, mit Ihnen zu verhandeln. Es sind dem Kaiser seit ungefähr zwei Jahren von Zeit zu Zeit ähnliche Denkschriften zugegangen mit – wir müssen es gestehen, – sehr umfassenden und schätzenswerten Materialien ..."
"Die der Kaiser auch benutzt hat, sonst wäre er schwerlich der Kaiser," unterbrach ihn mit kaustischem Lächeln der Greis.
"Auch das, wenn Sie wollen, wir gestehen es zu, die Tatsachen sprechen. Selten hat man eine genauere Voraussicht und Combination der politischen Ereignisse gefunden, als der Verfasser dieser Schriften besitzt, wohl nie eine umfassendere und tiefere Kenntniss aller auch der geheimsten Triebfedern, die Europa, ja die Welt gegenwärtig bewegen. Es ist unmöglich, dass diese Kenntniss die Wissenschaft eines einzelnen Mannes sei, der nicht wenigstens einen Tron zu Gebote hat. Der Kaiser, mein Herr, ist begierig, den Verfasser dieser Winke kennen zu lernen, und da es heute das erste Mal ist, dass Sie eine persönliche Annäherung selbst gewünscht haben, obgleich, wie ich gestehe, an einem seltsamen Ort und zu seltsamer Zeit, so hat mich Seine Majestät beauftragt, Ihre Eröffnungen entgegen zu nehmen und Sie nötigenfalls, wenn Sie darauf bestehen, zu ihm zu führen."
"Das ist unnötig, Herr Graf," bemerkte der Andere, "ich weiss vollkommen die person zu schätzen, mit der ich hier zusammentreffe."
Der Graf errötete leicht und warf einen Moment lang den blick auf seinen Begleiter, der an der zweiten Seitenwand des Mausoleums lehnte. "Sie kennen mich, mein Herr?" fragte er rasch.
Der Alte verneigte sich ehrerbietig. "Es rollt ein Blut in Ihren Adern, Excellenz, das ein alter Offizier jenes Kaisers, der nicht zu sagen gewohnt war: l'empire c'est la paix, sondern l'empire c'est l'épée! nie verkennen wird. Ueberdies sind wir gewissermassen Landsleute, ich bin Pole von Geburt."
"Sie gehören zu der Conföderation des Fürsten Ezartoriski?" sagte Jener rasch.
Der Pole schüttelte spöttisch das Haupt. "Herr Graf," sagte er, "ich bin nicht siebenundsechszig Jahre geworden, ohne gelernt zu haben, dass die Wiederherstellung Polens nicht auf dem Parketboden der Salons von Paris gemacht werden kann. Ich kenne den Herrn Fürsten nur dem Namen nach. Doch lassen wir das, – es führt uns nur von unserm Gegenstand ab. Ich bitte, recapituliren wir für einen Augenblick den Stand der Angelegenheiten."
Der Graf verneigte sich zustimmend und der alte Offizier fuhr fort:
"Im Mai 1850 ging das Kabinet der Tuilerieen aus den ihm von mir anonym vorgelegten Plan der Initiative in der orientalischen Angelegenheit ein und liess durch General Aupick von der Pforte den Besitz der heiligen Orte fordern.
Gerade ein Jahr später nahm Herr von Lavalette die Frage auf's Neue auf und brachte im Herbst die Pforte zu einem Zugeständniss. Dies hatte, wie wir vorausgesagt, die Reclamationen des petersburger Hofes zur Folge, der auf die Vorrechte der griechischen Kirche bestand. Der Divan, von den russischen Forderungen in's Gedränge gebracht, verzögerte eine genugtuende Erklärung und Marquis von Lavalette brach zu Ende des Jahres seine diplomatischen Beziehungen ab.
Auch das Jahr 1852 verging mit den angeregten Verhandlungen, die immer verwickelter wurden. Die Pforte, zwischen den beiden bedrohenden Mächten, suchte nach beiden Seiten hin einen vergütenden Ausweg. Wie das damalige Memoir der Regierung voraussagte, spannte bei der Erklärung des französischen Gesandten, zufriedengestellt zu sein, der russische seine Forderungen höher und erlangte jenen Firman zu Gunsten der Griechen, dessen Auslegung und Proclamation neue Verwickelungen hervorrufen musste.
Hiermit war zugleich erreicht, dass die weiteren Aggressionen dem petersburger Kabinet anheim fielen und von Frankreich abgeleitet, so wie, dass die Interessen der englischen Regierung mit dem Auftreten der französischen verbunden wurden. Herr von Lavalette war in der Lage, im November zu drohen, dass bei einem Bruch der an Frankreich gegebenen Zusage er die Flotte herbeirufen müsse.
England, um weder Frankreich noch Russland die Oberhand zu gewähren, nahm teil an den diplomatischen Verhandlungen und erklärte die beiderseitigen Ansprüche für zu weit getrieben. Dies war der Augenblick, um Frankreich vollends herauszuziehen und den Zusammenstoss jener beiden mächtigen Feinde der Napoleoniden, Russlands und Englands, vorzubereiten; und in der Tat, Herr Graf, ich muss gestehen, dass man dies sehr geschickt getan hat."
"Ah, Sie meinen die Erklärung unseres Gesandten unterm zehnten December, dass Frankreich keinen Anspruch auf ein Protektorat über die römisch-katolischen Untertanen der Pforte mache, und die Erbötigkeit unsers Ambassadeurs in Petersburg, sich mit dem russischen Kabinet über die streitigen Punkte in der Frage der heiligen Stätten zu verständigen?"
"Ganz recht, Herr Graf. Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, damals mein vorletztes Memoir zu empfangen und dessen Versicherung zu vertrauen, dass Kaiser Nicolaus auf dem unbedingten Protektorat über die griechischen Christen in der Türkei, das ist bei einem verhältnis von neun zu vier Millionen über die Türkei selbst, bestehen und seine Forderung durch eine unüberlegte Waffendemonstration unterstützen würde. Russland dirigirte in der Tat bereits Truppen aus ganz Bessarabien und dem Chersones nach der Gränze der Fürstentümer, und England ..."
– "England," unterbrach die sonore stimme des Verhüllten zum ersten Male mit dem Tone der Ungeduld die Unterhaltung, "England, mein Herr, begann seinen Rückzug. Die Depeschen Lord John Russel's an den Gesandten in Paris und an Oberst Rose constatiren, dass das