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Diele, die Andern auf elenden Bettstellen oder blutgetränkten Strohbunden, aus denen ekle Flüssigkeit sickert. Die Mauern, das Dach des Saales, von Bomben gespaltenliegen sie da, die UnglücklichenViele noch lebendig, während die Maden bereits an ihren Wunden nagen; Andere halb wahnsinnig vor Schmerz und Leiden, haben sich dem Eingang zugewälzt, um der Hölle zu entrinnen, und deuten sterbend, um einen Tropfen wasser flehend, auf ihre Todeswunden. Der beengende Leichengeruch, dieser Gestank von brandigen Wunden, verpestetem Blute, verwesendem Fleische ist grausenhaft über alle Begriffeselbst der Arzt, der die türkischen Lazarete an der Donau gekannt, schaudert im tiefsten GrauenMéricourt verhüllt das Gesicht. "All' dies unsägliche Elendfür welchen Zweck?!" – Endlich gelangen sie in den zweiten Hofzu der Reihe der kasemattirten Wohnungen. Sie wagen es nicht, eine der wenigen, still und verdrossen umherwandernden Gestalten anzusprechen, um sich nicht zu verratenstube auf stube durchsuchen siealle sind leer, oder die Bewohner stummauf ewig.

Endlich deutet der Arzt auf ein Licht, das aus dem Gitterfenster einer Mauer leuchtetman findet die Tür und öffnet sieein leiser monotoner Gesang, eine jener Todtenklagen summt ihnen entgegen, die melancholisch fallende Melodie der Steppenvölker des Ostens; – sie treten ein: auf einem Feldbett ruht eine halb verhüllte Gestalt, zu ihren Füssen schläft ein kleines Mulattenkind, eine schwarze Frauengestalt kniet daneben und am Kopfende murmelt Iwan der Jessaul, Iwan der Steppenteufel seine Todtengebete. Der Schein einer Lampe fällt auf das Gesicht der Gestalt auf dem Lagerhellbraune Locken umgeben das bleiche Oval, die festgeschlossene Lippe, das volle Kinnden schönen Schwung des Gesichtsden halb entblössten Frauenbusenes ist I w a n o w n a , und der Colonel stürzt an ihre Seite und bedeckt die kalte Hand mit Küssen.

Noch eine andere Scene hat sich im gleichen Augenblick ereignet; – von dem Bruder, der sie emporhebt, gleitet der tränenschwere blick des armen Mohrenmädchens auf den deutschen Arzt. Da stammelt sie seinen Namen, reisst sich los von dem Bruder und streckt Jenem das schlafende Kind entgegen. Er zaudert, er sieht sie mit verwunderten Blicken an, bis sie, mit der Linken das Kind an ihre Brust gepresst, ihn mit der andern Hand in den Strahl der Lampe zieht und diese Hand ihm entgegenhältauf dem vierten Finger der schwarzen Hand glänzt ihm der Granatreif, das Geschenk seiner Schwester, entgegen, den er der Unbekannten gegeben, die in der süssen Nacht von Madara sein Lager geteilt.

Die Wahrheit überkommt ihn mit überzeugender Gewalt, und er drückt Weib und Kind an die Mannesbrust.

Die Todtenklage des Jessaul ist verstummt; flammenden Auges, Angst, Entzücken in allen Zügen, reisst der Colonel den Freund aus den Armen der schwarzen Sclavin zum Lager Iwanowna's – und legt seine Hand auf den Marmor-Busen, den so eben seine Lippen berührt. Der erfahrene Arzt fühlt sofort den leisen Schlag des Herzens, das noch pulsirende Leben. Sein Wink entfernt die Anwesenden mit Ausnahme Nursädih's und seine geschickte Hand beginnt sofort die Untersuchung der Wunden, die nur unvollständig verbunden sind. Nursädih erzählt ihm, dass der alle Jessaul die Fürstin bis in das Fort gebracht, dass Iwan, ihr Bruder, in rasender leidenschaft, all' ihre unendliche Aufopferung vergessend, mit einem Fluch sie dem tod überlassen, weil sein Ebenbild Schmach auf seinen Namen gehäuft und der Rettung des Feindes ihres Volkes die Rettung Sebastopols geopfert habe, – und dass sie, erschüttert, mit gebrochenem Herzen, wieder in jene tiefe Ohnmacht gefallen, die die Unkundigen für den erlösenden Tod gehalten.

Nach kaum zehn Minuten kann der Arzt dem Freunde die Versicherung bringen, dass keine der Wunden des hochherzigen Mädchens tödtlich ist, dass nur der starke Blutverlust ihren gefährlichen Zustand veranlasst hat. Eine rasche Beratung der Männer folgt: die Möglichkeit einer Rettung Iwanowna's liegt in ihrer Entfernung aus dem Fort und man beschliesst, sie zu versuchen. Eine Tragbahre ist rasch aus dem Lazaret herbeigeschafft und von liebenden Händen geordnet. Der Jessaul, dem der Colonel durch Nursädih volle Freiheit, zu gehen und zu kommen, zusichert, will Die nicht verlassen, die er so lange bewacht. Er und der Mohr nehmen die Trage, an deren Seite der Arzt und der Colonel sorgsam über die Bewusstlose wachend gehen, während Nursädih voran den nächsten Ausweg in die Stadt zeigt, ohne das Lazaret nochmals zu berühren, und der Zuaven-Sergeant den Rückzug deckt. Die Hand des allmächtigen Gottes ist über ihnen in den Gefahren der brennenden Stadt, der explodirenden Minen, und als die erste Morgendämmerung über den Höhen von Inkermann dämmert, sind sie bereits im Schutz der französischen Posten.

François Bourdon, der tapfere Zuave, ist nicht allein, auf seinem Arm trägt der Tapfere ein junges Kind, dessen leises Wimmern ihn auf dem Wege durch die Strassen unter die Halle eines halb zerstörten Hauses gelockt und das der leicht zum Mitleid bewegte Soldat aus den Armen einer blutbedeckten erstarrten Frau genommen. Er bringt das Kind dem Regiment als Ersatz für die jetzt tote Schwester! ––––––––––––––––––––––––––––

Es ist wiederum Mittagauf dem Malachof-Hügel sitzen, drei Männer, ernst und düster auf die zerstörte Stadt, auf die blaue Rhede schauend, von der die mächtige Kriegsflotte des Pontus, der Stolz Russland's, verschwunden ist, verbrannt, versenkt in die Tiefen des Meeres