"Wieder Täuschung!" sagte sie, ärgerlich mit dem fuss stampfend; "ich sah ihn doch in der Prosceniumsloge und bemerkte ausdrücklich, wie er mir das Bouquet warf. O, diese Männer!"
"Es war unvorsichtig von Dir, Kind, dass Du die zweihundert Taler beim Juwelier darauf zahltest. Ich warnte Dich gleich."
"Bah! das verstehst Du nicht. Diese Männer in ihrem kalten eisigen land sind blosse Zahlen, sie rechnen in der Liebe; es ist nicht wie bei uns, wo der Caballero sein Letztes opfert für das Vergnügen seiner Geliebten. Fünfhundert Taler wären ihm gewiss zu viel gewesen, so zahlte ich dem Juwelier zweihundert im Voraus."
"Es ist aber nun bereits zwei Tage, dass er den Schmuck gekauft hat."
"Und seitdem liess er sich nicht sehen. – Höre, ich muss wissen, wer die Dame ist, die mit ihm in der Loge war. Sie hatte den Schirm vorgezogen, so dass ich sie nicht genau erkennen konnte. Geh' auf die Bühne und frage, Sennor Asher kennt ja alle Welt. Ich werde mich allein entkleiden."
Die Dienerin, von der Ungeduldigen fortgetrieben, verschwand. Ehe der neue Akt begann, kehrte sie zurück; das schlaue Gesicht verriet eine eigentümliche Verlegenheit.
"Nun! bringst Du Nachricht?"
"Es ist seine Frau, Senjora!"
"Diantre! – Dann konnte er nicht. Was hast Du noch? ich sehe Dir's an; sprich!"
"War der Schmuck nicht von Smaragden? Ohrgehänge in Glockenform und eine Breche in Perlen?"
"Ja, ja; was soll's? Du sahst ihn ja!"
"Dann, mein Kind, trägt die Dame selbst den Schmuck."
Die Tänzerin fuhr empor, als hätte sie eine Natter gestochen. Sie warf den langen Mantel über das noch nicht befestigte Kleid und sprang aus der Garderobe. Der Inspicient hatte bereits das Zeichen zur Räumung der Bühne gegeben.
"Monsieur Asher!"
Der Regisseur mit seiner bekannten Coulanz gegen die Damenwelt flog herbei.
"Einen Augenblicken, ich bitten Sie." Sie war schon vorn am Vorhang und schaute eine Minute lang durch das Guckloch nach der Prosceniumsloge rechts. "Es seind gut. Lassen Sie vorfahren, ich will nach haus."
Hinter ihr rauschte der Vorhang in die Höhe und eine der leichten jovialen Fadaisen, durch welche die Friedrich-Wilhelmsstädtische Bühne seit der Reaction ihren glänzenden Ruf gemacht hat, begann. Das launische Publikum, das eben noch dem Aufgebot alles Anmutigen im Sinnenreiz entusiastisch gehuldigt, jubelte jetzt schon eben so laut der unübertrefflich trocknen und doch so gemütlichen Komik seines Lieblings Weirauch zu, der zuerst verstanden hat, der Schärfe des Berliner Witzes ein doch lokales Gewand von Humor umzuhangen.
"Sennora haben heute wieder ausgezeichnete Triumphe gefeiert; es war ein k o s t b a r e r Abend."
"Vous vous trompez, Monsieur! non précieux, mais dispendieux. – Bon soir!"
Der Wagen rollte davon. –
Im Hotel Unter den Linden sprangen die wohlgeschulten Kellner mit den Armleuchtern voran die Treppe hinauf zu den drei eleganten Pieçen, welche die Senjora bewohnte.
"Befehlen die gnädige Frau zu soupiren?"
"Nein! – Tee!"
"Ein Herr wartet schon seit längerer Zeit auf die gnädige Frau und bittet um erlaubnis, noch seine Aufwartung machen zu dürfen."
"Ich empfange Niemand, wenn ich getanzt. Morgen."
"Dann soll ich die Ehre haben, der gnädigen Frau dies Billet zu übergeben."
In ihrem Boudoir warf die Tänzerin erschöpft Mantel und Capuchon von sich und setzte sich auf das Sopha.
"Willst Du den Brief nicht wenigstens öffnen?"
"Gieb! eine gewöhnliche Karte; diese Herren glauben, es bedürfe nur ihres Namens, der so steif und unbeholfen klingt, dass man ihn nicht aussprechen kann."
Sie hatte das Couvert dabei erbrochen, – es lag allerdings nur eine einfache Karte darin, aber ein blick darauf hatte sie schnell aufmerksam gemacht und sie zog den silbernen Leuchter herbei, um genauer darauf zu sehen.
"Vraiment! Da hätte ich bald eine Dummheit begangen! Geschwind, Ines, schelle!"
Der Kellner erschien.
"Ist der Herr noch unten?"
"Ja wohl, gnädige Frau."
"Ich liesse bitten, in den Salon zu treten. Bestellen Sie ein Souper zu drei Personen und serviren Sie dann zwei Couverts ..."
Die Senjora warf sich mit Hilfe der Kammerfrau schnell in eine dunkle spanische Robe, ordnete einige Augenblicke das noch mit Blumen geschmückte Haar und warf die Spitzenmantille kokett um den schönen Nacken; dann trat sie in den anstossenden Salon.
Der Herr erwartete sie bereits hier. Eine nicht grosse feste Gestalt, tief in den Dreissigen, von militairischer Haltung und etwas insolentem brüskem Wesen, das grosses Selbstvertrauen verriet. Ein starker, wohlgepflegter blonder Bart füllte und umgab den unteren teil des Gesichts; in den grauen Augen blitzte eine gewisse kalte Energie und Selbstsucht. Der Fremde trug elegante Civilkleidung, im Knopfloch das schleswig-holsteinsche Kreuz.
"Herr Major von ...........?"
"Ich habe die Ehre, mich als dieser vorzustellen, Madame. Entschuldigen Sie meinen späten Besuch; doch war ich bereits zwei Mal gestern hier, ohne das Vergnügen zu haben, die Senjora antreffen zu können. Madame sind