1855_Goedsche_156_172.txt

die Batterie Gervais anzugreifen, und die Zuaven fluchen heimlich, dass die Reihe, die ersten zu sein gegen den Malachof, diesmal ihre Kameraden vom ersten Regiment getroffen.

Auf den Säbel gestützt, in Gedanken trotz des furchtbaren Augenblicks verloren, steht der Vicomte. Die leise Berührung einer eiskalten Hand, welche sich auf die seine legt, weckt ihn. Aufblickend sieht er neben sich Nini, die Marketenderin. Ihre Augen sind gerötet von Tränen, ihr bleiches Gesicht drückt Angst und Kummer aus. "Haben auch Sie noch immer keine Spur von ihm gefunden, mein Herr? Verzeihen Sie meine dreiste Frage, die Angst zerreisst mein Herz!" Sie flüstert es leise, denn jedes Geräusch ist streng verboten.

"Sie meinen Jean? Nein, Mademoiselle. Der Bursche wird sich wohl wiederfinden. Doch, was tun Sie hier, Nini? Sie gehören zum Nachtrab und nicht in die vordersten Reihen."

Das Mädchen presste die hände auf das Herz und ihr banger seelenvoller blick schaute bittend zu ihm empor. "O, lassen Sie mich hier, Monsieur le Colonel," flüsterte sie – "wissen Sie denn nicht, dass er ein Russe ist?"

"Ein Russe?"

"Ich wusste es zuerst auch nicht, aber später wurde mir's klar. Vor zwei Jahren war er mein Freund und Beschützer in Parisaber am Abend des 5. Juli traf uns Alle ein furchtbares Unglück und seitdem ist er irrsinnig."

Der Vicomte starrte sie mit Entsetzen ander 5. Juliin seiner Seele stieg ein Bild emporein Gedanke, selbst halb wahnwitzig und dennochall' die sich verkettenden Umständeer öffnete die Lippen zur weitern Frage – –

Da krachte und donnerte es über ihren Häuptern, als wollte der Himmel zerreissen in seinen urewigen Grundfesten. Die sämtlichen Geschütze hatten noch eine volle Ladung gegebender Augenblick war gekommen. Die Generäle, ihren Hut über dem haupt schwingend, erschienen auf der Brüstung, auf dem äussersten Epaulement der Trancheen zeigte sich das Commando-Fähnlein Bosquets, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, ein tausendstimmiges Hurrah erschütterte die Luftund vorwärts ging es zum Sturm.

Mac-Mahon mit der Brigade Espinasse, das erste Zuaven-Regiment voran, links ihm folgend das 7. Linien-Regiment, warf sich auf den Vorsprung des Malachof und auf die linke Façade der Bastion, dort wo dieselbe mit der Courtine zusammenhing. Der Raum zwischen den Laufgräben und dem Ravelin der Bastion betrug etwa 50–70 Schritt im Sturmeslauf, im Nu ist er überflogen, der halb verschüttete Graben überschritten, ohne auf die Hilfe der Sappeurs zu warten, die Abdachung der Wälle erklommen und der Zuave L i h a u t vom ersten Regiment, dem Mac-Mahon die Commandofahne anvertraut, pflanzt sie im ersten Anlauf auf den Wällen des Malachof auf; um sie sammeln sich die emporklimmenden Tapfern.

Die Russen sind bestürztüberwältigt, die Brustwehr ist nur mit den Mannschaften der Artillerie besetzt, die an ihren Stücken niedergestossen werden. Das ganze Innere des Malachof, bis auf den Kurgandie Trümmer des allen Turmesist mit hohen Traversen durchzogen, hinter denen die Soldaten Schutz gegen das Bombardement gesucht. Vereinzelt stürzen die Compagnieen des Regimentes Praga daraus hervorihr tapferer Kommandant Oberst F r e u n d wirft sich mit ihnen dem Feinde entgegen und stürzt verwundet; es ist ein Zusammenstoss Mann gegen Mann, die russischen Offiziere, den Degen in der Hand, stürzen sich auf das Parapet, mit Wort und Geberde ihre Soldaten zum Widerstand ermunternd. Einer nach dem Andern sinken sie unter den Kugeln, die aus nächster Nähe auf sie gerichtet werdenaber der Kampf entbrennt jetzt am ganzen Wall. Man ringt Leib an Leib mit einander in wilder Wut, das Bajonnet ist unnütz geworden, man schlägt sich mit Kolben und Steinen nieder, mit Schaufeln, Protzstangen und Holzstücken, die man von den Geschützblendungen abreisst.

Doch Schaar auf Schaar dringt in das Innere der Bastion ein und das Regiment Praga wird geworfen. –

Die 5. Division unter de la Motterouge hat ein schwierigeres Terrain, als die Stürmer des Malachof, doch steht sie bald in geschlossenen massen an der Front der Courtine und nimmt im Anlauf die Batterie von 6 Geschützen de la Poterne, welche den Malachof flankirt. Während die Kanoniere die Geschütze vernageln, dringt die Infanterie gegen die zweite Verteidigungslinie vor. Das Kartätschenfeuer der Russen schmettert die Spitzen der Colonnen und ganze Reihen nieder, aber Nichts hemmt ihren Lauf. Sie ersteigen die Brüstungen, die Kanoniere werden an ihren Stücken erschlagen und die zweite Linie ist erobert, das 11. Regiment dringt bis an die Tore der Vorstadt!

Die Division Dülac hat im ersten Anlauf den kleinen Redandie (Turm-) Bastion II. – genommen, trotz des furchtbaren Kartätschen- und Musketenfeuers, das Regiment Olonetz zurückgeworfen, einen teil der Geschütze vernagelt und bereits die zweite Verteidigungslinie und den Uschokowaja-Grund erreicht, der kurz zur Rhede führt. Aber hier wirst sich den Eingedrungenen der Major J a r o s c h e w i t z mit einem Bataillon des Regiments Bzelofersk entgegen und mit dem Bajonnet sie bis über die Brustwehr zurück.

Das Glück der Schlacht wendet sich, die Russen sind nur überrascht, nicht überwunden. Die Zurückgedrängten sammeln sich unterm Schutz der in den Ravins des Uschokowaja- und Apollo-Grundes gelagerten Reserven. Zwanzig bespannte Feldgeschütze fliegen herbei und eröffnen ihr Feuer,