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andächtig folgten die übrigen Griechen, dann fuhr er fort:

"Am 14. war auf der ganzen Insel kein Widerstand mehr und nun begann eine Zeit voll Mord und Entsetzen, wie wohl noch keine gewesen ist unter den Völkern der Erde. Schaaren von asiatischen Mördern und Räubern, unzählig wie Heuschreckenwolken, strömten von Tschesme und Smyrna her über die unglückliche Insel, die der Wütrich jedem Schrecken preisgegeben. sechs volle Tage lang dauerte das Morden. Gräuel, wie sie die Hölle nicht erfindet, wurden hier ausgeübt; nicht das Kind an der Brust, nicht der wankende Greis verschont. Schon am anderen Tage gingen vier Maulesel mit Köpfen und Ohren beladen nach Smyrna ab19. Mögen nimmer meine Augen das Schreckliche wiedersehen, was sie da erblickt! Frauen und Jungfrauen wurden von den Henkern öffentlich geschändet und dann grausam verstümmelt und gemordet. Ich sah Frauen, denen die Brüste abgeschnitten waren, entmannte Männer, Kinder, denen man die Zunge, die Nasen, die Ohren abgeschnitten. Aber Alles, was hier geschah, überbot die Grausamkeit des Kapudan selbst. Auf seinem Schiffe, 'die Siegesfahne' geheissen, hatte er eine besondere Folterkammer eingerichtet, um durch die grausamsten Martern das geständnis verborgener Schätze zu erzwingen, oder sich an den Qualen der Armen zu weiden. Ich selbst sollte diese Stätte des Teufels in Menschengestalt kennen lernen!

Am 19. waren bereits von 65 Dörfern, welche die Insel zählte, 49 fast spurlos von der Erde vertilgt, darunter 20 Mastixdörfer. Vergebens bemühete sich der französische Consul Digeon, ein früherer Offizier, wenigstens einige zu retten. Hinter seinem rücken begannen die aufgestellten Schutzwachen auf's Neue das Werk der Zerstörung.

Am 13., nach der Erstürmung von Turloti, war auf der Flotte der Würger ein grosses fest. Ein französisches Linienschiff lief mit wehender Flagge ein; es trug den Herrn d e l a M e i l l e r i e , den Befehlshaber der französischen Seemacht in diesen Gewässern, und das unglückliche Chios hoffte von seinem erscheinen Schutz und Hilfe. Aber der Frankemerke es, Herr! – kam, um den Kapudan Pascha zu besuchen, ihm Glück zu wünschen zum Siege über die Meuterer, und während das unschuldige Blut in Strömen am land zum Himmel aufdampfte, überhäuften der Franke und der Türke einander mit Höflichkeiten, und das Geschenk einer reich mit Diamanten besetzten Dose liess den Franzosen das Herz und die Augen verschliessen vor dem Jammer seiner christlichen Brüder. Fluch ihm und seinem Gedächtniss! Fluch seinem gleissnerischen volk!"

Der wilde Ausbruch des Hasses, der aus den Augen

des Griechen sprühte, liess Welland erbeben. Diona fasste die Hand des Mannes.

"Und Du, Janos, wo bliebst Du? was geschah mit

unserer Mutter?"

"Als das Morden am 14. begann und wir in unserer

entfernten Wohnstätte die erste Kunde davon erhielten, suchte ich eilig ein Schiff, aber alle hatten, wie ich bereits erzählt, von Kastron aus die Flucht ergriffen. – In den Felsenschluchten des berges Hyas, auf dem der grosse Sänger unseres Volkes, Homeros, geboren20, war mir ein Versteck bekannt. Dahinunter die Trümmer eines alten Götzentempels unserer Väter, der weit hinaus schaut auf's blaue Meerführte ich Mutter und Kinder und verbarg sie vor den Augen unserer Henker. Acht lange schreckliche Tage brachten wir da zu, während deren einige wenige glückliche Flüchtlinge sich zu uns gesellten. Da, als ich die Deinen nicht mehr allein und verlassen sah, litt es mich nicht länger in den Bergen, wo wir von fern den Brand unserer Häuser und Gärten schauten, ich trat zu Eurer Mutter und bat sie, mir zu gestatten, nach Kastron zu gehen, um dort zu forschen und nach Hilfe auszusehen. Nur schwer gab sie die erlaubnis, aber unsere Not war gross und ich musste fort.

Ich ging durch das Gebirge und nahte mich Kastron. Die Spuren, die ich auf meinem Wege fand, habe ich Euch bereits beschrieben. In einem haus, das allein an einem Bergabhange stand, fand ich zwei der Henker, – sie schliefen, berauscht von dem ihnen verbotenen Chioswein, neben den Leichen der gemordeten friedlichen Bewohner, neben den entstellten Leichen zweier Mädchen, die sie geschändet. Ich erschlug Beide im Schlafes war das erste Blut, das ich vergoss, und wahrlich, nicht solches, das ich je bereut habe! – In der Kleidung, mit den Waffen eines der Erschlagenen ging ich weiter und kam nach Kastron.

Es war am Morgen des 23. April. Das Morden und Brennen in der Stadt und den nächsten Dörfern hatte einigermassen aufgehört, kaum stand in den Letzteren noch ein Haus ausser denen der Consule. Die Teufel waren vom Blut übersättigt, und was noch lebte, das trieb man jetzt in Haufen zusammen und zu den Schiffen, um als Sclaven nach dem Festlande geschafft zu werden. Aber Vehid Pascha hatte sich noch ein besonderes fest vorbehalten; es galt den hundertundzwanzig Geisseln, die in seinen Kerkern schmachtetendarunter sechsundachtzig Primaten und sieben Bischöfe, die Anderen angesehene Kaufleute des Landes. Fünfunddreissig von ihnen, darunter zwei Brüder Maurocordatos mit ihren jungen Söhnen, Knaben noch, wurden nach dem Schiffe des Kapudan Pascha geschleppt; die Uebrigen hing man am Morgen an den Mauern des Schlosses von Kastron auf, und als es den Henkern zu langsam ging, stürzte man sie herab und zerschmetterte ihre Glieder mit Keulenschlägen.

Ich schlich in der öden Stadt unter Trümmern