einem besonderen Sened (Protokoll) der griechischen Kirche in der ganzen Ausdehnung ihres Gebiets alle von Alters her besessenen Rechte, Privilegien und Immunitäten unverändert auf der Grundlage des bestehenden Status quo gewährleisten solle, und dass die griechische Kirche berechtigt sei, alle den begünstigtsten christlichen Nationen eingeräumten Vorrechte auch für sich in Anspruch zu nehmen.
Durch die Gewährung dieser Forderung hätte der Czar das Recht erhalten, als Protektor der orientalischen Kirche, also der griechischen Untertanen des Sultans sich bei allen entstehenden Streitigkeiten derselben mit der türkischen Regierung zum Schiedsrichter aufzuwerfen.
Das war gewissermassen eine vollständige Abhängigkeit von Russland, obschon auf der andern Seite nicht zu läugnen stand, dass die griechische Kirche und Bevölkerung in der Türkei dringend einer Befreiung und eines energischen Schutzes ihrer Rechte bedurften.
Unterm 10. Mai beantwortete der Divan ablehnend dieses Verlangen als Eingriff in die Souverainetätsrechte des Sultans, die geringeren angeschlossenen Forderungen bewilligend. Zugleich trat durch den Einfluss des seit dem 5. April in Constantinopel wieder eingetretenen britischen Gesandten Lord Stradfort de Redcliffe eine Veränderung des türkischen Ministeriums im britischen Sinn ein. Der bisherige Grossvezier M e h e m e t A l i wurde Kriegsminister, R i f a a t P a s c h a Minister – Präsident und R e s c h i d P a s c h a trat an die Spitze des Auswärtigen.
Fürst Mentschikoff antwortete am 11. Mai auf die türkische Note und kündigte, als die neuen Verhandlungen kein Resultat herbeiführten, am 18. an, dass er seine officiellen Verbindungen mit der Pforte abbrechen müsse, weil man für Sicherung verbriefter und unbestreitbarer Rechte, und anstatt die Abhilfe gerechter Beschwerden ernstlich zu leisten, ihn nur mit leeren Ausflüchten hinhalte4.
Fürst Mentschikoff zog sich nach dieser Mitteilung vom 18. Mai an Bord des bei Bojukdere ankernden Dampfschiffes zurück, das ihn nach Odessa bringen sollte, setzte aber noch die privaten Unterhandlungen fort. Da die Pforte jetzt hartnäckig alle Modalitäten des Ultimatums zurückwies, verliess der Fürst am 21. Mai mit dem russischen Gesandtschafts-Personal Constantinopel, wo nur die Handelskanzlei zurückblieb.
Die türkische Regierung zeigte unterm 20. Mai den Vertretern der vier Grossmächte an, dass sie sich gezwungen sähe, gegen die grossen Rüstungen Russlands an der Gränze der Donaufürstentümer offen ihre Gegenanstalten zu treffen.
Der russische Minister des Auswärtigen, Reichskanzler Graf Resselrode, schickte im nochmals eine Note an Reschid Pascha, in welcher er die Annahme der früher gestellten Bedingungen binnen acht Tagen forderte, widrigenfalls Russland die Donaufürstentümer besetzen würde, erklärte jedoch dabei, dass diese Besetzung eben nur als Pfandnahme und nicht als Kriegserklärung zu betrachten sei.
Das Protectorat der Donaufürstentümer berechtigte übrigens Russland nach dem Vertrage von Baltaliman nur zu einer gemeinsamen Besetzung derselben mit der Türkei im Fall innerer Unruhen.
Eine durch die Bemühungen der Vertreter Preussens und Oesterreichs ziemlich gemässigte Note des Divan, in der man sich bereit erklärte, einen besonderen Gesandten nach Petersburg zu schicken, lehnte diese Forderung nochmals unterm 10. Juni ab.
Am 14. Juni war der neue österreichische Gesandte, Baron v o n B r u c k , in Constantinopel eingetroffen; die Sendung des Grafen Gyulai nach Petersburg sollte zugleich dort die Versöhnung vermitteln. Frankreich und England, die nach der Einleitung des Conflicts zwischen Petersburg und der Pforte sich der ä u ss e r e n Einmischung fern gehalten hatten, riefen jetzt ihre Flotten in die Nähe von Constantinopel, und dieselben warfen am 15. Juni in der Besika – Bai am Eingang der Dardanellen Anker. Die Gesandten erhielten jetzt öffentlich Vollmacht, im Fall einer Kriegserklärung des Sultans gegen Russland die Flotten nach Constantinopel zu rufen.
Zugleich hatte jener diplomatische Notenwechsel zwischen den Kabinetten von Petersburg, Paris, London, Berlin und Wien begonnen, durch welchen die streitenden Parteien die Schuld der Zwistigkeiten und deren weitere Folgen sich gegenseitig aufzuwälzen versuchten. –
Dies war die Uebersicht, die Welland dem Freunde mitteilte, da er sich, obschon bereits im März von Paris abgereist, doch bei seinem zweimonatlichen, durch eine Krankheit veranlassten Aufentalt in der Schweiz und Oberitalien fortwährend von dem gang der politischen Angelegenheiten in Kenntniss erhalten hatte.
"Mir scheint, Freund," sagte er zum Schluss, "der redliche Wille einer Versöhnung und Ausgleichung ist auf keiner Seite sonderlich gross und der Zwischeninteressen, die in dem Streit spielen, scheinen so viele, dass eine friedliche Lösung kaum zu denken ist. Es scheint gegenwärtig allein das Ziel der Beteiligten, vor den Augen der Welt die Schuld des Angriffs und des bevorstehenden Krieges Einer auf den Andern zu werfen. In Frankreich, ja selbst in Deutschland, hält man den Krieg für unvermeidlich und erwartet jeden Augenblick den Ausbruch. Es ist offenbar, dass wir auf einem unterwühlten Boden stehen, und Niemand kann sagen, nach welcher Seite die Wagschaale sich senken, wo das gezogene Schwert rasten wird. Alle Verhältnisse scheinen sich umgekehrt zu haben, Freunde stehen sich feindlich einander gegenüber, alte Feinde haben den Groll im Busen verschlossen und machen gemeinsame Sache, – willenlos folgt der Einzelne, Unbedeutende diesem Wogenschlag der Völker, glücklich, wenn er aus der kommenden Zerstörung sich selbst und das, was ihm teuer ist, in einen sicheren Port retten wird. Ich fürchte, Freund, auch unser Schicksal wird uns in das volle Wogengebraus hinaus werfen."
"Ja wohl haben Sie Recht, dass alle Verhältnisse verkehrt und aus den Fugen gerückt sind in diesem Streit!" entgegnete mit Bitterkeit der Grieche. "Steht nicht das allerchristlichste Frankreich, das streng protestantische England neben dem ewigen Erbfeind des