wohin. Verschiedene kleine Umstände, namentlich dass man den Verführer noch vor drei Tagen hier gesehen haben will, liessen mich argwöhnen, dass das Paar noch in der Nähe sich aufhält und ich bot nun alles Mögliche auf, seine Spur zu verfolgen. Der Schurke Andrea war mir förderlich; gestern Abend führte er mir den Mann zu, der das Paar über den Golf nach Bournabat in einer Barke geführt hatte. Hier bewohnten sie oder bewohnen sie noch ein wohlverwahrtes Landhaus, das dem englischen Viceconsul gehört, einem Mann von schlimmen Ruf, dem für Geld Alles feil ist und der für blanke Dublonen schon die ärgsten Schurken vom Galgen gerettet hat."
"Und haben Sie seit gestern Abend bereits Schritte getan?"
"Heute Morgen führte mich derselbe Fährmann hinüber nach der Villeggiatura. Ich forderte Einlass am haus, aber ein englischer Diener weigerte denselben unter dem Vorwand, dass es gänzlich unbewohnt sei. Dass dem nicht so ist, sah ich aus dem Umstand, dass sich zwei Khawassen im hof umhertrieben. Ich war allein und konnte den Zutritt nicht erzwingen. Zur Stadt zurückgekehrt, eilte ich zu dem englischen Consulat und drang bis zu dem Gmeralconsul. Er war wie gewöhnlich gleich einem Vieh betrunken, sein Stellvertreter aber, jener Eigentümer des Hauses, der alle Geschäfte und alle Macht in Händen hat, wies mich barsch zurück, wollte von Nichts wissen und drohte mich verhaften zu lassen."
"Was gedenken Sie zu tun?" fragte teilnehmend der Doctor.
"Was ich tun will?" antwortete zähneknirschend der Grieche. "Sehen Sie hin auf jenes Boot, das, mit Männern besetzt, wie hier Hunderte umherlaufen, eben dem Strande naht, mit Männern, die nicht fragen nach dem Erlaubt und Gestattet, wenn es eine kühne Tat gilt, – mit einem solchen Boot und einem Halbdutzend solcher Bursche will ich morgen bei Nacht landen an der verschlossenen Tür, die die Schande meines Hauses birgt, und dann, bei dem Geist meiner Väter, will ich Gericht halten über die Beiden!"
"Um Gotteswillen, Gregor, tun Sie keinen unsinnigen Schritt, der Alles verdirbt und Sie in die grösste Gefahr stürzen muss," beruhigte Welland. "Gehen Sie zu dem griechischen Consul, er hat die Pflicht, einzuschreiten. Wenden Sie sich selbst an den türkischen Gouverneur, er muss Ihr Recht schützen."
"Recht in der Türkei?!" hohnlachte Caraiskakis. "Wissen Sie nicht, dass ich verbannt bin von den Machtabern in Aten? Meinen Sie, dass der feige entnervte Moslem, der nicht den offenen Meuchelmord aus den Strassen seiner Stadt verbannen kann, Mädchenraub bestrafen wird an einem seiner hundert Herren, an Einem aus jenem volk, das die wahre Pest des Orients durch seinen Uebermut und seinen Druck ist, gegen die selbst das türkische Joch Milde genannt wird? – an einem Engländer? Wenn die Hand seines Allah aus den Wolken reichte, würden sich die Bekenner des Halbmondes nicht so beugen, als vor der Tyrannei jener gekreuzten Flagge. Nein, ich selbst – – Heiliger Gott! was geht dort vor – der blutige Schurke Andrea mordet Ihren Freund!"
Ein wildes Geschrei ertönte von der etwas entfernten Stelle des Quai, an der sie den Ungar verlassen hatten, – Menschen drängten eilig hinzu, der Ruf nach Hilfe übertönte aus vielen Kehlen den Lärmen.
Eine schreckliche Scene hatte sich dort entsponnen. Sie ist historisch geworden in ihren empörenden Einzelnheiten.
Wir haben bereits erwähnt, dass die Zahl der politischen Flüchtlinge zu jener Zeit sehr bedeutend in Smyrna war, und dass sie eine gewisse herrschaft in der Stadt ausübten. Nächst London war Smyrna damals der offene Centralpunkt der Agitation. Oeffentlich gegründete Comitee's verhandelten die Revolution von Europa, und die grosse Tätigkeit der Einzelnen in der Erlernung der orientalischen Sprachen, die Bemühungen, unter der griechischen Bevölkerung sogenannte philharmonische Vereine zu gründen, an deren Spitze sie standen, wiesen darauf hin, dass die Emigration sich in Smyrna und im Orient überhaupt einen neuen Haltpunkt zu schaffen suche. In keinem land der Welt würden die Flüchtlinge bei einem ruhigen Verhalten weniger gestört worden sein; denn die lässigen türkischen Behörden kümmerten sich durchaus nicht um ihre person, ja, der englische und amerikanische Consul beschützte sie bei jeder gelegenheit. Der Zusammenhang dieser Agitation mit der mailänder Februar-Revolte war ganz offenkundig, und man sprach – gerade wie im Jahr 48 von Berlin und Wien, – am Tage des Ausbruchs in Mailand bereits davon in der asiatischen Handelsstadt. Da nur hauptsächlich alle diese Umtriebe und Angriffe gegen die österreichische Regierung gerichtet waren, forderte endlich der kaiserliche General-Consul von Wexbekker wiederholt von dem damaligen General-Gouverneur von Smyrna die Ausweisung der ohne Schutz einer Nationalität sich dort aufhaltenden Flüchtlinge, besonders die mehrerer in Oesterreich schwer gravirter Persönlichkeiten, die hier die Führer bildeten. Zu diesen gehörte auch M a r t i n C o s t a , im ungarischen Revolutionskriege Adjutant Kossut's und einer der tätigsten und entschlossensten Offiziere des Insurgentenheeres. Er war nach dem Uebertritt Kossut's auf türkisches Gebiet mit diesem in Kintaia internirt, folgte ihm 1851 nach London und ging dann nach Amerika, von wo er unerwartet zu Anfang des Jahres 1853 nach Smyrna zurückkehrte, wo er alsbald an die Spitze der Clubs und Verbindungen trat. Die österreichische Regierung hatte die sichere Kunde von neuen Bewegungen und da selbst das Einschreiten des Gesandten beim Divan und ein Befehl des Vezirs Ali Pascha den Gouverneur nicht aus seiner Untätigkeit aufzuwecken vermochte,