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denen der Leser reges Interesse genommen, sind ohne Abschluss geblieben."

Der Journalist lächelte spöttisch, indem er dem Knaben, der neben ihn getreten, das blonde Haar aus der Stirn strich. "Warum denn Alles immer erschöpfen bis auf die Hefe der Alltäglichkeit? Sind wir nicht schon Philister genug? Soll ich ihnen etwa erzählen, dass der deutsche Demokrat und seine schwarze Gattin von Mariam's Todesgeschenk glücklich und zufrieden unter dem Schutz der despotischen herrschaft des Doppeladlers in Odessa leben, die schwarze Frau ihrer Liebe und er in weitem Wirkungskreise geehrt und gesucht? – Sie selbst sind dem Paar ja dort begegnet und wissen, dass er das beste teil erwählt; denn mit der Mohrin am Arm wäre in den Berliner Strassen ihm die löbliche Gassenjugend nachgelaufen und hätte Pietsch gespielt!"

"Aber Méricourt? Iwanowna?"

"Auf den hohen Bergebenen des freien Daghestan soll ein Haus stehen, halb Palanka, halb Villa, das der Gattin Djemaladin's gehört, des verschollenen Tscherkessenprinzen, die er sich geholt in sternenloser Nacht am Ufer des Kuban. Dort wohnt ein fremder Krieger mit seinem weib, – sie Beide haben Namen und Glanz aufgegeben und mit der Vergangenheit gebrochen; er schwingt den Säbel nicht mehr für Ehre und Fürstengunst, sondern nur, wenn die Gefahr es heischt, für die heiligen Nationalrechte eines freien Volkes; sie vergisst im Arm der Freundschaft und Liebe den undankbaren Fluch eines Bruders. Ob es Méricourt, ob Iwanowna, das Paar, von dem ich hörteich weiss es nicht! Was kümmern mich die Briefe an Herrn Nöhring, meinen Verleger, die nach ihrem Schicksal fragen. Wollen Sie die Badeliste von Kissingen lesen, – Sie finden vielleicht Fürst Iwan darin. Durch die französischen und deutschen Blätter lief schon im vergangenen Winter die artige Anecdote von dem Zuaven-Sergeanten, der ein Kind in den Trümmern von Sebastopol unverletzt in den Armen einer blutbedeckten, anscheinend toten Frau fand und mit sich nahm. Eine trauernde Dameso lautet die geschichte der Zeitungensteigt eines Tages, nachdem die Presse viel von dem kleinen Regimentsknäblein der Zuaven erzählt hat, in Begleitung von Freunden an der Kaserne der Rue de la Pépinière ab; sie fragt nach dem Sergeanten B ......, man sagt ihr, der Herr Lieutenant wohne in der Nachbarschaft. Die Besucher begeben sich dahin. Als die junge Frau in das bescheidene Zimmer des Offiziers tritt, sinkt sie ohnmächtig auf einen Stuhl; sie hat das Kind, das sie zu Sebastopol verlor, spielend am Boden erkannt. Lieutenant B. erzählt einfach, was er getan, und indem er die älteren Rechte ehrt, bittet er nur um die Erkaubniss, den Kleinen von Zeit zu Zeit umarmen zu dürfen. Der Bericht fügt bei, dass der Knabe im Hôtel der schönen russischen Dame mit dem französischen Namen bald Vater und Mutter haben würde. Sind Sie nun befriedigt?"

"Aber – – –"

"Kein 'Aber', Freund, ich habe genug schon gegen das eigene Gefühl gesündigt. Da blicken Sie hin, ein Stück geschichte aus der Gegenwart, das interessanter ist, als jede Romanfigur. Die Mütze ab, mein Junge, hier kommen Die, vor denen sie jeder Preusse zieht."

Equipagen, gallonirte Vorreiter voran, die prächtigen Rappen des Trakehner Gestüts biegen in die Allee und halten vor dem Eingang von Charlottenhof. Ehrerbietig ziehen sich die Zuschauer in die Umgebung des berühmten Rosengartens der Villa zurück. Der prächtige Blumenflor ist zwar längst vorbei, die Hitze des Sommers hatte die Blätter vor ihrer Zeit verdorrt, die Winde haben den Rest zerstreut in die Lüfte und blütenleer stehen die mit seltener Kunst gezogenen und gepflegten Stämme.

Nur an einem Zweig noch blüht in sich entfaltender Pracht eine dunkle Granatrose, gleich einem schimmernden Blutfleck auf dem grünen Gewand der Blätter. Herrlich ist ihr Kelch aufgetan, süss der Duft, der ihr entströmt.

In ehrerbietiger Ferne halten sich die wenigen zufällig Anwesenden, als die hohe Gesellschaft aus dem grünen Rondeel der prächtigen Villa tretend, den leeren Rosengarten durchwandelt. Eine Dame, in einen Schleier gehüllt, die Farben ihrer Robe blau und weiss, wird von einem jungen stattlichen Offizier geführt; der hohe Mann, den auf der Terrasse der Feldmarschall begrüsste, geht an ihrer andern Seite, mit einer still freundlichen Dame sich unterhaltend, die jenen höchsten Ruhm des Frauenhaften selbst auf einem Trone geniesst, dass nur bei Werken des Segens von ihr gesprochen wird. Ein ältlicher, etwas starker Herr von etwa 60 Jahren, in einfacher Uniform, promenirt, mit einem jungen reizenden Mädchen plaudernd, voraus. Seine Stirn ist hoch, das runde offene Gesicht voll Seelengüte und Würde, die von der Kurzsichtigkeit und dem Bedürfniss, sich eines Glases zu bedienen, häufig zwinkernden Augen leuchten Humor und Geist. Der Herr bleibt vor der Rose stehen und betrachtet sie durch das Glas. "Ah magnifique! Sehen Sie einmal, schöne Nichte, ist das nicht deliciös? Noch so spät und so süperbe Entfaltung!" Er verweilt einen Augenblick, während der hohe Kreis weiter schreitet. Sein Auge fällt auf eine Gruppe, die in einem Seitengang des Gartens stehtein hoher, alter und ehrwürdig aussehender Mann von feiner aristokratischer Haltung, an seiner Hand ein junges reizendes Mädchen, und neben ihnen ein schlichter, einfacher Arbeiter in kräftigen Mannesjahren, mit einer offenen Blouse und einem grauen Hut bekleidet, den er jetzt in der Hand trägt und der um einer preussischen Kokarde geschmückt