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das Ungeheuere Verderben bringend den Frevlern in die Höhe. Ein Schrei des Entsetzens und der Wut erscholl, so weit die griechische Zunge reicht. Der Kapudan Pascha, der die Verantwortung in Constantinopel fürchten mochte, dass er das Eigentum der Sultana so gänzlich zerstört, sandte auf einem englischen Schiffe Botschaft nach Samos und liess den Aufgestandenen Vergebung und Sicherheit anbieten, wenn sie die Waffen niederlegen und unter das türkische Joch zurückkehren wollten. Hörst Du es, Franke, Inglesi waren es, die diese Botschaft der Schmach überbrachten und die tapfern Samioten überreden wollten. – Mit Hohn und Grimm wurden sie zurückgewiesen. Von Hydra, Pharos und Spezzia hinauf zu Ipsara und Skyros, der Brautkammer des grossen Achill, scholl ein Ruf empor zu den Wolken: Freiheit oder Tod!

Und der Tag der heiligen Rache kam.

K a n a r i s der Held führte sein blutiges Morgenrot herauf. Mit einer Fregatte und fünf andern Fahrzeugen erschien er am 10. Juni vor Ipsara und warf Anker. Ein ernster Rat wurde gehalten unter den Führern des Geschwaders und der Geflüchteten. Dein Vater, Gregor, war einer der ersten im Rat und sass neben ihm, der die Schiffe der Moslems wie Spreu durch die Meere fegte.

Die grosse Tat ward beschlossen!

Am Abend desselben Tages rief mich Dein Vater und befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein Haus, in dem ich viele Männer versammelt fand, mir bekannte und unbekannte, es waren die Brüder der Elpis, die Mitglieder jenes Bundes in der Hetärie, dessen Eid lautet ..."

Gregor unterbrach ihn. "Das sind Dinge, Janos, die nicht für das Ohr des Franken taugen, auch wenn er unser Bruder ist. Vollende Deine Erzählung."

Der Räuber schaute erschrocken und aufmerksam seinen jüngern Landsmann an, eine kaum merkliche rasche Bewegung, ein flüchtiges Kreuzen über die Stelle des Herzens belehrte ihn, – er erwiderte das Zeichen und fuhr fort: "Genug! die Söhne der Elpis waren Tapfere, die geschworen, vor keiner Gefahr zu weichen, wo es galt, die Freiheit des griechischen volkes zu erkämpfen oder zu rächen. An diesem Abend schlug Dein Vater mich, den armen Diener, zur Aufnahme in den Bund vor, indem er erzählte, was ich auf Chios erlebt, und ich leistete den Eid, den ich treu gehalten, wenn auch lange Jahre seitdem ihn mit der Gleichgültigkeit des einförmigen Lebens verwischt hatten, bis auf's Neue das Unrecht und die Tyrannei mich emporrüttelten und den rächenden Stahl mir in die Hand gaben. Dann teilte er mir mit, dass am dritten Tage ein Versuch gegen die Flotte des Kapudan unternommen werden sollte, die im Hafen von Tschesme ankerte, und dass Freiwillige aufgefordert worden, dem tod in's Auge zu schauen. Obschon kaum ein Entrinnen bei dem Wagniss zu hoffen stand, hatten sich am andern Morgen doch bereits zweihundert Männer gemeldet; das los wählte Achtundvierzig aus. Michael Caraiskakis und Janos der Ipsarote waren unter ihnen; dem ersten übertrug Canaris die Leitung der Expedition, ich begleitete ihn.

Von dem Augenblick an, da das Unternehmen bestimmt war, durfte keine Seele mehr bei Todesstrafe die Insel verlassen. Während die Achtundvierzig durch beichte und Gebet sich vorbereiteten und ihre Waffen in Stand setzten, arbeitete Tag und Nacht die Bevölkerung des Hafens an der Herstellung der Brander. Am dritten Tage waren sie fertig; drei Schiffe, von der Spitze des Mastes bis zum Kiel mit Pech und Teer getränkt, leichtes Werg um Spieren und Taue gewunden, der ganze Schiffsraum eine wandelnde Hölle von Schwefel, Pulver und Feuerstoffen, die nur des belebenden Funkens harrte. Die österreichische Brigg war bei uns geblieben; ihr wackerer kapitän, empört von den geschauten und vernommenen Gräueln, hatte uns seine Hilfe zugesagt und versprochen, die Mannschaft aufzunehmen, wenn sie sich retten könne. Zu dem Ende führte jeder Brander ein grosses Boot mit sich.

Es war am Abend, als Alles zum Auslaufen bereit war und der fromme Bischof der Insel mit seinen Diakonen am Gestade erschien, uns den heiligen Leib des Herrn zu reichen und seinen Segen zu spenden. Auf den Knieen lagen die Hunderte und hörten das Wort des frommen Greises, dann, ehe wir die Hostie nahmen, schworen wir Alle auf sie einen heiligen Eid, unsere gemordeten Brüder zu rächen oder nimmer zurückzukehren vor das Antlitz eines Menschen. Die Menge umdrängte uns, als wir zum Schiff gingen. An der Rechten Deines Vaters ging der Seeheld Canaris, ihm die letzten Anweisungen gebend, an seiner Linken Eure Mutter, Dich, Gregor, auf dem Arm, Andreas an der Hand. Es war ein Heldenweib, und keine Träne, kein laut der Klage machte das Herz des Gatten schwer. Noch eine Umarmung, Canaris reichte Jedem die Hand, und die Boote führten uns zu den Schiffen, deren Segel bald lustig der Wind blähte. Durch die Nacht, durch die Wogen rauschte das Verderben gegen Tschesme.

Uns voran ging die Venetia, wir selbst führten die österreichische Flagge und Papiere, die uns als mit Taback beladen auswiesen, so gingen wir vor Timania vor Anker, während die Brigg näher nach Tschesme zu kreuzte, wo das türkische Geschwader an derselben Stelle ankerte, an der, wie Dein Vater mir sagte, unter der MoskowitenKaiserin Katarina der griechische kapitän Lampros die ganze Flotte der Moslems verbrannt hatte.

Zwei Tage lagen wir vor Timania, der dritte war der 19. Juni, der Vorabend des Bairamsfestes,