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Aufentalt auf dem land halfen uns dazu Du verlangtest, dass das Kind in Deine Nähe komme, und es ist geschehen. Aber was soll weiter werden? Du weisst, dass ich nicht einmal Zutritt in Deiner stolzen Familie habe, meiner offen ausgesprochenen Ansichten und meines Bruchs mit dem Herzog wegen."

"Hast Du nicht meine Liebe, Ferdinand? Warum auch bist Du, der doch selbst von Adel, ein solcher Gegner aller seiner Rechte und Interessen, ein Verteidiger des Pöbels und seiner Zügellosigkeit? Mein Gott, wie kannst Du mit solchen Leuten umgehen, die auf zehn Schritt nach dem Handwerk riechen, zu dem sie geboren sind!"

Der Major schien widrig berührt.

"Lass uns nicht mehr streiten, Marie, über Dinge, über die wir uns doch nie einigen werden. Es ist leider eine traurige Wahrheit, dass die Lection von Achtundvierzig und Neunundvierzig in Berlin nur dazu genutzt hat, den Adel vorsichtiger im Aeussern, aber desto exclusiver und hochmütiger unter sich zu machen, und im Bürgerstand die Zahl der Heuchler zu vermehren. Gehe hin und frage, welcher Dank denn den sogenannten Getreuen geworden ist, und ob sie nicht überall zurückgedrängt sind von der speculativen Geheimeratsdemotratie? – Männern wie ich kann man freilich die beiden Jahre nicht vergessen und ich will sie auch nicht vergessen haben, denn sie sind das Feld meiner und unser Aller Zukunft. Aber diese untergeordnete Lage, diese Untätigkeit ertrage ich nicht länger. Die Wogen der Zeit brausen vom Sturm bewegt und ein kühner Pilot kann da sein Schiff an's Ziel steuern. Den Mann ohne Dienst und Ruf würden die Deinen mit Hohn zurückweisen, dem General, dem Mann von Macht und Bedeutung, wird die stolzeste Familie dieses Preussens, das vielleicht an der Schwelle seiner bittersten Demütigung steht, Frau und Kind nicht zu verweigern wagen."

"Was sinnst Du, Ferdinand, was beabsichtigst Du?"

"Lass das, frage mich nicht, ehe ein halbes Jahr vergeht, wirst Du wissen, was ich meine. Diesen Winter noch bleibe ich in Berlin, das Frühjahr schon führt mich zu einem meiner Kraft entsprechenden Wirkungskreis. Ich wollte Dich überhaupt nur auf die Trennung vorbereiten, da sie möglicher Weise über Nacht kommen kann. Doch es ist Zeit jetzt, dass wir aufbrechen, die Strassen sind ruhig, komm'."

Er hüllte sie sorgsam in das weite Tuch und führte sie durch das Pförtchen aus dem Garten. Durch die einsamen Wege an den Stadtmauern entlang und den Tiergarten gelangten sie in die neuen Stadtteile jenseits der Spree, nach dem Neuen und Oranienburger Tor hin. Hier in einer der Querstrassen blieben sie vor einem ansehnlichen haus stehen, und der Major klopfte an ein Fenster des Kellergeschosses, in dem Alles dunkel und still war. Aber er klopfte lange vergeblich, Nichts rührte sich, nur ein heiserer Kinderhusten und ein stilles Weinen drang von Zeit zu Zeit hervor und erfüllte jedes Mal die Dame mit Schauern.

"Mut, Marie, Du musst einige Augenblicke hier verweilen, das Weib in offenbar nicht zu haus, aber ich weiss, wo sie zu finden ist. Stelle Dich hier in den Schatten des Türvorsprungs, gleich bin ich wieder bei Dir."

"Kann ich Dich nicht besser begleiten?"

"Nein," sagte er hart, "das ist Nichts für Dich!"

Im grund war es freundlich von ihm gemeint, er wollte der Armen einen ihr Mutterherz mit den bängsten Besorgnissen erfüllenden Anblick ersparen. Er verliess sie darum rasch und ging um die nächste Ecke und rasch eine weitere Querstrasse entlang, bis ihm aus dem Sousterrain eines kleinen Hauses in wüster Lärmen, untermischt mit den Tönen einer Ziehharmonika und einer kratzenden Geige, entgegenklang, welche eine beliebte Polka in überraschem Takt abspielten. Es war eine jener Kneipen, wie es in den Vorstädten, ja selbst in den inneren Stadtteilen Berlins unter den zahllosen Kellerboutiken noch viele gibt, und die von der Hefe des Volkes für ihre Festlichkeiten und Orgien benutzt werden, ohne dass die Polizei dergleichen eben der Gelegenheitsursachen wegen gänzlich zu verhindern vermag.

In der Nähe fand der Major den Nachtwächter auf einer Türschwelle sitzen und nach der Musik hinhorchen.

"Da geht's lustig her, Herr; das Volk wird Einen bis zum Morgen in Atem halten!"

"Wollt Ihr ein Trinkgeld verdienen, Mann?"

"Warum das nicht, Herr, der Magistrat bezahlt ohnehin knapp und hier hat Jedermann seinen Hausschlüssel."

"So seht nach, ob in jener Kneipe sich eine Frau Müllendorfer befindet aus der .... strasse, und bittet sie, einen Augenblick heraus zu kommen. Ich weiss, sie geht häufig hierher."

"Ach, die Engelmacherin? versteht sich, ist die drinnen. Die ist Stammgast."

"Wie nennt Ihr sie?"

"Nun, die Engelmacherin, Herr. In's Gesicht mag ich sie freilich nicht so heissen, denn das Weibsstück hat eine gottvergessene Zunge, aber das ganze Viertel kennt sie unter dem Namen und der Himmel weiss es, ich glaube, sie verdient ihn. Die Charité da drüben liefert im Vergleich nicht so viel Leichen zum Gottesacker, als die Müllendorfer; aber die Kinderhecke bei ihr wird nicht leer."

Der Major schauderte und winkte stillschweigend den Wächter hinunter. Dieser ging und als bald darauf der Tanz aufhörte, öffnete sich die Kellertür und ein grosses Frauenzimmer keuchte die Stufen herauf und schaute sich mit einigen lästerlichen Redensarten um, wer sie um