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, Abdallah!"

Der Mohr, den sie gerufen, nahte dem Pferde. Er empfing ihre Befehle und fletschte in teuflischer Bosheit die tierischen Züge, indem er langsam das Messer aus seinem Gürtel zog und zu der Gefesselten trat, deren Auge zum Himmel erhoben war, deren Lippen ein Gebet zum Allmächtigen sprachen.

"Dschidelim! Eile Dich! ..." Ein wilder Schmerzensschrei riss sich trotz der heldenmütigen Entschlossenheit von den Lippen der Aermsten – – ––– "Vater! – Sie martern mein Weib zu tod!" Der Alte schauertesein Auge starrte wie in einer Vision, die seinen Geist zu umnachten begann. "Die Engel im Himmel werden dem Blute Iwo's beistehen in seinem Märtyrertum. Einer der Moskowiten, mit denen ich bei Ragusa focht, war im land gewesen, fern über der grossen See, und erzählte, wie da die gefangenen Krieger gemartert werden von ihren Feinden und doch ihr Triumphlied singen unter den Schmerzen des Todes. Ist die Christenfrau aus Iwo's Stamm weniger mutig als die Heiden der Wälder über der Salzsee?" "Es ist ein Weiblass mich hinaus, Vater –" "Zurück, Knabe, und vernimm das Todtenlied der Martinowitsch!" Und mit lauter eintöniger stimme begann der Greis das Heldenlied: Sve Oslobod. – ––––– "Giftige Nattern säugte der Busen des Czernagorzenweibes, so möge er weiter die Bestien der Wildniss nähren! D'rauf, Scheitan!" Der schwarze Henker warf das blutrauchende Fleisch der abgeschnittenen Brust dem lechzenden Wolfe hin und senkte mit teuflischen Vergnügen das Messer zum zweiten Male in den Leib der Märtyrerin9!

"Vater! Gabriel! – Um der ewigen Barmherzigkeit willen, den Tod!"

Und wieder krachte ein Schussder letzte der Czernagorzen! – aber diesmal taumelte der schwarze Mörder zu Boden und das Haupt der Gemarterten fiel auf die Schulter niederim tod brechend dankte ihr Auge noch hinüber nach der Kula: dieselbe Kugel hatte Henker und Opfer durchbohrt. –

Auf das Bollwerk des Turmzuganges sprang die riesige Gestalt des einäugigen Greises, wahnwitzig schwang seine Hand die noch rauchende Flinte um das Haupt.

"Hierher, blutige Mörder von Skadar! Hierher, feige Söhne des falschen Propheten! Die Männer der schwarzen Berge rufen nach Euch!"

Und Fatinitza warf ihr Ross gegen die Kula.

"Zum Kampf! Allah il Allah! zum Kampf!"

Von allen Seiten klang das furchtbare Angriffsgeschrei und die Schaar stürmte gegen die kleine Heldenzahl, Schüsse knallten, Waffen blitzten, Stöhnen der Wut und des Schmerzes, über die Steine und Balken klommen die Albanesen; hinein in's dichteste Gewühl stürzte sich der Zagartschanewie sein Schatten hinter ihm drein Nicolas Grivas, während am Eingang des Turmes der grimmige Beg und Jowan Martinowitsch den Helden- und Todeskampf kämpften und von unzähligen Wunden durchbohrt, sterbend noch mit dem blick voll unauslöschlichen Hasses den siegenden Feind bedrohten. Zwei Mal hatte Grivas sich vor den zürnenden Freund geworfen und den Todesstreich von ihm abgewehrt, jedes Mal wandte der Zagartschane sich nach einer andern Seite, Beide die Mörderin zu erreichen strebend. Mit wildem jubel schwangen die Albanesen schon in ihrem rücken das abgeschnittene Haupt des Beg auf einer Flintenspitze, – unwillkürlich wich das trotzige Weib vor den wütenden Rächern zurück, den Zügel des Rosses anziehend; an Grivas Hals warf sich die Wölfin, aber ein Handjarstoss zerschnitt ihr den blutigen Rachen und Kehle, – da durchbohrte aus nächster Nähe ein Schuss die Brust Gabriels, dass ein dunkler Blutstrom mit dem Atemzug aus seinem mund quoll. über dem Stürzenden schwang Nicolas den blitzenden Stahl:

"Dies Mal, Blutbruder, löse ich den Eid!" und sein Hieb spaltete den Schädel eines Arnauten, der sich auf den sterbenden Freund warf.

"Lebendig, lebendig fangt ihn!" kreischte die stimme Fatinitza's und ihre Geberde jagte die Zaudernden dem Kämpfer entgegen.

Da trachten neue Schüsse in geringer Entfernung. Durch die Nebel des Morgengrauens brachen von der Bergseite her dunkle Gestalten, – die Czernagorzen, die Junaks der Rietschka Nahia, – eine kräftige, militairische Figur im grauen russischen Capot in ihrer Mitte erteilte BefehleOberst Berger, den Bogdan in der nächsten Brastwo10 mit mehreren Begleitern umherstreifend gefunden.

"Vater Iwo! Gabriel! die Kinder der schwarzen Berge kommen!" tönte ermutigend die stimme des Jünglings durch das Kampfgewühl und das wüste Geschrei der von allen Seiten flüchtenden Albanesen.

Zu spät!

Ein schwerer Kolbenschlag traf von hinten des Griechen Haupt und warf ihn, aus zehn Wunden blutend, zu Boden über den toten Freund. Das Blut der Blutbrüder vermischte sichder heilige Eid war gesühntsein brechendes Auge traf die Mörderin.

"Das Kreuz! das Kreuz! – GabrielVaterStephana, wo seid Ihr?"

Die Wölfin von Skadar sprang vom Ross. Mit übermenschlicher Kraft hob sie den blutenden Körper quer auf den Sattelknopf des Pferdes und schwang sich wieder hinauf. Im Druck der spitzen Steigbügel hob sich der Renner mit der doppelten Last zum Sprunge und seine Hufe warfen die Flüchtenden zur Seite.

Weit aus griff der Schimmel. Von den Schüssen der Czernagorzen umdonnert, den blutigen Körper des seiner Liebe Verfallenen auf Sattel und Arm, sprengte das Türkenmädchen durch den Pulverdampf. In den wallenden Nebeln des Morgenlichts verschwand der flatternde Mantel. Hinter ihr aber hielt der Tod seine reiche rächende Ernte!

Fussnoten

1 Ganz befreit! – Zugleich der Name der Piesme, welche jene Tat besingt. 2 Familienoberhaupt. 3 Es ist Nichts