"Weiter hinauf im Gebirg," sprach Jowan, "steht die Kula, die früher einem Gliede der Gradjani gehörte, das in's Niederland gezogen war. Wenn wir sie erreichen, können wir einem Angriff widerstehen. Nur den Boten gilt es zu unseren Brüdern zu finden."
Der Greis blickte ihn finster an. "Willst Du den Glawaren der Martinowitsch lehren, was er auf diesem feld zu tun hat, das sein Fuss hundert Mal im Kampfe durchmessen, ehe Du den eigenen Namen lallen konntest? Was geschehen soll ist beschlossen. Höret!"
Alle drängten sich um ihn.
Der Einäugige nahm den schrecklichen Mumienkopf von seinem Halse und betrachtete ihn. "Namik Halil, mein Todfeind, ich sende Dich jetzt, um das Blut derer zu retten, die Du im Leben gehasst und verfolgt hast, denn unversöhnlich ist die Rache der Martinowitsch. – Gabriel, mein Sohn durch den Leib meiner Tochter, nimm Abschied von Deinem weib, denn sie und das Kind" – er deutete auf Bogdan – "werden den gang wagen, um die Krieger der Rietschka zu wecken mit der Botschaft ihres alten Führers."
"Vater!" baten Stephana und der Jüngling erschrocken.
"Still! die Kinder der schwarzen Berge wissen zu gehorchen, wenn der Glaware ihres Hauses spricht. Ihr Beide werdet Euch hier unter dem Felsen verbergen, bis der Schatten der Nacht hereinbricht. Dann werden die Feinde fern sein auf unserer Spur und Ihr könnt ungehindert davon schleichen. Du, Bogdan, eilst zu den Kula's der Lubotini und Kozieri und rufst sie zu den Waffen; Du, Stephana, bringst dies Haupt zu den Wohnungen unserer Brüder, der Gradjanen4, an den Ufern der Czernojewitsch und sagst ihnen, Iwo Martinowitsch sende es zum Zeichen, dass er des Knalls ihrer Flinten benötigt sei in der Stunde der Gefahr. Die Frauen wandern frei durch diese Berge, selbst der Moslem ehrt ihr Recht, und die Gefahr ist gering für Dich. Wäre es auch anders – Du bist aus dem Blut meines Stammes. Sagt den Männern der schwarzen Berge, in der verlassenen Kula des Popowitsch Gradjani würden sie uns finden, mit unserm schnellen Blei die Ungläubigen zu Boden streckend. Wenn Ihr Euch eilt, kann die Hilfe zur Stelle sein, ehe die Sonne ihren Strahl über die Berge der Zenta auf die grünen Wellen des Sees wirft. Ich habe gesprochen! Die Wila's mögen Euch und uns gnädig sein!"
Alle wussten, dass gegen die Entscheidung des Beg keine Einrede galt. Auch war der Auftrag, der den Beiden geworden und bei dem vielleicht dessen selbst unbewusst der Glaware von dem geheimen Wunsch mit geleitet sein mochte, sein Blut und seinen Namen zu erhalten, offenbar weniger gefährlich, als die Aufgabe, die den Männern blieb. Stephana, das grausenvolle Sendzeichen des Vaters in ihre Schürze bergend, und der junge Bogdan knieeten vor dem Familienhaupt nieder, seine Hand küssend; der Greis machte in jener eigentümlichen Weise der griechischen Völker mit seinem linken Daumen segnend das Zeichen des Kreuzes über sie und entfernte sich rasch. Stephana warf sich an die Brust des nur eben wieder gewonnenen Gatten und schien sich kaum von ihm losreissen zu können. Aber die drängende Gefahr gewährte hier keine Zeit und die Czernagorzenfrau wusste deren Wert zu schätzen. Noch im Arm ihres Mannes reichte sie dem Griechen die Hand und bat ihn, den Geliebten nicht zu verlassen. Dann verschwand sie rasch mit dem Bruder in eine ginsterbedeckte Felsenspalte, während die Männer dem Beg nacheilten.
Schweigend setzten diese einige Zeit ihren Weg fort, absichtlich an einer geeigneten Stelle sich einem im Tale unten bemerkten Posten der Verfolger zeigend, was von diesem mit einigen nutzlosen Schüssen beantwortet wurde. Nach einer weiteren halben Stunde gelangten sie aus eine sich in leichter Abdachung nach Süden senkende Vergebene, zum teil mit Gebüsch und wilden Kastanienbäumen besetzt, auf der, an eine schützende hohe Felswand gelehnt, die halbzerstörte Kula stand, die sie zu ihrem Zufluchtsort erwählt hatten. Dieselbe war ein viereckiges turmartiges Gemäuer von Kalksteinen, in der Hauptmauer noch wohl erhalten und nur das obere Stockwerk mit dem Gebälk eingestürzt. Kein Feind war zu sehen, und rasch nahmen sie von der Ruine Besitz, häuften Schutt und Balken vor den Zugang und machten die schmalen Fensteröffnungen in den dicken Mauern für die Verteidigung frei. Der Platz bot für kühne und standhafte Männer einen nicht üblen Zufluchtsort, und Alle empfanden dies, als sie nach rasch vollendeter Arbeit sich um den Häuptling am Boden lagerten und nochmals ihre Waffen untersuchten, während Jowan an einer der Schiessscharten scharfen Auges Wache hielt über die Umgebung.
Die Sonne begann bereits hinter den jenseitigen Bergspitzen zu verschwinden, als der Czernagorze das Zeichen gab, dass die Feinde nahten. Im Augenblick waren alle Fünf auf ihrem Posten, alle mit den langen Flinten des Hochlands bewaffnet, da Bogdan die seine, als am raschen Lauf ihn hindernd, an Gabriel gegeben hatte. Ein ziemlich starker Trupp berittener Arnauten sprengte die Bergebene herauf und machte etwa zwei Büchsenschüsse von dem Gemäuer Halt. Offenbar glaubten die Türken, dass sie auf der Spur ihrer Gegner seien, denn sie prüften sorgfältig die ganze Fläche, jedes Gesträuch, jedes Felsenversteck durchspähend und bald nahte ein kleiner Haufe den Ruinen der Kula, misstrauisch die Verrammelung des Zugangs betrachtend, die Waffen zum augenblicklichen Gebrauch in Händen.
Der greise Beg liess sie bis auf etwa sechszig Schritt herankommen, dann stiess er mit seiner donnernden stimme den gefürchteten Schlachtruf seiner Familie aus und gab Feuer