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in die Tage meiner Jugend geschrieben. Vom Norden, vom grossen Czar aus Moskau her kam auch damals der Ruf unserer Freiheit. Fürst Ypsilanti zog in das Land ein, das an dem grossen Strome liegt, der uns von unsern russischen Brüdern scheidet10, aber die heilige Schaar11 fiel unter der türkischen Uebermacht, und der Grossherr in Constantinopel schwor bei seinem Barte, Alles zu vertilgen, was Grieche hiess in diesem Lande12. Auch zu uns kam die Kunde, wie man in Constantinopel, in Smyrna und Salonichi alle Kirchen zerstört, wie man unser Volk beraubt und gemartert, unseren ehrwürdigen Erzbischof, den heiligen Gregorius13, ermordet hatte. Da entbrannte in den Herzen unseres Volkes die heilige Flamme und überall schlug das Feuerzeichen der Freiheit empor! Von Achaja aus tönte der erste Ruf, und als der Erzbischof von Patras14 das Kreuz aufrichtete, da klang es wieder in Aetolien, wie in Attika, Akarnanien und Livadien; auf Spezzia, Ipsara und Hydra, auf Samos wie im Epirus und Tessalien, wo die tapferen Sulioten und Agraphen sich mit dem Löwen von Janina15 verbanden, der längst schon am türkischen Joche gezerrt. Der alte Held Kolokotroni zog mit seinen Klephten daher, der edle Nikitas, Petros Mauromichalis, der Bei der Marina! Mit Wonne hörten wir jede Kunde, die Schiff um Schiff uns brachte, aber Chios wagte es nicht, laut in den allgemeinen Jubelruf einzustimmen, denn Vehid Pascha der Gouverneur hatte Z e h n der angesehensten Chioten nach Constantinopel als Geisseln geschickt und nahm jetzt aus jedem dorf zwei Primaten16 und warf sie in die Kerker von Kastrone, um sich gegen einen Aufstand zu sichern.

Dein Vater, Gregor, war, zeitig gewarnt, auf den Ruf Maurokordatos', seines Freundes, der auch aus Chios stammte, nach Attika geeilt. Mich, ich war damals achtzehn Jahre alt, liess er bei seiner Familie zurück, denn Deine Mutter trug Dich noch an der Brust und selbst Dein Bruder Andreas zählte erst vier Jahre. In dem Landhause Deiner Familie, an der Bucht von Volisso, glaubte er sie vor allen Stürmen geschützt und ich musste ihm auf das Kreuz schwören, sie nie zu verlassen."

Gregor reichte dem alten Diener seiner Familie die Hand.

"Vater Michael," sagte er weich, "und die Mutter, die jetzt Beide im Himmel sind, bezeugen dort Oben, wie treu Du Wort gehalten."

Janos küsste die Hand und führ in seiner Erzählung fort.

"Die guten Tage für Chios waren vorüber. Veli Pascha und seine Aga's machten sich die Erbitterung des Divans gegen das griechische Volk zu Nutze und begannen Unterdrückungen und Erpressungen, die bald allen Grausamkeiten die Waage hielten, welche unsere Brüder auf dem Festlande je erduldet hatten. Dennoch widerstanden die Bewohner von Chios dem Ruf, der täglich von Samos und Ipsara her erging, zu den Waffen zu greifen und sich dem allgemeinen Kampfe anzuschliessen; denn in den Kerkern von Kastrone lagen ihre Väter und Brüder, hundertundzwanzig an der Zahl, darunter die sieben Bischöfe unserer Insel, und jede Familie zitterte bei dem Gedanken an das Schicksal, was die teuren Häupter in der Gewalt unserer Tyrannen beim geringsten Zeichen des Widerstandes bedrohte.

Aber Gott und die Heiligen hatten es anders bestimmt, ihr Geschick sollte von Aussen her entschieden werden. Fürst Logoteti17 und General Burnia landeten am 25. März18 mit zweitausend Samioten auf Chios und pflanzten mit Gewalt das Kreuz der Freiheit auf der Insel auf. Wie unser Aller Herz ihnen entgegen schlug! dennoch wagten nur sehr Wenige, sich ihnen anzuschliessen, das ganze Land, alle Dörfer waren tatsächlich, als nach achtzehn Tagen das grause Unheil auf uns einbrach, noch unbewaffnet.

Die Samioten griffen Kastrone an und erschlugen hundertundfünfzig Türken im Gefecht. Vely Pascha mit den Seinen flüchtete in das Kastell und wurde hier belagert.

Das Verderben aber war nahe. Bald erscholl die Nachricht von der Annäherung des grausamen Kapudan Pascha mit der türkischen Flotte. Allgemeines Schrecken verbreitete sich, und wer da konnte, flüchtete sich. Am 12. April schiffte der Kapudan mit 15,000 Mann von Tschesme nach der Insel über, die Schiffe von Ipsara und Hydra kappten die Anker und flohen, zwölftausend Bewohner der Insel mit ihnen. Sieben der Schiffe fielen in die hände der Türken und wurden mit den Unglücklichen versenkt, – ihr los war glücklich gegen das der Zurückgebliebenen.

Ein allgemeines Entsetzen hielt diese befangen und untätig, während hätten sie sich mit den Samioten verbundensie mit sicherem Erfolg der Macht der Türken Trotz geboten haben würden. Doch man verliess sich auf das Versprechen des österreichischen und französischen Consuls, die mit dem Kapudan Pascha unterhandelt und die Zusage allgemeiner Amnestie überbracht hatten, wenn man alle Waffen ausliefere. Dies geschah; nur Wenige hielten sich mit Logoteti und Burnia in den Batterieen von Turloti, und dort entbrannte ein heisser Kampf am 12. und 13. April. Alle Gegenwehr war vergeblich, die Schanzen wurden erstürmt, die Führer retteten sich durch die Flucht, während der Ueberrest der tapferen Schaar sich in das Kloster Yamon warf und Schritt um Schritt, Blut um Blut jeden Fussbreit gegen die anstürmenden Schaaren verteidigte. Sie wussten ihr Schicksal, und während die Kirche von Turloti in Flammen aufging, während die Türken bereits die Gräber aufrissen und die Leichen verstümmelten, fiel einer der Helden nach dem andern, kämpfend in den Trümmern des KlostersKeiner entkammein einziger Bruder war unter den toten."

Der Erzähler schlug ein Kreuz zum Gedächtniss des Gefallenen,