socialen Verkehrs und der Erziehung junger Orientalen in Paris und London so wie des Eindringens der liberalen und demokratischen Ideen des Westens – sich geltend machten. Auch materiell hatten England und Frankreich durch die Vermehrung von Consulaten, neue Handelsverbindungen etc. in der Türkei einen festern Fuss gefasst, und bedrohten von hier aus die russische Macht. Die Frage wegen der politischen Flüchlinge nach dem ungarischen Kriege war durch Englands Einfluss gegen Russland entschieden worden. Die türkischen Verhältnisse selbst waren kaum länger haltbar ohne eine durchgreifende Reorganisation und Aenderung, das fühlten und sahen mehr noch als die europäischen Höfe die einsichtsvolleren Orientalen selbst, und an solchen fehlte es keineswegs. Denn der Einfluss, welchen alle Staaten Europa's nach und nach sich in der Türkei erworben, teils durch die Tractate, teils durch ihre Machtstellung und Handlungen eigener Machtvollkommenheit, war der Art, dass von einer Souverainetät der Pforte fast gar nicht mehr die Rede blieb, und deren Schatten einzig durch die Rivalität der occidentalischen Staaten bewahrt wurde. Die immer stärker hervortretende Entmannung des Islams in Europa hatte die frühere bedeutende und gefährliche a g g r e s s i v e Macht der Türkei nach Aussen längst aufgehoben, und jene oben erwähnten internen Verhältnisse lassen das, dem Kaiser Nicolaus zugeschriebene, eigentlich aber schon vom hof Katarina's stammende und auch von Napoleon I. gebrauchte Bild von "kranken Mann" sehr der Wahrheit entsprechend erscheinen. Die von Frankreich genommene Aggressive durch den Streit um die heiligen Stätten3 drohte eine eben solche Wendung zu nehmen, wie die Flüchtlingsfrage. Russland durfte die Interessen der griechischen Christen unter keinen Umständen im Stiche lassen, wenn es nicht die für seine traditionellen und historischen Pläne so notwendigen Sympatieen derselben aufgeben wollte, und so war es zu einem herausfordernden Auftreten und einem Beginn des Streites gezwungen, den es offenbar erst für ein Jahrzehend später bestimmt hatte und zu dem es noch keineswegs durch seine inneren Einrichtungen, Eisenbahnen, Marine etc. vorbereitet war. Dennoch hatte man sich in Petersburg dem Glauben hingegeben, dass die russische Machtstellung im europäischen Staatenverband und sein bisheriger dominirender Einfluss auf Mittel-Europa hinreichen würden, ernste Conflicte zu vermeiden. Dazu kam der blinde Glaube an die Unmöglichkeit einer politischen Alliance Englands und Frankreichs. Kaiser Nicolaus, einer der ehernsten Charactere der Weltgeschichte, rechnete Völker und Länder zu sehr als Zahlen von seinem erhabenen Standpunkt aus und trug den tieferen Erscheinungen und Characteren der Gegenwart zu wenig Rechnung.
Fürst M e n t s c h i k o f f , der russische Marineminister, war am 28. Februar in Constantinopel eingetroffen und hatte einen feierlichen Einzug unter dem jubel der griechischen Bevölkerung gehalten, dir in der Initiative Russlands eine neue Aera ihrer Jahrhunderte lang bewahrten Hoffnungen und Wünsche aufblühen sah. Unter den niederen Klassen der Griechen hatte sich faktisch das Gerücht verbreitet, der Fürst werde mit den Griechen von Constantinopel das nächste Osterfest in der Sophien-Kirche, – diesem ehemaligen Palladium des griechischen christentum – feiern. Es ist Tatsache und durch zahlreiche Beweise dargetan, dass dieser Glaube und die Aufregung unter der griechischen Bevölkerung nicht allein in Constantinopel, sondern auch in Smyrna und Kleinasien hauptsächlich durch die revolutionaire Propaganda, durch die politischen Flüchtlinge, genährt und verbreitet wurden.
Der starre Charakter des Fürsten war zur Führung intriguenvoller diplomatischer Verhandlungen, in denen die orientalischen Staatsmänner den feinsten Diplomaten des Westens überragen, wenig geeignet und wir haben bereits zu Anfang unseres Werkes angedeutet, welchem Einfluss es gelungen war, gerade dieser, dem Charakter des Kaisers so ähnlichen Individualität die Betrauung mit dieser schwierigen Mission zuzuwenden. Der Fürst hatte sich geweigert, dem Minister des Auswärtigen, Fuad Effendi, der Etikette gemäss, seinen Besuch zu machen, mit der Erklärung, dass Russland gerade besondere Beschwerdegründe gegen diesen ihm persönlich feindlichen Minister habe, welcher auch die Verhandlungen wegen der Auslieferung der ungarischen und polnischen Flüchtlinge geleitet hatte. Die Pforte zeigte dem energischen Auftreten des Fürsten gegenüber sofort ihre Nachgiebigkeit durch die Entebung Fuad Effendi's von seinem Portefeuille. Getäuscht durch dieses Resultat ging der Fürst weiter. Der vorgeschobene Beschwerdepunkt: der Krieg gegen Montenegro, war bereits durch die österreichische Intervention beseitigt – es blieb also nur die Frage wegen der heiligen Stätten, hauptsächlich über den Besitz der Schlüssel zum heiligen grab, welchen sowohl die Lateiner (Katoliken) wie die Griechen in Anspruch nahmen.
Die Unterhandlungen wurden auf das ausdrückliche Verlangen des Divans unter Zuziehung des Vertreters von Frankreich gepflogen, die Reclamationen des Fürsten in den Noten vom 19. und 22. März und 19. April, in welchen er die Rechte der griechischen Kirche den Lateinern gegenüber in dieser Angelegenheit gewahrt verlangte, durch Erlass eines Fermans erledigt, welcher die Rechte der Griechen gegen alle Uebergriffe der Katoliken sichern, zugleich aber diesen – also den Franzosen – die neuerdings durch Capitulationen erworbenen Rechte unverletzt erhalten sollte.
Frankreich hatte bei der ersten Nachricht von der Sendung des Fürsten Mentschikoff seine Mittelmeer – Flotte nach den griechischen Gewässern gesandt, der englische Admiral Dundas sich geweigert, auf die gleiche Requisition des britischen Vertreters in Constantinopel, Oberst Rosen, dasselbe zu tun.
Die Frage wegen der heiligen Stätten schien geregelt, war es aber nichts weniger als das, denn Fürst Mentschikoff verlangte jetzt zugleich Bürgschaft gegen künftige Verletzungen der eingegangenen Verträge, und zwar in Form einer förmlichen Verpflichtung in seiner Note vom 5. Mai, auf die er Antwort binnen fünf Tagen forderte. Dies war der Wendepunkt, an dem auf's Neue das Spiel der politischen Intriguen begann. Die Hauptforderung Russlands ging darauf hinaus, dass die Pforte in