1855_Goedsche_156_183.txt

So gelang es den Verfolgten denn wirklich, die Ostseite der dritten Insel zu erreichen, während die Türken, denen die Schwierigkeiten des Fahrwassers gleichfalls bekannt waren, an der Westseite des langgestreckten Eilands hinfuhren, um an dessen Spitze im freien wasser den Czernagorzen den Weg zu verlegen.

über die Felsen der Insel hin konnten die Verfolgten die Rauchsäule des Schiffes bereits in gleicher Linie mit ihrem Boot streichen sehen, als der alte Glaware das Steuer wandte und quer über den Seearm nach einem Vorgebirge des östlichen Ufers abhielt. Auf seinen Wink strengten Alle ihre Kräfte an den Rudern auf's Neue an und das Boot flog über die Wellen. Die Entfernung der Insel vom Ufer betrug hier eine starke halbe Meile. Während das Dampfboot etwa in gleicher Entfernung um die Nordspitze der Insel bog und die weitere Flucht nach der noch andertalb Meilen entfernten Mündung des Czernojewitschdem sichernden Ufer der Rietschka Nahiaversperrte, war das Boot der Czernagorzen bereits auf Büchsenschussweite am Ufer und näherte sich einer Einbuchtung, als aus dem Gestein des Ufers plötzlich leichte Rauchwolken emporkräuselten und Schüsse ihnen entgegenblitzten. Zwischen den Felsen zeigten sich die weissen Pferde der Albanesen, Posten erschienen auf den Vorsprüngen.

"Das Segel auf!" befahl der Beg, dessen eines Auge in dieser von Minute zu Minute sich mehrenden Gefahr wieder kühn und fest umherblitzte. "Gelingt es uns, das Vorgebirge zu umfahren, ehe jenes dem Teufel verschriebene Schiff heran kommt, so gewinnen wir das Ufer. Diese Kinder des schwarzen Hundes sollen die freien Söhne der Berge nicht fangen, denn um auf jene Seite des Vorsprungs zu gelangen, brauchen sie Zeit."

Die Moslems auf dem Dampfschiffe begriffen zwar das Manöver der Flüchtlinge, doch war es ihnen nicht möglich, vor diesen das Vorgebirge zu erreichen, und nach einer rasenden Anstrengung von etwa zehn Minuten schoss das Boot gesichert zwischen den Klippen der nördlichen Seite hin, um sich eine bequeme Landungsstelle zu suchen, während ohne Resultat mehrere Karonadenschüsse vom Bord des Dampfers nach ihnen abgefeuert wurden.

Als das Boot das Ufer berührte, das noch von keiner Wache des Feindes besetzt war, sprangen Alle eilig heraus, das Fahrzeug seinem Schicksale überlassend und eilten nun, ihre Waffen mit sich nehmend, in die Schluchten der Zenta.

Jowan, dem diese Gegend von früheren Fischerfahrten bekannt war, machte hier den Führer. Sie waren ungefähr eine Viertelmeile diesseits der kleinen Feste Zabljak gelandet, die in den Kriegen zwischen Montenegro und den Türken von Alters her eine so bedeutende Rolle gespielt und auch zu Anfang des letzten Krieges von den Czernagorzen wieder genommen und beim Abzug am 25. December zerstört worden war.

Seit dem geschlossenen Frieden hatte man zwar versucht, die Befestigungswerke wieder herzustellen, doch war dies erst zum geringen teil gelungen und nur ein kleiner Posten hielt sie besetzt, so dass man hoffen durfte, ohne Gefährdung sie zu umgehen, wenn nicht vorher schon der Befehl zu ihrer Verfolgung dort eingetroffen. Von der nächsten Höhe, die sie gewonnen, sahen sie jedoch, dass das Dampfschiff jetzt seinen Lauf nach der halbzerstörten Feste genommen und sie beinahe erreicht hatte. Es galt demnach, sich tiefer in das Gebirge zu werfen, um auf dem Umweg das von Zabljak noch eine starke Meile entfernte Gebiet von Montenegro nach Ueberschreitung der Ziewna zu gewinnen.

Es war bereits hoch am Nachmittag, als sie hier die Fortsetzung ihrer Flucht begannen und in die Berge östlich von Fabljak drangen, so viel als möglich die Richtung nach Norden beibehaltend, um sich ihrem Ziel zu nähern. Aber ihre Vorsicht und ihr Mut waren vergeblich, denn die Furie, die auf ihren Fersen war, verstand zu wohl ihren Vorteil, um ihnen Zeit und Raum zum Durchbruch zu gönnen, und fand in einer vor wenigen Tagen von Podgoritza her in die kleine Feste eingerückten Reiterabteilung neue Hilfe. Der Offizier ihres Vaters, welcher mit einem Haufen wilder Albanesen sie auf dem Dampfer begleitet hatte, war ihrem Willen blindlings gehorsam, und ehe eine Viertelstunde nach der Landung vergangen war, flogen ihre Boten bereits nach den Reiterposten, welche durch die schnellen Sendboten des Paschas von Skadar her entlang der ganzen Küste des Sees noch während der Nacht und des Morgens zum Fange der Flüchtigen aufgeboten worden waren, und deren nächster jenseits des Vorgebirges bereits die Czernagorzen an der Landung verhindert hatte. Zugleich brach ein starker haus aus der Feste auf, um das Ufer der Ziewna und Moratscha zu besetzen und so den Füchtigen den Weg abzuschneiden.

Die Folgen zeigten sich bald. Als der kleine Trupp der Czernagorzen gegen Abend, von dem Beg geführt, aus den Bergen brach, um den ersten Fluss zu überschreiten, wurden sie vom Ufer her mit Flintenschüssen empfangen, und selbst die tollkühne Tapferkeit des greisen Führers musste die Uebermacht der Gegner anerkennen und ihr weichen. Unter einer alten Steineiche sammelten sich die Sieben und hielten Beratung, während immer drohender das Netz der Verfolger sich um sie zusammenzog.

"Die Stunde ist gekommen," sprach feierlich der alte Glaware, "da wir Bog, dem grossen Würger, gehorchen müssen. Wir wollen kämpfen und sterben, wie unsere Väter getan. Das Haus Iwo's wird untergehen in diesen Bergen."

"Du redest weise und recht, Vater," sagte Gabriel, "aber bedenke, ob es nicht möglich ist, uns hier auf irgend einem festen Punkt zu halten, bis uns Hilfe käme von unsern Stammverwandten. Der erste Flintenschuss eines Moslems weckt hundert Mal das Echo an den schwarzen Felsen von Czernagora."

Der Alte schwieg brütend.