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einer viel andern, als wir Abendländer gewohnt sind in der Phantasie uns zu malen. Noch war sie jung genug, um nicht jene weichliche Ueberfülle zu besitzen, welche die griechischen Frauen über zwanzig Jahre fast durchgängig auszeichnet, und die nach orientalischer Sitte als schön gilt. Dagegen hatte ihr Alter18 Jahre, während unter diesem milden Himmel oft schon Mädchen von zwölf und dreizehn Jahren heiraten, – ihre Formen gerundet und Wellenlinien über den schönen Körper gegossen, die dem ursprünglich seinem und schlankem Wuchs von Mittelgrösse einen noch verführerischeren Reiz verliehen. Das Gesicht von rundovaler Form zeigte jenen wunderschönen weissen und zarten Teint, der den Töchtern der Cycladen eigen ist, gehoben durch zarte und künstliche Röte der Wangen, welche nicht wie bei der Toilette des Occidents durch mehr oder weniger feine Schminke, sondern durch Einreibung eines Mittels in die seinen Poren der Haut, die man durch das Ausreissen der kleinen Härchen öffnet, hervorgebracht wird, und die wochenund monatelang ihre zarte Farbe behält, ohne der Erneuerung zu bedürfen. Augen von der wollüstig schläfernden Mandelform, aus deren Lidern zwischen den schwarzgefärbten Wimpern ein dunkler Augapfel hervorstrahlt, während ein feiner schwarzer Strich unter der Wimper des unteren Lides die Grösse und den Glanz des Auges erhöht; – schön und hochgeschwungene ebenholzfarbene Brauen unter einer mittelhohen freien Stirn; eine nicht gebogen, sondern grade in antiker Linie mit einer leichten Wölbung in der Mitte und voller gerundeter Spitze und starken Flügeln sich senkende Nase und ein etwas grosser aber durch die herrlichsten korallenartigen Lippen eingerahmter Mund mit einem vollen runden Kinndas ist der Typus der griechischen Frauen der Inseln und war die Schönheit Diona's. Die Toilette der orientalischen Frauen, die gewöhnlich nur zum Abend gemacht wird, erfordert fast noch mehr Zeit und Sorgfalt, als die der Schönen von Paris und Wien. Leider wird der zierliche und reiche griechische Anzug bei den Frauen Atens und Smyrna's meist schon durch das französische Costüm vordrängt, wo aber die nationale Tracht beibehalten ist, da erscheint sie reizend und höchst kleidsam. Die Frauen Smyrna's, – meist klein von Gestalt, von einem blassgelben Teint mit unheimlich funkelnden, beweglichen, schwarzen Augen, die für grosse Schönheit gelten, auf den Europäer aber den Eindruck des Rattenauges machen, sind bei ihrer Verheiratung mit letzterm gewöhnlich das Verderben des Mannes. Von jener Putz- und Gefallsucht, die eine Smyrniotin beherrscht, gibt selbst die Löwin der pariser Salons kaum eine idee. Alles was sie an andern Frauen von Schmuck und Kleidern sieht, erregt ihren Neid, und sie peinigt den Mann um noch Schöneres, daseinmal getragenallen Reiz für sie verliert. Dazu ist sie als Frau eigensinnig, launisch, träge und in Müssiggang den Tag hinbringend, bis zur Abendzeit, wo sie in voller Toilette sich an die Tür des Hauses setzt und Besuche annimmt oder macht; und so tugendhaft sie als Mädchen ist, so selten bleibt sie es nach ihrer Verheiratung. Bei dem geringsten Widerstand gegen die oft unerträglichen Launen der eingeborenen Frau hat der europäische Gatte den ganzen Schwarm ihrer werten Verwandtschaft bis in's zehnte Glied auf dem Hals, und er kann, braucht er sein Hausrecht, von Glück sagen, wenn er zuletzt ohne einige Messerstiche oder Pistolenkugeln davonkommt. – Unter den Verhältnissen und bei den Sitten des Orients sind die moslemitischen Frauen, bei allen sonstigen üblen Eigenschaften dem mann eine weit bessere und geeignetere Genossin, als die christlichen.

Diona trug über dem langen seidenen Gewand von

gelber Farbe die reich mit Gold gestickte offene Aermelweste, welche einen so schönen Schmuck und teil des griechischen Costüms bildet, während das, gewöhnlich von einem jener herrlichen smyrniotischen Fez's oder der längern griechischen Troddelmütze bedeckte Hauptaar frei um das schöne Gesicht wallte.

Die Männer waren in einem ernsten gespräche be

griffen. Welland hatte die Vorgänge des Tages in Smyrna mitgeteilt und die Rede sich nun auf die politischen Verhältnisse und Ereignisse überhaupt gerichtet, die den Orient und Occident zu erschüttern drohten, und auf beiden Seiten mächtige Rüstungen und Vorbereitungen aller Art hervorriefen. Constantinopel ward in diesem Augenblick noch der Centralpunkt der diplomatischen Agitationen, und von hier aus spannen sich die Fäden der Intrigue und Gegenintrigue, deren Auslaufen und Entscheidung nur Wenige noch berechnen konnten.

Caraiskakis, durch sein abenteuerndes umherziehendes Leben und die Vorgänge der letzten Zeit nur wenig und unvollständig über den Stand der Angelegenheiten unterrichtet, hatte den Freund um einen kurzen Umriss gebeten, und dieser gab ihm denselben. Wir sind genötigt, ihn zu wiederholen, um den Leser vom Beginn unserer Darstellung und jener Recapitulation im Dom der Invaliden zu Paris auf die Zeit weiter zu führen, in welcher die gegenwärtigen Scenen spielen, – also bis zu Ende des Juni 1853. Wir geben hier im Allgemeinen die Historie der Angelegenheiten und ihre entwicklung, wie sie sich aus den öffentlichen Vorgängen und den diplomatischen Aktenstükken dem Auge Europa's dargestellt hat und darstellen musste, den tieferen Einblick in die Veranlassungen, in die Zwecke und den gang für die weitere Ausführung unserer Scenen in Constantinopel selbst vorbehaltend.

Man hatte in Wien frohlockt, dass der Czar die Forderungen Oesterreichs in der montenegrinischen Frage so kräftig unterstützte, sah aber jetzt, dass das petersburger Kabinet damit einen viel wichtigeren Schlag in Constantinopel vorbereitet hatte. Russland, das seit Katarina II. mit mehr oder weniger kurzen Unterbrechungen einen überwiegenden Einfluss in Constantinopel ausgeübt hatte, sah seit einiger Zeit denselben bedeutend geschmälert und bedroht, indem in dem Divan immer mehr französische und englische Sympatieenoffenbar auch in Folge des erweiterten