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sah sich die österreichische Regierung veranlasst, selbst einzugreifen und an ihren General-Consul bestimmte Befehle zu erlassen, auf Grund der ihr tractatenmässig zustehenden Rechte die Verhaftung der Flüchtlinge österreichischer Nationalität vorzunehmen und sie an die kaiserlichen Militärbehörden auszuliefern. Wäre dies in der geeigneten offiziellen Weise geschehen: etwa durch die Bemannung der Brigg Hussar, oder durch die Khawassen des Consulats, so wäre trotz der Anwesenheit so vieler Flüchtlinge der Ausgang offenbar ein ganz anderer gewesen und hätte einen bedeutenden Schrecken verursacht. Die ungeschickte und eclatante Weise, mit welcher der Kanzler des Generalconsulats die Sache aber begann, den ersten Schlag in Folge besonderer am Tage vorher eingegangener Nachrichten gegen Costa richtend, kehrte das Resultat gegen die Behörde selbst.

Der Ungar sass ruhig und Nichts ahnend auf dem Quai, auf dem zu dieser Zeit nur wenig Menschen der Hitze wegen verkehrten, als der Kneipenwirt Andrea mit drei bewaffneten gefährten seines Gelichters sich ihm näherte. Zugleich kam ein Boot mit vier berüchtigten Gesellen derselben Bande herangefahren und ein anderes mit zwei Ruderern bemannt hielt sich in der Nähe zur Aufnahme des Griechen. Andrea, den breiten Bund mit Pistolen und Dolchen gespickt, schlug von hinten den Lesenden auf die Schultern und fragte: "Seid Ihr Signor Costa?" – Ueberrascht über die Frechheit sprang der Ungar empor, und mass den Wirt mit den Augen. Ehe er aber noch eine Erklärung fordern konnte, stürzten sich alle Vier auf den Erstaunten und suchten ihn zu Boden zu werfen. Ein wildes Ringen entstand, der Ungar lief "Verrat!" und so gross war seine Körperkraft, dass er sich aus den Händen der Angreifer losmachte, zwei derselben packte und rasch entschlossen sich mit ihnen über die Balken des Bollwerks ins Meer stürzte. In diesem Augenblicke war es, als Welland und Caraiskakis herbeieilten, zugleich von mehreren Seiten andere Personen. Aber auch das Boot der Banditen hatte sich genähert, und von seinem Bort versuchten die Einsitzenden, dem Ungarn, der sich im wasser von seinen Angreifern befreit hatte und zum Strande zurückschwamm, eine Schlinge überzuwerfen. Zwei Mal gelangte Costa an das Bollwerk und klammerte sich daran fest, um sich empor zu helfen, zwei Mal zerschnitt ihm der Handjar Andrea's die Finger und arme, dass er blutend zurückfiel, während dessen Genossen mit Messer und Pistolen die andrängenden Menschen zurückhielten. Verzweifelt rang Welland mit einem der Banditen, einem kräftigen Mohren, aber immer wieder wurde er zurückgestossen und sein Allarmruf erschallte vergeblich. Während dem war es den Mördern im Kahn gelungen, dem Unglücklichen die Schleife um den Hals zu werfen, und blutend, halberdrosselt, halbertrunken schleiften sie ihn an dem Strick durch die Wellen fort. Andrea pfiff dem zweiten Boot und sprang dann auf Welland zu, diesen hineinzuzerren, doch Gregor warf sich schützend vor den Freund und eine kleine Hand, die Hand des Knaben, der vorher die Freunde angesprochen, schlug zugleich die Pistole zur Seite, die der Anführer der Mörderrotte bereits ergriffen hatte. "Bei der Gebenedeiten des himmels," rief der Knabe, "Andrea, Ihr seid ein todter Mann, wenn Ihr einem der Herren ein Haar krümmt. Sie stehen unter s e i n e m Schutz!" Er sprach dem Banditen den Namen in's Ohr.

Andra fuhr zurück. "Diavolo," fluchte er, "da hätte ich mir eine schöne geschichte auf den Hals geladen! Geht zum Henker, Signor!" Damit stiess er Welland von sich und sprang in die Barke, die alsbald das Weite suchte und dem ersten Kahn nachfuhr. Einige Pistolenschüsse knallten hinter ihm drein von herbeieilenden gefährten des Gefangenen, aber er war schon zu fern. Man hatte gesehen, wie der Ungar endlich in das grosse Boot gezogen worden, wie beide zu der Brigg ruderten und der Gefangene an Deck gebracht wurde; die Aufregung war entsetzlich. Wie ein Mordio ging der Ruf von der Gefangennehmung Costa's durch die Strassen Smyrna's; von allen Seiten drängte man nach dem Quai. Italienische, ungarische, polnische und deutsche Flüche und Verwünschungen füllten die Luft, um Gregor und Welland, der mit aufregenden Worten den Hergang schilderte, drängte sich die Menge. Selbst Caraiskakis hatte über der empörenden Scene das eigene Leid für den Augenblick vergessen. B a s s i t s c h , der Ungar, versammelte endlich die nächsten Bekannten um sich, und wechselte fliegende Worte mit ihnen, die das Aergste befürchten liessen, doch Welland drängte sich vor und ermahnte und bat, alle augenblicklichen Schritte zu unterlassen und von der Beratung abhängig zu machen, die für die Stunde vor Sonnenuntergang auf dem Pagus angesetzt war. Er selbst erbot sich, als am Wenigsten durch seine person bekannt, nach der Brigg zu fahren und zu versuchen, bis zu Costa zu dringen. Dies beruhigte ein Wenig die exaltirten Gemüter, rasch verbreitete sich unter den Flüchtlingen die Kunde, dass die Versammlung trotz des Geschehenen stattfinden werde, und während noch die massen auf dem Quai auf und ab wagten, fuhr Welland, auf sein Bitten von dem Freunde und einem in Smyrna ansässigen deutschen Kaufmann begleitet, hinaus in den Golf, um sich der Brigg zu nähern. Seine Bemühung war jedoch vergeblich. Der Anruf der Schildwach befahl ihnen, sobald man sich auf Kabellänge genähert, beizulegen und als Welland sein Verlangen kund gab, den Gefangenen zu besuchen, erschien der Commandant der Brigg, Major Schwarz, ein alter fester Haudegen, auf dem Kastell und drohte ihnen, beim mindesten weitern Versuch, sich zu nahen