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Versöhnung geben kann zwischen dem Opfer und seinem Henker? dass ein Volk, das solche Leiden getragen, so Ungeheures erduldet hat, wie das meine, je den Unterdrücker ehren und lieben lernen wird? Meinen Sie, dass es ein Vergessen zu geben vermag zwischen einem Hellenen und einem Bekenner des Propheten? – Dann, Welland, dann haben Sie nie erfahren, was wir gelitten, dann haben Sie nie bedacht, dass seit Jahrhunderten das Blut des Vaters den Sohn, die Schmach der Schwester den Bruder, das Gewimmer der gemordeten Säuglinge die Mütter zum ewigen unauslöschlichen Hass entflammt hat und mein Volk entflammen wird, so lange noch der Name Moslem das Land jenseits dieses trennenden Meeres entehren wird. Ihre Zeitungen, Ihre Fürsten, Ihre Völker haben vergessen, was vor kaum dreissig Jahren auf jenen Bergen, auf jenen Inseln geschehenaber wir vergassen es nicht, die wir in den Strömen des vergossenen Blutes geboren und mit der Verzweiflung gesäugt worden sind. Ich ward es, Welland, ich, der Sohn des unglücklichen Chios, und wollen Sie eine geschichte hören, die Sie lehren mag, die Gefühle und Erinnerungen meines Volkes besser zu beurteilen, wohlan, hier ist der Mann, der sie Ihnen geben wird: Janos!"

"Mein Sohn, Du hast gut gesprochen, und wenn Du willst, dass ich die geschichte Deiner eigenen Kindheit aus meiner Jugend zurückrufe in mein Gedächtniss und in meinen Mund, so soll sie dieser Franke hören."

"Auch uns gieb sie, Mann, auch uns, Gregor und Diona, den Kindern der Frau, die Dein Heldenmut gerettet."

Derwir wollen ihn in diesem Augenblick trotz seines Handwerks so nennender Palikare richtete sich auf und setzte sich auf einen nahe liegenden Stein; um ihn her näher heran drängte sich der ganze Kreis. Als Janos zu seiner Erzählung5 das Wort nahm, war in seiner Rede und in seinen Geberden etwas Poetisches, Schwungvolles, das auch den niedersten Ständen des Südens eigen zu sein pflegt und jedes Element des Gemeinen, Unbehilflichen beseitigt, das uns so oft unter den niedern Volksklassen im Norden anwidert.

"Euer Vater, meine Kinder," begann der Räuber, "war ein wohlhabender Mann auf der Insel Chios und trieb Handel mit Mastix6 nach Constantinopel. Chios war damals ein blühendes Land, ein Garten Gottes, reich gesegnet mit Fruchtbarkeit und Schönheit. Was unser Himmel bietet, fand man auf der Insel, der Hafen von Kastron war gefüllt mit Schiffen aller Nationen, und hundertzwanzigtausend tätige, wenn mit der türkischen herrschaft und ihrer Willkür auch nicht zufriedene, so doch ruhige und fleissige Menschen bewohnten die Insel. Das kam, weil von Constantinopel selbst uns Schutz und Schirm gegen die Tyrannei wurde, unter der unsere Brüder auf den Cycladen und dem Festlande seufzten, denn Chios gehörte Fatme Sultana, der Schwester des Grossherrn, als Eigentum, und sie bezog jährlich nicht weniger denn zwölfhundert Beutel7 von unserer Insel, die den Mastix erzeugt wie kein anderer Ort in der Levante. Wie bald sollten wir Jene beneiden lernen!

Ich war in Ipsara geboren, aber schon als Knabe in das Haus Deines Vaters gekommen und hatte ihn auf vielen Reisen nach Aten, selbst nach Triest und Constantinopel begleitet. Der Name Deines Vaters war geachtet und er zählte zu den Patrioten, die über dem Gewinn des Handels und dem Klange des Goldes nicht vergassen, dass der Besitz ihrer Habe, ja ihrer Familie und ihres Lebens nur Schein und von der Willkür des Muselmannes abhängig war, dass unser heiliger Gottesdienst nur gegen schwere Geschenke an die Machtaber geduldet wurde und jedes Rechts entbehrte, dass die Ehre unserer Frauen und Töchter das Spiel der Lüste unserer Herren blieb und der Moslem verächtlich vor dem eingebornen Sohne des Landes ausspie und ihn Giaur nannte, wenn er demütig an ihm vorüberging. Wir waren elender, als das von Gott verfluchte Volk der Erde ist!

Es bestand damalsund man hat mir erzählt, dass er seit mehr als hundert Jahren unter meinem volk bestandenein geheimnissvoller Bund, Elpis8 genannt, der über das Festland und alle Inseln, ja weit hinein nach Asien und über Byzanz hinaus ging und alle Besseren, Tugendhaften und Tapferen unseres Volkes in seinen Reihen zählte. Wo die tausend Felseninseln wie Sterne auf dem blauen Meere schwimmen, da gibt es kleine Eilande, unzugängliche Berge, auf die sich freie Männer geflüchtet haben und wohin noch nie der Fuss eines Moslems ungestraft gekommen ist. Hier ist die Wiege der griechischen Freiheit, und aus diesen Felsenbuchten, in deren Schutz die Häupter der Elpis sich alle vier Jahre zu versammeln pflegen, ging der ewige Krieg aus, den, von den Franken verlassen, unser Volk wenigstens im Einzelnen seit Jahrhunderten gegen die Ungläubigen geführt hat. Frei wie der Palikare auf den Bergen Livadien's und des Taygetos war der Capitano, der auf seiner schwarzen Felucke mit kühnen Männern das Aspri Talassa9 durchstrich und leicht, wie die Schwalbe die Lüfte durchzieht, hinauf bis zum weissen Lemnos zog oder vor dem Golf von Saloniki kreuzte, und überall den schwerfälligen Moslem, den habgierigen Franken überfiel und besiegte.

Dein Vater, Gregor, gehörte seit Jahren der Elpis an, und als die Stunde gekommen war, wo auf dem Festlande die Fahne des Kreuzes gegen den unerträglichen blutigen Druck erhoben werden sollte, eilte er dahin. Wundert Euch nicht, dass ich, ein schlichter Kameeltreiber, so genau die geschichte meines Landes kenne, aber die Namen, die ich nenne, sind mit Blut