und sie übergiebt ihm den Brief, indem sie um seinen Schutz bittet. Aber die massen trennen sie wenige Augenblicke darauf und vor dem Hagel der Kugeln flüchtet Annuschka unter den Vorsprung eines Hauses, wo ein abgesprengter Stein ihre Stirn trifft und sie bewusstlos und blutend niederwirft.
kapitän Meiendorf hat noch keinen Augenblick gefunden, den ihm so dringend übergebenen, Brief zu lesen; erst als die ersten Colonnen über die brücke zur Sievernaja ziehen, benutzt er einen günstigen Augenblick, ihn zu öffnen. Noch hat er die ersten Zeilen kaum überflogen, als ihn ein Splitter einer der vom Malachof geworfenen Bomben am Kopf trifft. Er fällt dicht zur Seite des Oberstkommandirenden – sein letzter laut ist i h r Name – d i e s e l b e Stunde hat sie vereinigt im Himmelreich! – ––––––––––––––––––––––––––––
Es ist Nacht. Der Riesenbrand des Nicolas-Fort zeigt, dass die Pontonbrücke bereits abgebrochen worden – von Zeit zu Zeit noch fliegt ein Pulvermagazin in die Luft – die Zahl der gesprengten beträgt fünfunddreissig.
Zehntausend Leichen – darunter 4 russische und 5 französische Generale – decken das Schlachtfeld. Jede der beiden Parteien zählt überdies eine gleiche Anzahl Verwundeter oder Vermisster. Von der französischen Garde, die in's Gefecht gekommen, ist die Hälfte getödtet und verwundet. An einzelnen Stellen, vor dem Redan, an der Kehle des Malachof, liegen die Leichen zu Hügeln getürmt.
Während die Artillerie und das Genie arbeitet, Batterien zu errichten und die Befestigungen herzustellen, tragen die Soldaten die Leichen in Haufen zusammen und die Chirurgen verrichten bei Fackelschein ihre blutige Arbeit.
Ein Mann – erschöpft – hat diese verlassen und tritt zu einer Gruppe an den Ruinen des Kurgan. Ein Zuaven-Burnus deckt einen am Boden liegenden Körper – es ist Nini's Leiche, deren kalte Hand winselnd Minette, die kleine Katze des Sergeant-Majors, leckt. Der Alte selbst sitzt kummervoll neben der Marketenderin – sein Arm ist zerschmettert und erst flüchtig verbunden, aber er will die tote nicht verlassen, bis die Kameraden am Morgen sie holen.
Neben ihm, an die Trümmer des Kurgan gestützt, steht Bourdon, der Sergeant, unverletzt im dichtesten Kampfgewühl, die Augen finster, tränenleer auf den Körper zu seinen Füssen gerichtet. Colonel Méricourt spricht mit Jussuf, dem Mohren; – er ist mehrfach, aber leicht verwundet und nach dem Zurückführen des Regiments, dessen Commando er dem einzigen unverletzten kapitän übertragen, in den Malachof zurückgekehrt.
Welland, der trotz seiner schimpflichen Entlassung seine Pflicht als Arzt erfüllt hat, reicht dem Freunde die Hand, er hat bereits den grössten teil der Ereignisse des Tages erfahren. Der Colonel bittet ihn, einem jungen Russen seine Hilfe angedeihen zu lassen, den Jussuf, durch die Nennung seines Namens aufmerksam gemacht, an der Kehle des Werkes aus den Leichenhaufen hervorgezogen. Es ist Olis, der Kosak Iwans, oder vielmehr Iwanowna's, der an der Seite des jungen Fürsten – der Letzte der sechs Brüder – gefallen. Der Arzt erkennt bald, dass menschliche Hilfe hier vergeblich, und sucht nur den Tod des Armen nach Kräften zu erleichtern. Man hat ihn neben Nini gebettet.
Dann erklärt Jussuf, der Mohr, seinem Herrn den Entschluss, in die brennende Stadt hinabzusteigen, deren Wege er kennt und bis zum Paul-Fort vorzudringen, wo – wie ihm der Sterbende beschrieben – die Schwester und die Fürstin gewohnt. Eine drängende Ahnung der Seele treibt den Vicomte zur Begleitung an – auch der Arzt erbietet sich dazu, nachdem er sich einige Augenblicke erholt. Russische Soldatenmäntel, um sie im inneren der Stadt unkenntlich zu machen, sind leicht herbeigebracht von den zahllosen Leichen. Als die Gesellschaft das Werk verlässt und Méricourt die ausgestellten Posten mit dem Passwort befriedigt, gesellt sich stumm, aber entschlossen, Sergeant Bourdon zu ihr.
Es ist ein furchtbarer gang. In der Nähe der Schlachtfelder Leichen auf jedem Schritt; zwischen Trümmern und verstreuten Kugeln, demontirten Geschützen und Munitionskarren schreitet man vorwärts in ein Chaos der Zerstörung. Aber je weiter man vordringt – die russische Armee scheint verschwunden, nur die dunklen Gestalten einzelner Marodeurs schleichen umher, schmerzliches Stöhnen eines Verwundeten und Zurückgelassenen dringt hier und da an ihr Ohr. Brennende Magazine beleuchten von Zeit zu Zeit ihren schaurigen Weg – der Donnerschlag einer aufgesprengten Batterie auf der Westseite zeigt ihnen, dass der Feind wenigstens noch tätig ist in der aufgegebenen Stadt.
So – im Schutz der Dunkelheit oder der grellen Feuersbrunst, der allgemeinen Verwirrung und Zerstörung, die nicht nach Freund und Feind fragen lässt, und in der bergenden Verhüllung ihrer Platschtsch's – gelangen die kühnen Männer, in den Abhängen an der Schifferbucht sich haltend, in die Nähe des PaulsForts. Der Umstand, dass es noch nicht gesprengt oder angezündet, beweist, dass man es noch nicht gänzlich aufgegeben, dass noch menschliche Wesen darin sind. Jussuf schleicht sich voran, die gefährten in einem Versteck zurücklassend; bald kehrt er wieder, er ist auf keine Gefahr gestossen, nur auf entsetzliches Leid – und winkt ihnen zu folgen.
Sie gelangen glücklich in den ersten Hof und durch diesen in eine Höhle der Verwesung und des Jammers, in die Lazarete.
Von allen Schrecknissen des Krieges, die sie erlebt, ist dieser Anblick der schrecklichste, herzbrechendste. Lange Reihen von Verwundeten, mit toten, ja bereits Verwesenden abwechselnd, haben als rettungslos zurückbleiben müssen – faulende und verfaulte Körper in ihrem letzten Todeskampf, dicht an einander gedrückt – ohne Beistand, ohne Pflege, die Einen auf der