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Der Mund einer Czernagorzenfrau redet nimmer Lüge." "Und Dein Mann befindet sich in jenem Turme mit dem Schändlichen, dessen Verrat ihn befreit hat?" "Geh' hin und frage selbst." "Spiele nicht mit der Wölfin von Skadar, Weib, denn wisse. Dein Schicksal ist ein schlimmes und Dein Blut wird büssen für das, was Jene getan. Keiner darf atmen, der sagen mag, er hätte Fatinitza's Schmach gesehen. Was wolltest Du bei den Verlorenen?" "Die Tochter des Iwo Martinowitsch, des grossen Beg der Rietschka, fürchtet den Tod nicht. Sie gehört zum Gatten und Vater in der Stunde der Gefahr." Ein wilder Jubelruf brach im Kreise der Arnauten aus, als sie hörten, dass der berühmte Krieger des Hochlands in ihrer Gewalt sei. Trotz der furchtbaren Lage, in der sie sich befand, schwellte Stolz die Brust der edlen Czernagorzenfrau, als sie diese Anerkennung für den Ruf ihres Vaters vernahm. Einer der Albanesen zeigte das Pulverhorn, das man bei der Gefangenen gefunden. "Bei dem Propheten, Herrin, ich glaube, dass diese Tochter eines Hundes den Männern dies Pulver bringen wollte, woran es den unreinen Tieren von jeher gefehlt hat. Allah bilir, Gott allein weiss es."

"Geht und schaut in die Mündung der Flinten meiner Tapfern, sie werden Euch Antwort geben," entgegnete die Czernagorzin kühn. "Aber eilt Euch, denn die Söhne der schwarzen Berge nahen, um ihren grossen Beg zu suchen und hörten seinen Ruf nach den Kriegern."

Die finstre Falte zwischen den Brauen des Türkenmädchens zog sich dunkler und drohender. "Dann ist es Zeit, dass Dein Schicksal erfüllt werde. Bindet das Weib!"

Mehrere der Arnauten warfen sich auf die Unglückliche und schnürten ihre arme zusammen.

"Mein Pferd!"

Der Schimmel stampfte unter ihrem Druck. Am Sattel sprang lechzend der Wolf in die Höhe.

"Zu den Waffen, Tapfere von Skadar! Nehmt die Brände, dass sie leuchten zu dem fest, das wir Jenen bereiten wollen, auf dass man erzählen möge von Fatinitza's Rache, so lange die schwarzen Berge stehen. Bringt das Weib."

Fatinitza voran nahte sich der Zug der Kula, aus der vier Männer ihm bleich und finster entgegenstarrten.

etwa sechszig bis siebenzig Schritt von dem Turm entfernt stand ein junger, weitästiger Kastanienbaum. Vor ihm befahl die Türkin die mitgebrachten Brände zusammen zu werfen, dass die Flammen hoch aufloderten und einen weiten Lichtschein umherwarfen, in welchem den Männern im Turm keine Einzelnheit der furchtbaren Scene entgehen konnte.

"Schnürt sie an den Baum, das Antlitz den Rebellen zu!"

Der Befehl ward vollzogen.

"Reisst ihr die Kleider ab, – geschändet soll sie vor Euch stehen! – Wie ich es vor Jenem stand!" setzte die zuckende Lippe leise hinzu.

"Barmherzigkeit, Du bist ein Weib!" Es war die einzige Bitte, die dem mund der unglücklichen Frau sich entwand. – Barmherzigkeit? – Bei dem Löwen der Wüste, bei dem Tiger der Dschungeln suche Barmherzigkeit, nicht bei den Männern Albaniens.

Gleich Bestien warfen sie sich auf die Czernagorzin und rissen und schnitten die Gewänder herunter, dass der keusche Leib unverhüllt vor den rohen höhnenden Blicken der Männer stand. Die Wölfin von Skadar trieb das Pferd bis dicht zu der entehrten unglücklichen Frau und schaute mit finsterem blick auf sie nieder. Dann streckte sie drohend die Hand nach der Kula.

Da blitzte und krachte ein Schuss aus dem dunklen Gemäuer.

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In der Kula standen die Männer starren Auges, den blick unverwandt auf den herankommenden Zug gerichtet, die Faust um die treue Flinte geklammert, als wollten die Finger sich in das Eisen krampfen. Nur das tiefe Stöhnen des unglücklichen Gatten unterbrach die unheimliche Stille.

"Das Pulver! das Pulver!" murmelte der Greis vor sich hin.

Man sah Stephana an den Baum schnüren; die Flamme zu ihren Füssen liess deutlich jeden ihrer Züge erkennen, fast den Strahl ihres Auges, wie er Hilfe suchte bei den nahen Freunden.

Jetzt warfen die Arnauten sich auf ihr Opfer.

"Sie morden siehinaus, ihr zu Hilfe!" raste der Zagartschane, doch nochmals riss die Hand des Greises ihn zurück.

"Noch nichtsie schänden nur das Blut der Martinowitsch." Seine stimme war hohl, fast klanglos.

Gabriel taumelte.

"Verdammniss über den Teufel in Weibergestalt! Fahre zur Hölle!"

Seine Flinte lag an der Wange, der Schuss knallte, – doch noch schneller als sein Finger am Drücker war die Hand des Griechen, die den Lauf in die Höhe schlug.

"Halt ein! Du tödtest s i e !"

Die Kugel schrillte hoch durch die Luft.

War es Stephana, war es Fatinitza, die Nicolas Grivas mit den Worten und der Tat meintenur Gott weiss es.

"Fluch Dir und ihr Blut über Dich! Zerrissen sei das Band des unseren!"

Gabriel warf die Flinte zu Boden und wandte sich mit einer erhabenen Geberde der Verachtung von dem bisherigen Freunde. –

Nur ein Schuss noch blieb in der Hand der Verfolgten. Der alte Beg streckte die Rechte nach der Flinte aus, die Jowan hielt:

"Gieb!"

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Die Arnauten waren auseinander gestoben bei dem Schuss der waffenlos Geglaubten. Nur Fatinitza hielt mit eherner Ruhe.

"Seit wann haben die Tapferen von Skadar Furcht vor dem Blei der schwarzen Hunde? – Hierher