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ist, obschon der Mann etwas Fremdes in seinem Aeussern zeigt.

Die kleine Gesellschaft ist schon früher dem Arzt und Journalisten aufgefallen, wie sie jetzt dem hohen Herrn am Rosenbaum auffällt. Er winkt ihr, näher zu treten, und der alte Mann, die Hand des Mädchens fassend, gefolgt von dem Handwerker, naht sich mit ehrerbietigen, von der feinsten Tournüre zeigenden Verbeugungen.

"Wer sind Sie? – Sind Sie fremd hier?"

"Sire! ich nenne mich Ereuxdeven! und komme ausaus dem n e u e n Canton Neuenburg, Sie noch ein Mal zu sehen, ehe ich mein Haupt niederlege auf die Erde meiner und Ihrer Väter."

Der hohe Herr scheint betroffen von der Auskunft, die er erhalten. Auf seinem Antlitz zeigt sich eine schmerzliche tiefe Bewegung. Er sucht sie mit Gewalt zurückzudrängen.

"Ist dies Ihre Tochter, Herr Graf?"

"Mein einziges Kind, Sire, ihre Mutter war aus der Familie Gélieu. Hätte Gott meine Ehe mit Söhnen gesegnet, Sire, so würden diese Sie um eine neue Heimat gebeten haben. Ich bin zu alt, um die gewohnte noch zu verlassen. Diesen Mann hier, den Milchbruder meiner Tochter, den Montagnard mit preussischem Herzen, begleiten wir auf dem Weg nach Schlesien, wo er sich anzusiedeln gedenkt."

Wiederum zuckt es schwer und trübe über das Antlitz des hohen Herrn. Seine Hand bricht unwillkürlich achtlos, wie krampfend vom inneren Schmerz, die Rose von dem Strauch an seiner Seite. –

"Sire!" sagt der Greis, "leben Sie wohl! Möge Gott Sie und Ihr hohes Haus segnen, unser Herz bleibt das Ihre, auch wenn Ihr Premier nicht den preussischen Friedrichsd'or für den neuenburger Groschen wagen wollte!"

"Schweigen Sie, Herr Graf!"

Der Greis beugt sich auf seine Hand und küsst sie. In die Augen des hohen Herrn steigt es trübe emporein Tropfenein kostbares heiliges Nass fällt auf die Rose in seiner Linken; dann reicht er sie dem jungen Mädchen und mit den Worten: "Nehmen Sie, mein gnädiges fräuleinzum Andenken, und bewahren Sie Alle das meinewie ich –" wendet er sich hastig ab und schreitet sichtlich bewegt seiner hohen Gesellschaft zu.

Der majestätische Offizier in der Ulanen-Uniform tritt ihm entgegen mit einem blick nach jener Gruppe: "Immer freundlich und huldreich gegen die Damen, mein Oheim?!"

Ein schweres trübes Lächeln liegt um den Mund des Herrn, als er den ernsten blick zuerst auf der hohen Dame in Weiss und Blau ruhen lässt und ihn dann auf den Fragenden wendet: "Verzeihung, mon neveu, dass ich Sie warten liess. Ich tauschte eben die letzte Rose von Charlottenhof für das Vergissmeinnicht von Sebastopol!"

Ende. Dampfboot hinter der letzten der Felseninseln, Morakowitsch, verschwunden sei. Das hohe Ufer verhinderte ihn, zu bemerken, dass der Dampfer, nachdem er einer Barke begegnet war, von der er die Kunde erhielt, dass kein Boot aus dieser Seite des Sees entkommen sein konnte, an der letzten Insel hielt und Bewaffnete aussetzte, um dieselbe nach den Flüchtlingen zu untersuchen.

Gabriel hatte jetzt die Wache und war an's Ufer gestiegen; die Gesellschaft sass nach ihrem einfachen Mahl, aus der trocknen Castradina und Maiskuchen bestehend, noch immer im Kahn, um jeden Augenblick bereit zu sein. Nur der alte Beg hatte seltsamer Weise den Anteil an der Speise von sich gewiesen, er sass still in sich gekehrt, mit starrem blick, gleich als habe er ein zweites Gesicht, und summte wieder leise die Piesmen seines Stammes vor sich hin, deren so manche die Taten seiner eignen Jugend feierten. Plötzlich fuhren Alle empor bei dem nahen Knall eines Schusses. Wenige Angenblicke darauf stürzte in kühnen Sprüngen von Fels zu Fels Gabriel bleich und blutend zur Bucht, noch ehe seine stimme sie erreichen konnte, zur Flucht winkend. Im Nu war Alles in Bewegung, das Boot abgestossen und dem Eingang zugetrieben. Hier, wo die Ufer zusammentraten, sprang Gabriel in das Fahrzeug.

"Fort, fort, um aller Märtyrer willen, die Ungläubigen sind uns auf der Spur! Sie sind zurückgekehrt und durchsuchen die Insel; ein Trupp hat mich entdeckt, als ich nach dem Schiff spähte."

Mit erneuter Kraft warfen sich Alle auf die Ruder, auch Gabriel, dem die Kugel nur leicht die linke Hüfte gestreift hatte. Das Boot flog in das freie Gewässer, aber ein wildes Jauchzen, der Knall vieler Gewehre verkündeten ihnen, dass sie auch bereits entdeckt worden.

Während der rasenden Arbeit sich umschauend, erblickte Grivas auf der Höhe der Felsen die Verfolger, drohend die Gewehre durch die Luft schwingend, deren Kugeln die Flüchtlinge nicht mehr erreichen konnten; unter den Gestalten der Männer den wehenden Feredschi einer Frau. Ihr ausgestreckter Arm deutete nach der Küste, ihre Befehle jagten die Arnauten nach allen Seiten.

F a t i n i t z a , die Wölfin von Skadar, Fatinitza die Rächerin, war auf ihrer Spur!

Die Lage der Verfolgten war noch immer keine so verzweifelte, als es im ersten Augenblick geschienen hatte. Durch den Zeitverlust, den ihre Gegner notwendig beim Wiedereinschiffen auf den Dampfer und das Herumbringen desselben um die Ausbuchtungen der Insel erleiden mussten, war ihnen ein bedeutender Vorsprung gesichert. Ueberdies ist dieser teil des Sees wegen der vielen aus dem grund sich erhebenden Felsen und Klippen schwieriger für grössere Schiffe zu befahren.