es vorläufig reichen. Nehmen Sie, Madame, für dieses teure Mädchen. Fort muss ich – die Zeit drängt und jeder Augenblick" – sein blick flog nach dem Zifferblatt der Uhr – "ist kostbar. Von der ersten Station aus, wo ich einen kurzen Halt mache, wirst Du meine weiteren Bestimmungen erhalten. Willst Du mir dann folgen in meine Heimat?"
"Kannst Du fragen? – Bist Du nicht das einzige, was ich auf der Welt habe?"
"Ick bin reich, Gott sei Dank, zum ersten Male empfinde ich dessen Wohltat. Du wirst mir folgen und jede Freude, jeden Genuss teilen, den die Welt bietet. Sie, Madame, können Sie sich entschliessen, Paris zu verlassen und dieses Mädchen zu begleiten, so bitte ich Sie darum, Sie werden mir willkommen sein und können auf meine volle Dankbarkeit rechnen. – Und jetzt, Nini, lass uns scheiden – die Augenblicke fliegen! Der Fiaker, der vor der Tür wartet, wird kaum noch Frist haben, mich zur rechten Zeit zum Bahnhof zu führen."
Er umarmte das weinende trostlose Mädchen.
Celeste legte die Hand auf seinen Arm.
"Ich zweifle durchaus nicht an Ihren Worten und an Ihrer Redlichkeit, mein Herr, aber bedenken Sie, dass dies Kind weiter keine Garantie hat als Ihr Wort. Sie kennt nicht einmal Ihren Namen."
"Höre sie nicht, Jean; was kümmert mich, wer Du bist, wenn Du mich nicht mehr lieben würdest. Ich vertraue Dir aus vollem Herzen!"
"Dank, tausend Dank, und Sie, Madame, glauben Sie, dass nur der Wunsch, mir ungetrübt mein Glück zu erhalten, mich den Schleier des Geheimnisses über unser verhältnis werfen liess. Mein Name ..."
Die Uhr schlug drei Viertel.
"Um Gotteswillen, lass mich fort! Meine Ehre ist verpfändet, die Ehre meines Hauses! lebe' wohl, lebe' wohl!"
Er drückte stürmisch heiss einen Kuss auf die Lippen des Mädchens und eilte in's Vorzimmer. Nini stürzte ihm nach, ihn noch einmal umschlingend.
"Jean, verlass mich nicht! Nimm mich mit Dir!"
"Madame, Barmherzigkeit! helfen Sie mir, ich muss fort, ich muss!"
Er legte sie in ihre arme und stürzte nach der Tür – sie wurde von Aussen geöffnet, – eine kräftige Männergestalt mit Blouse und braunem Calabreserhut trat hastig ein. Ein blick auf die Gruppe genügte; der Fremde stiess den Fürsten unsanft zurück und schloss die Tür hinter sich von Innen ab.
"Ich sehe, ich bin hier recht. Einen Augenblick, mein Herr; wir haben mit einander zu reden!"
Zwei leichte Schreie des Staunens und des Schrekkens mischten sich mit einander:
"François!"
"Ah, Sie hier, Madame! Sehr gut; in solcher Gesellschaft brauche ich freilich nicht länger zu zweifeln, was aus meiner Schwester geworden ist."
Celeste gab keine Antwort.
Der Fürst trat auf den Fremden zu.
"Sie sind Herr François Bourdon, der Bruder dieses jungen Mädchens, das vor Schreck und Schmerz dort halb ohnmächtig liegt. Ich bedaure aufrichtig, dass der Augenblick so ungünstig zu einer Erklärung ist, aber Ihre Schwester und Madame Celeste werden Ihnen das Nötige sagen. Ich bitte, lassen Sie mich vorüber."
Der Arbeiter – jener junge stattliche Mann, dem wir im zweiten Kapitel in der Versammlung der Unsichtbaren als Bote nach London schon ein Mal begegnet sind – lachte höhnisch auf:
"Haben Sie's so sehr eilig diesmal, mein Herr?"
"Ich muss – ich muss! ..."
"Ich auch, denn auf meinen Fersen, Herr, ist die kaiserliche Polizei, auf den Ihren nur der Bruder eines verführten Mädchens, und dennoch nehme ich mir Zeit, die Ehre meiner Schwester zu rächen. Zurück!"
Mit kräftiger Faust warf er den jungen Mann, der sich mit Gewalt an ihm vorüberdrängen wollte, zurück bis in die Mitte des Zimmers.
"Was unterstehen Sie sich, Herr!"
"Unterstehen? Meinen denn die vornehmen Herren noch immer nach den Lectionen von 1793 und 1830, dass das Blut des Arbeiters weniger rot durch seine Adern pulse, als das ihre? dass seine Ehre das Spielwerk ihrer Lüste sei?"
Nini warf sich zu den Füssen des Zürnenden und umschlang ihn.
"Bruder, Du tust Unrecht."
"Du hast wohlgetan, Täubchen, dass Du mir aus dem Wege gegangen bist – erst heute Abend auf dem Opernplatz vor dem verunglückten Spass erfuhr ich durch einen Zettel Derer, die Alles wissen, Deine neue Residenz! Ein ehrlicher Arbeiter kann nur eine ehrliche Schwester brauchen – ich habe an Der da" – er wies nach Celeste, die bleich und aufgeregt zur Seite stand – "genug der Erfahrungen gemacht. Fort, Metze, mit Dir hab' ich nicht zu reden, nur mit Jenem."
"Sie entehren sich und Ihre Schwester; sie ist meine Geliebte, wenn Sie darauf bestehen, mein Weib. Aber meine Geduld ist zu Ende – geben Sie Raum!"
"Zurück! Meinen Sie, einen leichtgläubigen Narren vor sich zu haben?"
In dem Fürsten kochte die ausbrechende Wut, Angst, Verzweiflung – seine Ehre war vernichtet – sein heiliges Wort gebrochen.
"Um der Barmherzigkeit willen, Platz ..."
Die Uhr auf dem Kamin hob aus und der erste Schlag