wart't, ich will sie ..."

Die ernste stimme des Majors unterbrach ihr widriges Keifen.

"Ich wollte Sie auf einen Augenblick sprechen, Frau Müllendorfer. Es ist eine Dame bei mir, die Ihr Pflegekind zu sehen wünscht, und wir haben nur spät am Abend Zeit, darum liess ich Sie von dem Ort herausrufen, wo Sie mir selbst sagten, dass ich Sie in solchen Fällen finden würde."

Das Weib erkannte den Redner schnell und änderte im Nu ihr Benehmen zu einer kriechenden Freundlichkeit, die um so widriger war, als sie dazwischen nicht ganz den Rausch zu verbergen vermochte, der sie bereite halb erfasst hatte.

"Ach, der gnädige Herr," sagte sie mit einem tiefen Knix. "Bitte recht sehr, ick stehe gleich zu Diensten. Glauben Sie ja nicht, dass ick den lieben Engel drum vernachlässigt hätte, i Gott bewahre, der liegt gut eingepackt in seiner Wiege ganz aparte von den andern. Sie wissen, gnädiger Herr, unsereins muss doch auch manchmal en Vergnügen haben, wenn man so kümmerlich sich durch die Welt schlägt, und die lange Guste, meine Nichte, hält heute Hochzeit, das S ..... hat richtig noch Eenen erwischt."

So schwatzend, lief sie mit manchem Fehltritt neben dem Herrn her bis zu ihrer wohnung, wo der Major die zitternde Geliebte aus ihrem Versteck holte und an seinen Arm nahm.

"Vorsicht, Marie, ich bitte Dich und halte Dein Gesicht verhüllt. Du trägst doch den Schleier unter dem Capuchon?"

Sie presste, in Aufregung zitternd, bejahend seinen Arm.

"Gleich, gnädige Frau, gleich sollen Sie das allerliebste Krabbelchen sehen. Kommen Sie nur mich nach, ich will gleich Licht machen."

Die Frau hatte die Haustür aufgeschlossen und zog das Paar in den dunklen Flur, von wo ein zweiter Eingang zu ihrer Kellerwohnung hinunterging. Nach einigem Umhertappen und mehreren halbleisen, zwischen den höflichen Redensarten gemurmelten Verwünschungen gelang es ihr, Licht zu machen. Der Major und die junge Dame befanden sich in einem Keller, dessen vorderer Raum zum Grünzeug- und Gemüse-Laden diente. Fässer, Bütten und Körbe standen in wüster Unordnung umher, im Hintergrund einige zerbrochene Möbeln und ein grosser Waschkorb, aus dem jenes Husten und Wimmern herkam. Die Dame wollte unwillkürlich dahin, doch das Weib trat ihr mit der angezündeten Oellampe in den Weg.

"Oh, nich dahin, gnädiges Madamken, das ist nur en armer Balg, die Mutter ist en Dienstmädken, die sich gleich wieder vermieten musste. Es hat en Bisken die Masern, und wenn des kleene Jeschöpf druf geht, na lieber Gott, es is ooch keen so grosses Unglücke. Ick kriege bloss andertalb Dhaler für den Wurm alle Monate und da is freilich nich viel zu machen."

"Mein Kind! mein Kind!"

"Sein Sie ganz ruhig, Gnädige, darum hab' ick eben das Wurm hier abgesperrt, dass er nur die andern nich ansticht. Kommen Sie hier hereinstossen Sie nich!"

Sie öffnete eine Seitentür, die zu einer niedrigen, aber ziemlich geräumigen Kellerstube führte, ganz im Geschmack dieser Klasse aufgeputzt. An der gegenüber liegenden Wand stand ein grosses breites Himmelbett, in dem ein etwa eilfjähriges Mädchen schlafend lag, die Tochter der Frau. Rechts zwischen den Fenstern die Kommode mit den Gläsern und Kaffeetassen auf der aus bunten Zeugcareaus genähten Dekke, an der Hinterwand der Kleiderschrank und ein grosser, bequemer und weichgepolsterter Sorgenstuhl vor dem Tisch. In der Ecke hinter der Tür endlich war eine Art von Pritsche oder kurzem breitem Bett, mit alten Decken, einigen schlechten Bettstücken und dergleichen gefüllt, und hier lagen, als der Lichtschein darauf fiel, nicht weniger als f ü n f Kinder von dem zartesten Alter von kaum einigen Wochen an bis zu etwa drei bis vier Jahren; dürftige kleine Gesichtchen, denen das Elend und der Mangel an wahrer Pflege aus den hohlen Augen und den magern nackten Gliederchen sah, als der Schein des Lichtes, das ihre Versorgerin jetzt angezündet und auf den Tisch gestellt hatte, durch die Schatten des niedern, dumpfen und ungesunden Gemaches auf sie fiel.

Neben dem Himmelbett an der Wand stand eine Wiege von Kiefernholz, rotbraun gebeizt, deren Betten von etwas reinlicherem Ansehen waren, als das allgemeine Lager der unglücklichen Früchte leichtsinniger Stunden oder trauriger Verhältnisse. Ein Rohrgeflecht mit alter Leinwand überzogen, überspannte das Kopfende der Wiege.

Auf diese, vom mütterlichen Instinkt getrieben, stürzte die