nicht eine so von Euren kleinen Liaisons, die Ihr so gern die vornehmen Damen spielen wollt und es doch nicht seid. – Man hat bei unserer Liebe noch ein Herz."
"Beruhige Dich, Mignonne, sei überzeugt, dazu liebe ich Dich zu sehr aus der Zeit, da wir Beide noch Kinder waren. Ich freute mich aufrichtig, als ich Dich wiederfand, auch bin ich nicht undankbar – und Du weisst –"
"Ah bah, schweige von der Kleinigkeit; Jean gibt mir ja genug, warum sollte man einer Freundin nicht helfen! Weisst Du, Celeste, es ist eigentlich recht schade, dass Du schlecht geworden bist; mein Bruder François liebte Dich so sehr und Du hättest eine brave Frau werden können."
Das seine Gesicht der Lorette schien eine Wachsbleiche anzunehmen bei der Erinnerung, dann flog mit einem leisen Seufzer eine helle Röte über Stirn und Wangen und die Hand drückte krampfhaft den Fächer.
"Erinnere mich nicht daran, er war meine einzige Liebe. Aber was können wir armen Frauen tun – die Armut ist so drückend und die Arbeit so schwer. Als ich Herrn de Sazé kennen lernte – –
Ah! das ist Dein erster Verführer, nicht wahr? Mein Bruder hat ihm auch schwere Rache gelobt. Du hast wohl seit den fünf Jahren gar Viele gehabt, Celeste?"
"Du bist eine Närrin!"
"Es muss komisch sein," meinte Nini ganz naiv, "so viele Männer zu lieben, Einen nach dem Andern oder Alle auf ein Mal. Ich könnte es wahrhaftig nicht; mir macht der Eine schon genug Kopfzerbrechens."
"Hat er Dir denn noch immer seinen wahren Namen nicht gesagt?"
"Er heisst Jean und ist, glaube' ich, aus Polen. Mon Dieu, was weiss ich, wo das abscheuliche Land liegt! Ich habe immer gedacht, er müsste so ein falscher Prinz oder so ein verkappter Californier sein, weil er sich gar so wenig aus dem Golde macht. Er liebt seine kleine Nini, was will ich mehr?"
"Du verdientest, dass man ihn Dir entführte, so einfältig bist Du. Seit drei Monaten hast Du diesen Crösus nun in Deinen Fesseln und noch nicht einmal eine eigene Equipage oder eine Kammerfrau."
Nini lachte wie toll, dass sie fast vom Tabouret fiel und die Cigarette verlor.
"Ich eine Kammerfrau! Bist Du nicht gescheut? Was sollte ich mit einer Kammerfrau tun? das gehört für Damen wie Du. – Nein, mein Schatz, die Portiere genügt mir, und mit der kann ich ungenirt plaudern, wie mir der Schnabel gewachsen ist, vor so einer zierlichen Demoiselle aber würde ich mich geniren und wüsste wahrhaftig nicht, ob sie die Herrin oder ich. Aber was willst Du? Bin ich nicht schön und sein eingerichtet? Ist nicht dies Alles mein, die ich doch eigentlich nur eine kleine Nähterin war, und kannst Du etwas Hübscheres und Reicheres sehen, als diesen Salon? He?"
Celeste zuckte mitleidig die Achseln.
"Du könntest drei damit ausstatten, und es würde drei Mal besser aussehen."
"O, glaube nur," meinte Nini hochmütig, "Jean kauft mir Alles, was ich will. Ich habe auch schon an so ein kleines Pferdchen gedacht und einen hübschen zierlichen Tilboury mit einem Knirps von Jockei oder Mohrenbalg so hinten d'rauf, aber Jean meint, das passe sich nicht für mich, und wenn ich einen Wagen hätte, würde ich den ganzen Tag auf der Strasse umherkutschiren und nicht mehr für ihn zu haus sein. Wenn wir nach den Boulevard – Teatern gehen, oder in's Freie vor der Barriere, oder zum Ball, ei, da gibt's ja Wagen genug in Paris."
"Wie aber ist's, Nini –" sie sprach das Folgende mit einiger Ueberwindung aus – "wenn François, Dein Bruder, zurückkehrt? Was wirst Du i h m sagen über das begonnene Leben?"
Dem leicht erregten Mädchen traten ein Paar Tränen in die hellen Augen.
"Das ist freilich böse, aber – warum hat er mich verlassen! Ich liebe François sehr, aber man kann doch nicht ewig in seinem Dachstübchen verkümmern? – Und hungern kann man doch erst gar nicht, wenn man auch noch so wenig isst. Du weisst ja, Celeste, wie glücklich und bescheiden wir waren, als unsere Eltern neben einander wohnten im Faubourg Antoine, und wir alle Sonntag zusammen spazieren gingen, Du und François und ich, das närrische Kind. Auch noch aus der englischen Fabrik kam François immer nach haus, bloss um Dich zu sehen, bis vor fünf Jahren – Du erinnerst Dich –"
"Ich weiss, ich weiss!"
"Als François im März nach England ging, gab er mir hundertfünfzig Franken, und damit und mit meiner Näherei hätte ich gewiss gelangt, obschon ich mich recht stattlich herausgeputzt hatte, wenn ich nicht so einfältig gewesen wäre, das schöne Geld in fünf blanken Louis, die ich noch hatte, immer mit mir umherzutragen. Ich habe Dir's ja erzählt, wie man mir's gestohlen hat am ersten schönen Sonntag im April, als das Gedränge des Abends auf den Boulevards so gross war, und wie mich Jean da weinend fand und mich ansprach und tröstete. Eh bien, seitdem kennen wir uns, ich habe, wie die Vögel, mein altes Nest in der Antoine