der Stunde klang hell aus dem Salon.
Die Zeit achtet nicht auf die Wünsche, die Leidenschaften der Menschen, kalt und unabänderlich wie das Schicksal schreitet sie ihren gemessenen gang.
Der helle herzlose Schlag der Uhr fuhr wie ein glühendes Eisen durch sein Gehirn – Alles verloren – Ehre – Ruf – Glück –
Wie ein Tiger sprang er auf den Mann los, dessen Dazwischenkunft ihm Alles geraubt – ein dröhnender Faustschlag, der an seine Stirn von der muskelstarken Hand des Arbeiters schmetterte – und weit hin auf den Boden rollte der vornehme Herr, der Fürst, der Gebieter von tausend Seelen, kein Glied rührte sich an ihm.
"Allmächtiger Gott, Du hast ihn erschlagen!"
"Retten Sie sich, fliehen Sie, François!"
Der Arbeiter stand starr und blass, auf seiner Stirn perlte kalter Schweiss, und er betrachtete wie verwirrt seine Hand.
"Fliehen Sie, François, ich beschwöre Sie bei Ihrer einstigen Liebe zu mir!"
"Es ist vergebens – die Polizei ist hinter mir – ein Complott gegen den Kaiser, das in der komischen Oper zum Ausbruch kommen sollte – man hat viele meiner Kameraden verhaftet und verfolgt die Entkommenen. Ich sah, dass ich bereits beobachtet wurde, als ich das Haus betrat."
Celeste sprang an's Fenster.
"Eine Menge Leute vor der Tür – Soldaten!"
"Er lebt! er lebt!" tönte dazwischen der jubelnde Ruf des Mädchens. "Celeste – François – helft mir!"
Nini, die nach der traurigen Katastrophe sich nur mit dem Geliebten beschäftigt hatte, versuchte ihn emporzurichten, François sprang herbei, ihr zu helfen und setzte ihn auf einen Stuhl. Der Fürst erholte sich, er atmete tief und schwer, und seine Augen waren starr, ohne Ausdruck vor sich hin gerichtet.
"elf Uhr! – Der Dampfzug geht fort!" – eintönig wiederholte der Mund mehrere Male die Worte.
Celeste hatte die Tür zur Treppenflur geöffnet und lauschte, jetzt sprang sie eilig zurück.
"Man kommt – ich glaube, man untersucht die Zimmer des ersten Stocks. Um Gottes willen, ist kein Ausweg?"
Ihre Blicke flogen suchend umher, während sie die Tür verriegelte. Ihre Entschlossenheit schien ihr jetzt einen rettenden Gedanken einzugeben.
"Rasch, François, Ihren Hut, die Blouse herunter!"
Fast willenlos gehorchte ihr der junge Mann.
"Mein Herr, haben Sie wenigstens den Edelmut, den Bruder Ihrer Geliebten zu retten. Sie selbst werden sich leicht befreien. Ihren Rock, Ihren Rock!"
Sie zerrte den Fürsten empor, – er blieb ruhig, bewegungslos stehen – seine Augen starrten bewusstlos umher.
"elf Uhr! – Der Dampfzug geht ab!"
"Nini, um Gottes willen, hilf, Du rettest den Bruder und sicherst Dir den Geliebten. Geschwind, Mädchen, geschwind!"
Der Fürst liess sich widerstandslos den Rock ausziehen, den sie François zuwarf, und sich mit der Blouse bekleiden.
"Rasch, rasch in den Salon, den Domino um, die Maske in die Hand, ich höre sie auf der Treppe!"
Sie riss dem Fürsten das Halstuch ab.
Nini hatte begriffen, – sie ahnte das Schreckliche noch nicht, und in der Hoffnung, den Geliebten sich zu sichern, flog sie mit weiblichem Instinct dem Bruder zur Hand. Im Nu war die einfache Verkleidung geschehen, der Domino auf seinen Schultern, der Hut auf seinem Kopf.
Celeste drückte den Calabreser auf den des Fürsten.
"Gott sei Dank! – Nun, mein Herr, gilt es, sich kurze Zeit zu verstellen!"
"elf Uhr! – Der Dampfzug geht ab!"
Celeste erhob ein lautes Geschrei und sprang an die Tür.
"Hilfe! Hilfe!"
Gewehrkolben stiessen auf den Flur.
"Im Namen des Kaisers, öffnen Sie!"
Die Lorette riss die Tür auf.
"Hierher! hierher! Kommen Sie uns zu Hilfe, meine Herren, ein fremder Mann ist mit Gewalt hier eingedrungen – der Mensch will uns morden oder bestehlen."
Der Polizei – Commissair trat ein, hinter ihm Polizeidiener, Wache. In der Mitte des Zimmers stand der Fürst, noch immer regungslos, gleich als wisse und fühle er nicht, was um ihn her vorging. Im Zugang des Salons stand Nini in ihrem Masken-Costüm, dahinter im Schatten François, Beide blass, stumm – der entschlossenen Freundin Alles überlassend.
Der Commissair wandte sich zu einem seiner Begleiter.
"Ist es dieser?" er wies auf den Fürsten.
"Certainement! ich kenne ihn an der grünen Blouse und dem Hut. Lassen Sie ihn verhaften."
"Mein Herr, Sie sind mein Arrestant, folgen Sie ohne Widerstand. Meine Damen, ich sehe, Sie sind sehr unangenehm auf dem Wege zu einem vergnügten Abend überrascht worden. Entschuldigen Sie meine Pflicht."
"O, mein Herr, wir sind Ihnen vielen Dank schuldig, – der Schreck und die Angst waren gross – wir hatten zwar den Schutz unseres Cavaliers – aber –"
"Ich verstehe," sagte der Beamte galant und discret mit einer leichten Verbeugung nach dem Salon. "Meine Pflicht zwang mich jedoch, jede Rücksicht bei Seite zu setzen. Es hat heute Abend bei der Wiedereröffnung der Opéra comique ein höchst verabscheuungswürdiges Attentat gegen Seine Majestät den Kaiser unternommen werden sollen, dem jedoch die Behörden glücklich auf die Spur gekommen sind. Bei den Verhaftungen in der Strasse Marivaux entkamen