und Leichen umher – als ich Zeuge ward einer Tat, die mir noch das Blut im Herzen erstarrt. Unter einem Haufen von Unglücklichen, die gleich dem Vieh von einem der Mastirdörfer herbeigetrieben wurden, erkannte ich die Frau und die Tochter eines Mannes, in dessen haus ich oft gewesen war, an dessen Tisch ich oft gesessen hatte. Aphanasia, das Mädchen, war schön, sie zählte sechszehn Sommer und blühte wie die Rose ihrer Gärten. Ich trug lange schon die Liebe zu ihr im Herzen, aber ihr Vater war reich und ich ein armer Diener – so schwieg ich. Jetzt fand ich sie wieder, arm und elend, des Notdürftigsten beraubt, das ihre junge Schönheit deckte. Ich kam dazu, wie der Araber, dessen Beute sie war, sie eben an einen Türken verhandelte, der 300 Piaster dafür geboten. Ein unglücklicher Augenblick feigen Zögerns, um mich selbst nicht zu verraten – er war ihr Verderben. Mit Gold war ich reichlich versehen, denn Eure Mutter hatte mir eine Summe zur Gewinnung eines Schiffes gegeben, und der Gürtel der erschlagenen Mörder entielt eine grosse Zahl goldener Zechinen, die Frucht ihres Raubes. Ich trat hinzu, indem ich Aphanasia ein Zeichen gab, mich nicht zu kennen, und bot dem Aegypter 3000 Piaster statt jener Dreihundert. Die Augen des Schurken funkelten vor Freude über den Gewinn, aber der Türke erklärte, dass sein Handel bereits abgeschlossen gewesen, ehe ich mein Gebot getan, und wollte das Mädchen davonführen. Da warf ihm, ergrimmt über den entzogenen Gewinn, der Mohr die Kaufsumme vor die Füsse, und ehe ich es hindern konnte, riss er die Pistole von seinem Gürtel und schoss das Mädchen durch die Brust21. Ihr sterbender blick fiel auf mich, der ich erstarrt stand vor der schändlichen Tat, dann flog mein Handjar aus der Scheide und schlug den Mörder zu Boden. Aber mein Schmerzensruf, meine Flüche hatten mich verraten. 'Ein Gjaur! tödtet den Christenhund!' scholl es um mich her, und kaum vermochte meine Wut mir Bahn zu brechen durch die sich mehrenden Verfolger. Ich entkam, wer mühte sich lange in dieser Zeit nach dem Einzelnen, wo der Opfer so viele zur Hand waren!
Ich entkam, indem ich mich in einer der nächsten Gassen dem mir entgegenkommenden zug anschloss, welcher die fünfunddreissig Kaufleute aus den Gefängnissen des Kastells zum Schiff des Kapudan Pascha schleppte. Ein Aga befahl mir, mit Hand anzulegen an die Gefangenen; ich musste gehorchen, um mich nicht zu verraten, so kam ich auf das Schiff selbst und war Zeuge jener Taten, deren Gedächtniss noch mein Blut in den Adern gerinnen macht.
Im Mitteldeck des grossen Schiffes war ein Raum abgeschlagen, an dessen Ende ein Divan stand, auf dem der Kapudan, von seinen Offizieren umgeben, ruhte. Ein grosses Kohlenbecken in der Mitte glühte die Eisen und Zangen, ringsum an den Holzwänden hingen Werkzeuge, wie nur die Hölle sie ausgedacht, Stachelpeitschen, eiserne Keulen, Schraubenringe, welche die Gelenke zu Brei quetschten, – ich vermag nicht Alles zu nennen noch aufzuzählen. Einer nach dem Andern der Gefangenen wurde hineingeführt, und der Geruch verbrannten Fleisches, das Geheul und Röcheln der Gemarterten drang furchtbar zu uns heraus, dass selbst manches Antlitz der an Mord und Blut gewöhnten Wächter zu erbleichen schien. Endlich als zum vierten Mal das Todesröcheln verstummte, wies der Aga auf mich und zwei Genossen und hiess uns, die beiden Gefangenen, die wir an Stricken geführt, hineinbringen. Es war ein Maurokordatos – ein Greis von siebenzig Jahren, – mit seinem Enkel, einem Knaben. Ich hatte ihn oft früher gesehen bei meinem Herrn.
Als wir den Verschlag betraten – Herr, ich war selbst mehr tot als lebendig und hätte in dem Augenblick gern mein Leben gegeben, um die Gräuel nicht zu sehen, – stürzten die beiden Henker – es waren, höre es, Franke! ein Malteser und ein nubischer Sclave, Diener des Kapudan! – eben die verstümmelten Reste des letzten Opfers durch die Stückpforte in's Meer. Zitternd nahten die Beiden dem Furchtbaren und warfen sich nieder vor ihm auf die Kniee, um Erbarmen flehend. Es war herzzerreissend, sinneverwirrend, die Bitten des Greises um Gnade für das Kind zu hören. Der Kapudan – ruhig auf seinem Lager ausgestreckt, das Nargileh zwischen den Lippen, fragte den Greis, ob er hunderttausend Piaster als Lösegeld sofort herbeischaffen könne? – Ich wusste, die Familie hatte das Zehnfache in ihrem Vermögen gehabt, – aber wo jetzt, nach dem Raub und der Plünderung ihrer Habe, während sie aus dem Kerker kamen, der sie länger als ein Jahr umschlossen, – die grosse Summe schaffen? Die Augen des Greises irrten wie wahnwitzig umher, – überall nur Blutdurst, Grausamkeit – nirgends Hilfe. Ich sehe ihn noch, wie er auf den Wink des Pascha's zu Boden geworfen und ihm Maass auf Maass des bittern Seewassers durch einen Trichter in den Mund gefüllt wurde, indess man ihm die Nase zuhielt22, bis der Leib aufschwoll zu entsetzlichem Umfang. Dann warfen die Henker sich auf ihn und pressten und traten den Greis – – was male ich Euch die Scheusslichkeiten, die meine Augen sahen! Als ich den gellenden Jammerruf des Knaben hörte, der von unseren Blicken entmannt ward, konnte ich es nicht länger ertragen, ich drängte mich hinaus auf die Gefahr, selbst das Opfer zu werden; aber die Augen der Würger waren mit der Todesqual ihrer Opfer beschäftigt