den Kabinetsrat für den geheimen Verfasser oder Faiseur, denn es ist unglaublich, dass einem der gewöhnlichen Herren von der Feder alle die Hilfsquellen und Mittel zu Gebote gestanden hätten, die offenbar zu dem buch benutzt sind."
"Auf meine Ehre, Durchlaucht," beteuerte der Hofmann, "Sie tun mir Unrecht. Der Autor, wenigstens der, den ich dafür halten muss und den ich freilich das Unglück habe zu kennen, der mir aber gewiss selbst noch irgend eine Bosheit für das Gerücht spielt, war heute im Park. Ich sah ihn unter dem Publikum bei dem fest."
"Ei, und Sie zeigten ihn uns nicht? Sein Name?"
Der in die Enge getriebene Hofrat nannte nach einigem Sträuben, als die Hand der schönen Dame sich halb schmeichelnd halb befehlend auf seinen Arm legte, den bescheidenen Schriftsteller-Namen.
Niemand zollte ihm weitere Aufmerksamkeit, als der Russe; – mit der Gewöhnlichkeit eines Namens schwindet ja so häufig das Interesse an irgend einer bis dahin pikanten Erscheinung.
Der russische kapitän bat den Hofmann, den Namen zu wiederholen, was dieser mit seiner einschmeichelnden gefälligkeit tat. "Er wird vielleicht ein kleines Interesse für Sie haben, Herr von P o t e m k i n , weil Sie selbst ja jene blutigen Tage so ehrenvoll mit durchkämpft," er deutete fein auf die Orden. "Ja – es ist merkwürdig, ich erinnere mich sogar, dass Ihr in Russlands geschichte so berühmter Name in eine Scene an der Donau, ich glaube, bei der Verwundung des Generals Schilder, verflochten ist."
"Ich stand allerdings bei Silistria und hatte bei Inkerman die Ehre, Seiner Kaiserlichen Hoheit bekannt und deshalb zu Höchstseinem Stabe befördert zu werden. Das Buch, von dem Sie sprechen, mein Herr, ist mir jedoch unbekannt und ich fragte bloss nach dem Namen, weil er der meiner verstorbenen Mutter ist. Sie war eine Deutsche und mein Vater lernte sie in dem Feldzuge von 1813 kennen."
"Ihre gnädige Frau Mutter hat vielleicht Verwandte bei uns?"
"Ich weiss es nicht – meine Mutter starb sehr jung – man sagte mir später, am Heimweh. Ich habe nie den meinen Verwandten gehört und mein Kriegerleben von Jugend auf hat mich auch gehindert, danach zu forschen."
Die Gesellschaft erhob sich, denn es zeigte sich eine Bewegung am mittlern Pavillon und aus den Laubgängen von der Seite der berühmten Mühle von Sanssouci her kam, von hohen Militairs gefolgt, ein majestätisch stattlicher Offizier in der Uniform eines preussischen Ulanen-Regiments. Der Feldmarschall ging ihm sogleich ehrerbietig entgegen.
"Bitte, bester Hofrat," flüsterte im Vorübergehen die junge blasse Baronesse dem Civilisten zu, "fragen Sie doch den Herrn, was aus der Gräfin Iwanowna geworden und ob sie sich wirklich noch bekommen haben?" ––––––––––––––––––––––––––––
In der schattigen Allee, nahe der prächtigen und künstlerisch sinnigen Idylle, mit deren Namen ein mächtiger Fürst das Andenken seiner erhabenen Schwester feierte, und die in früheren zeiten, als der unvergessliche, heilig verehrte Vater noch die Krone trug, sein Lieblingsaufentalt war, gingen zwei Männer spazieren, von einem blonden kräftigen Knaben gefolgt.
Wir sind ihnen früher begegnet – auf der Rennbahn bei Berlin, dem Journalisten mit dem losen Mund und seinem Freund, dem Arzt, der damals nach Sebastopol ging. Er ist zurückgekommen aus den südlichen Steppen des russischen Kaiserreichs, wo er nach dem Fall von Sebastopol sich eine Existenz gegründet hat, um noch ein Mal die hochbetagte Mutter zu sehen und die Freundin, die treulich auf ihn, den längst in Russland Verheirateten in stiller unerkannter Liebe gehofft.
"Sagen Sie mir, lieber Freund," fragte der Doctor, "was ist aus der vornehmen schönen Dame geworden, der wir damals zufällig gelegenheit hatten, einen kleinen Dienst zu erweisen? – Besuchen Sie noch ihr Haus, wohin der Herr Gemahl Sie eingeladen?"
"Der Graf ist vor etwa zwei Jahren gestorben und hat sie als reiche Frau hinterlassen. Die Gräfin hat jedoch vorgezogen, die erneuerten Bewerbungen des früheren Verehrers zurückzuweisen, und statt am Cap der guten Hoffnung sich unter den Kaffern und Buschmännern anzusiedeln, mit – einem hübschen an Kindesstatt adoptirten Mädchen auf eines ihrer Güter in Schlesien zurückzuziehen. Doch bei der Erwähnung fällt mir ein, dass Sie ja damals auch mit einer der Persönlichkeiten bekannt wurden, denen man später den gemeinen Verrat der von untreuen Dienern erkauften russischen Depeschen an Frankreich und England schuld gab."
"Wen meinen Sie?"
"Den Mann, der das geheimnis der armen Frau von jenem abscheulichen weib erfahren wollte und leider auch wirklich später durch einen unglücklichen Zufall erfahren hat. Er sog sich wie ein Blutigel an dem Erlauschten fest und erst der Tod ihres Gemahls befreite die Gräfin von seinen Erpressungen."
"Es erfolgten ja damals wohl verschiedene Verurteilungen?"
"Das Sprüchwort von den kleinen und grossen Dieben hat sich nur teilweise bewahrheitet. Es schwebt immer noch ein gewissen geheimnis über der Sache, das die eben verbreitete Nachricht eines Berliner Blattes von der Anstellung einer der Hauptpersonen keineswegs geeignet ist, aufzuklären. E i n Opfer ist freilich der Justiz gefallen. Wenn man, wie Andere, aus aller Zeit dreitausend Taler Anteil an gewissen Versicherungsgesellschaften bezieht, kann man wenigstens den Folgen Trotz bieten. Die Polizeiakten einer nordischen Provinzial-Residenz sollen darüber interessante Daten liefern."
"Lassen Sie mich etwas Anderes fragen. Wollen Sie denn Ihr Buch nicht beenden? So viele der lebendigen Figuren, an