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, das sie so lange beherrscht. Noch dampfen und rauchen die Ruinen der Stadt, noch donnert in langen Zwischenpausen eine einzelne Explosion und von den Nordforts herüber dröhnt von Zeit zu Zeit ein warnender Schuss.

Einzelne Haufen plündernder Soldaten sind bereits in die Vorstadt hinabgestiegen, aber noch wagen nur Wenige, weiter vorzudringen, obgleich man die Stadt jetzt vom Feinde verlassen weiss.

Tausende sind beschäftigt, weite Gräber zu graben, in denen die erbitterten Gegner friedlich neben einander schlafen sollen, bis ein anderer Trompetenstoss sie wecktzum ewigen Weltgericht. Man muss eilen mit den Leichen, denn die Sonne des Südens brennt verwesend und giftige Fliegenschwärme umsummen bereits die toten.

Am fuss des Malachof-Hügels, zu Füssen der drei Männer, graben Zuaven ein einzelnes Graban dessen Seite harmlos ein zweijähriger Knabe spielt. Es ist Nini's Grab, und die Hand des Bruders bettet sie in den Schooss der Erde. Wie Kinder schluchzen die bärtigen wilden Gesellen, die gleichmütig als los der Schlachten tausend tapfere Kameraden an ihrer Seite fallen sahen. –

Die Augen der drei Männer am Hügel schweifen über die Gräber und über die Trümmersuchend und suchendvielleicht bis der Tod sie selbst nimmt. Der Eine hat auch den Liebling vor wenig Stunden in die Erde gebetteter schaut jetzt nach dem Letzten seiner Enkel, welches der weiten Gräber vielleicht ihn birgtdenn a l l e i n ist Fürst Iwan aus dem Kampfe zurückgekehrt! – Der alte Pole an seiner Seite sucht den Einzigen, den Knaben seines Herzens, und sein greises Auge sieht hinüber nach den Felswällen der Sievernaja, als könne es sie durchdringen und erkunden, ob sie den Geretteten bergen? – Der Dritteder stolze Baronet, schaut mit gefalteten Händen, mit unstätem, verzweifelndem blick auf die riesige Trümmer- und Todesstätte und ahnt nicht, wie nahe ihm das Ersehnte, wenn die strafende Hand Gottes den Schleier von seinem Auge nehmen wollte.

drei MännerMänner im Sturme des Lebens! – die ihr Teuerstes verloren und zu ihren Füssen die Gräber und die Trümmer Sebastopols!

Suchet! – Suchet! – Suchet! –

Fussnoten

1 Wegen des Versuchs, den Eisenbahn-Train des Kaisers in die Luft zu sprengen. 2 Osman-Bei. 3 Die südlichste Spitze Siciliens. 4 Il. – kleine Redan.

Die letzte Rose von Charlottenhof.

Zwei Jahre fast sind verschwunden seit der Einnahme Sebastopols, – Frieden sind geschlossen, neue Bündnisse erregen die Welt, der Osten stürzt sich mit Gewalt in die kultur des Westen und reisst die fest gebauten Schranken zweier Jahrhunderte nieder.

Die Dynastie der Napoleoniden ist legitimirt durch Visiten und Gegenvisiten, es hat ein Heer von Sternen geregnetFrankreich hat seinen Sohnund der Hatumayum hat Alles beim Alten gelassen! Unter der Asche Italiens lodert die Revolution und am Ganges zieht das Gericht der Vergeltung herauf für die prahlerischen Wucherer mit dem Blute der Völker.

Was ist anders? – Ein grosses Herz fehlt in den Reihen der Gesalbten und viermalhunderttausend ordinaire Menschen deckt die orientalische Erde!!! – – – ––––––––––––––––––––––––––––

Die sonntäglichen Extrazüge haben Tausende müssiger, vergnügungslustiger Berliner nach dem Paradiese von Sanssouci befördert, von dem sich der Königliche Monarch von Preussen nur den kleinen Raum der obern Terrasse mit der Sterbestätte seines grossen Ahnen bewahrt. Wenn das Leben und Wohnen irgend eines Hofes der Welt öffentlich und dem volk gehörig ist, so ist es das des Königlichen Hauses der Hohenzollern. Der König von Preussen ist ärmer, als der geringste seiner Untertanen; denn er hat in der Tat kaum ein eigenes Haus.

Dieser schöne Zug von Königlichem Socialismus zeigt sich durch die ganze erhabene Familie. Fremde und Einheimische erzählen, dass der ritterliche Prinz von Preussen mit dem beau idéal eines künftigen Regenten, dem Prinzen Friedrich Wilhelm, geduldig vor der Tür von Babelsberg, ihrem herrlichen schloss, gewartet haben, indess das Publikum neugierig und indifferent ihre Arbeits- und Schlafkabinette beschaute. Eben so hindert auf Sanssouci die dünne Schnur vor dem Zugang der obersten Terrasse nicht den blick in die Häuslichkeit des mächtigen Fürsten.

Die Kunstschätze und die herrlichen Anlagen des Parks haben heute nicht allein die Menge nach der zweiten Residenz des Königs gezogen. Erhabene Gäste weilen dort, – Namen, auf welche die Welt schaut, eine hohe Frau, jedem Preussen bekannt und jedem Preussenherzen teuer in ihrem Wittwenschleier, wie einst unter dem Blumenkranz des Mädchens und unter der Krone des grössten Reiches der Welt; – ein Fürst, der eine halbe Erde, sein Erbe reformiren will und der Raum zu dem Versuche findet von der Weichsel bis zum chinesischen Meer, vom Nordpol bis zum Fuss des Ararat; – ein Prinz, der sich im Schlachtgewühl von Inkerman den Lorbeer geholt, den er jetzt in den Myrtenkranz der Braut schlingen will. ––––––––––––––––––––––––––––

Das schöne militairische fest des Mittags, dem der ganze Hof beigewohnt, ist vorüber, die Höchsten Herrschaften haben sich einen Augenblick zurückgezogen, die Hitze hat auch das Publikum vertrieben, und nur einzelne Gruppen von Damen und Herren, meist in reichen Uniformen, bewegen sich in dem duftigen Schatten der riesigen hundertjährigen Orangen und der vergoldeten Broncelauben, während die wasser der herrlichen Cascadenfontainen über ihre Marmorbecken niederrauschen und aus dem Meer grüner Baumgipfel der Strahl der Riesenfontaine seine Perlen in die Lüfte streut.

Auf einer der zierlichen Gitterbänke von Gusseisen sitzen zwei Damen, eine ältere mit festen aristokratisch stolzen Zügen, das Auge beweglich und doch so sicher, die Zweite jung, zierlich und elegant gebaut, zu dem hellblonden